dennoch gab er auf die Frage , ob nicht endlich die jetzt so anerkennenswerthen Bewohner des Klosters in ihre Aemter zurückkehren durften , keine entscheidende Antwort ... Bruder Hubertus hatte in San-Giovanni einige Stärkung zu sich genommen ... Der alte Franz Bosbeck , der noch im hohen Alter einer ungebrochenen Kraft sich rühmen zu können gehofft hatte , war er nicht mehr ... Die lange Kette seiner Lebenserfahrungen war zu drückend und schwer geworden ... Schon war es über zehn Uhr - nach italienischem Zifferblatt die dritte Stunde - seine Klostergenossen mußten schon schlafen - wecken wollte er niemand , da ohnehin die Matutin in den nächsten zwei Stunden sie wach rief ... So unterbrach er sein Steigen auf dem schmalen Felsenpfade und setzte sich auf einen verwitterten , mit Moosflechten überzogenen Stein , traurig hinausblickend in die grüne Wildniß , in die stille Mondnacht , in die rauschenden Wasserstürze am Abhang des Felsens - hinaus in jene noch entlegenere Einsamkeit , wo ein deutscher Schwärmer seit länger als zehn Jahren unter Büchern , Schriften und ländlichen Beschäftigungen sich vergraben hatte - ... Alles nächste rundum und in der Ferne war grabesstill - auch San-Giovanni , das zum Handausstrecken vor ihm liegen blieb , ob er gleich um eine Stunde Weges schon von ihm entfernt war ... Die Schwester Paolo Vigo ' s wiedergesehen zu haben , die Erwähnung des » feurigen Hundes « , der Anblick des Kreuzes über dem Neto - alles das hatte mächtig die alten Erinnerungen seines Lebens geweckt - ... Welche Reihe von Schicksalen konnte er überblicken - ! ... Seine Jugend verlebt unter Räubern ... Die einsame Mühle eines Diebshehlers ... Die Gefangennahme der Picard ' schen Bande ... Das Hochgericht ... Die Meeresfahrt des holländischen Rekruten ... Java mit seinen braunen Menschen , Palmen , Löwen , Schlangenbeschwörern ... Wieder dann Europa ... Deutschland , zur Zeit Napoleon ' s - Schloß Neuhof mit seinen grünen Wäldern - Der grimme Wittekind - Hedwig , seine geopferte Liebe ... Brigitte von Gülpen ' s Betrug - ... Die Flucht in ein schützendes Kloster - die Verwilderung der dortigen geistlichen Zucht - sein treuer Beistand durch Abt Henricus - seine Reisen - seine That am melancholischen Bruder Fulgentius , den seine Hand vom Riegel nicht losschnitt , an dem er sich erhängt hatte - die Begegnung mit Hammaker , einem so hochgebildeten Manne , der dennoch ein Mörder werden konnte - mit Klingsohr - mit Lucinden - die Flucht in den blitzgespaltenen Eichbaum - die Flucht nach Italien - die Gefangenschaft auf San- in Montorio - die Nacht auf Villa Rucca - Pasqualetto ' s Tod - dann seine Reise , um den Bischof von Macerata und den Pilger von Loretto zu entdecken - ... Wie führte ihn schon allein die Erwähnung des treuen » Sultan « , welcher durch Paolo Vigo , den Pfarrer von San-Giovanni , ein so trauriges Ende nehmen sollte , so lebhaft in die Tage zurück , wo Italiens Reiz dem » christlichen Schamanen « , wie ihn Klingsohr genannt , die alte Abenteuerlust weckte - ! ... Als damals Hubertus , entlassen und abgesandt vom Fürsten Rucca , vom Cardinal Ceccone , von Lucinden und vom frommen Mönch Ambrosi , dem bischöflichen Kapitel von Macerata gerathen hatte , die wunderthätige Madonna zu verbergen , hatte er sich die Bevölkerung der nördlichen Felsenküste des Kirchenstaats zu Bundesgenossen für die Ausführung der Befreiung des Bischofs gemacht ... Durch die Volkswuth über die fehlende Madonna geängstigt , lieferten die Anhänger Grizzifalcone ' s den Bischof ohne Lösegeld aus ... Ueber den Pilger von Loretto jedoch hatte Hubertus vergebens gesucht , irgend etwas in Erfahrung zu bringen ... Schon konnte sich Verdacht regen , daß wol gar der gespenstische fremde Mönch , der , ohne sich deutlich ausdrücken zu können bettelnd bald hier bald dort auftauchte , selbst der Mörder des Grizzifalcone sein mochte ... Hubertus mied die ausgestellten Wachen der Schmuggler , mied die Gensdarmen , welchen er schwerlich , in Folge der Rucca ' schen Drohungen , eine willkommene Erscheinung sein konnte , und quartierte sich auf einer Strecke von zehn Miglien bald an der Küste bei Fischern , Zöllnern ein , bald landeinwärts sich wagend , in Klöstern oder bei einsamen Häuslern ... Vorausgeeilt war er der Kunde , daß Grizzifalcone in Rom von der Hand eines Mönchs gefallen war ... Er vernahm sie zuerst im Kreise von zechenden und ihre Beute theilenden Schmugglern ... An der Art , wie sie ihre Dolche schwangen und ihm Rache schwuren , erkannte er seine Gefahr ... Von den vielen Wohnungen , welche der Räuberhauptmann innezuhaben pflegte , hatte er eine nach der andern durchspäht und nichts konnte er in ihnen von einem Gefangenen entdecken ... Da schloß sich ihm eines Morgens ein Hund an , der , von langer Wegwanderung so hinfällig wie er selbst , ihm zur Seite schlich , anfangs ihm einen unheimlichen Eindruck machte , dem er ausweichen mußte , der aber dann immer mehr sein Mitleid erregte ... Mit dem Wenigen , was er selbst noch an Eßwaaren bei sich trug , erquickte er das verhungerte Thier ... Der Hund umschnupperte ihn , wie einen alten Bekannten ... Auffallend war ihm der stete Trieb des Thiers , zum Meeresstrand zu gelangen ... Schon war vorgekommen , daß gegenüber kleinen Eilanden , die vom Felsenufer abgerissen aus dem Meeresspiegel aufragten , sein Begleiter ins Wasser sprang , hinüber zu schwimmen versuchte und vom mächtigen Wogendrang zurückgeworfen , winselnd wieder zu seinen Füßen kroch ... Hubertus war ein zu guter Jäger , um sich nicht zu sagen : Dem Thier muß irgend eine große Sehnsucht inne wohnen , der nur die Sprache fehlt ... Jener Felseneilande gab es hie und da größere ... Sie schienen bewohnt ; wenigstens wurden sie dann und wann , besonders im Abenddunkel , von Nachen umfahren ... An einem der schroffsten , zu welchem gewiß eine schützende Bucht gehörte , die sich , da sie