nur die Hand , will sie nur einmal trinken aus dem Becher , den man ihr von Kindheit an fortwährend lockend an die Lippen hält — zeigt sich auch nur , daß sie durstig ist . . . . Schmach und Schande ! Sünde — schamlose Sünde — erbärmliche Schwäche — hysterische Verrücktheit ! schreit man ihr entgegen — bei den Strengen wie bei den Milden , den Alten und den Jungen , den Frommen und den Freien . Sie hatte gezeigt , daß sie durstig war , und sich damit des einzigen Menschen beraubt , der sie hätte retten können . Und sie sehnte sich so sehr nach ihm . Sie wollte doch zu ihm flüchten . Bei ihm wird sie gesund . . . Sie wußte , wo Eugenie das Reisegeld aufbewahrt . . . Nicht einmal das vertraute Papa ihr noch an . . . . Sie begann wieder zu weinen . Meinetwegen mochte er sie verachten . . . . Ganz demütig will sie ihn bitten : Lieber , lieber Mani — behalte mich bei Dir , schütze mich nur . . . . gegen die andern . . . . — Besonders gegen Eugenie ! Wie sie sie haßte — die mit so einer kalten Gewalt alles an sich zog . . . . Die ganze Welt beherrschte sie ! Der Doktor hatte sich auch schon in sie verliebt . Da machen sie natürlich gemeinsame Sache gegen sie — und verraten Papa alles , alles — die schlechten Menschen . . . . Ach — die Angst — die Angst ! Agathe läuft in ihrem Zimmer herum — immer hin und her — hin und her . Sie ist allein . Eugenie hat für eine Stunde von ihr Abschied genommen , sie soll sich aufs Bett legen und ruhen unterdessen . Eugenie fährt mit dem Doktor spazieren in seinem offenen Wagen , den er selbst kutschiert . Wie sie da oben thronte — den schelmisch-lauernden Zug um den Mund , das schwarze Hütchen auf dem blonden Haar — aus allen Fenstern blickte man ihr nach . Mit ihm fahren war die höchste Ehre , die der Doktor zu vergeben hatte . Auf die Straße kamen die Damen gelaufen und machten neidische Glossen . Aber Frau Eugenie vergiebt sich nichts . Zwischen ihr und dem Doktor sitzt Wölfchen in seiner strammen , militärischen Haltung mit der kleinen Soldatenmütze . Und triumphierend hatte sie rings umher gegrüßt und gewinkt , während der Doktor an den Zügeln zog und die Pferde lustig ausgreifen ließ . Die Heuchlerin . . . . die Heuchlerin . . . . Agathe lachte in der Einsamkeit , ballte die Hände und schüttelte sie drohend . Mich hat man nicht mitgenommen , vor mir fürchten sie sich wohl — aber der kleine Junge , was kümmern sie sich um den ? Wenn sie draußen sind , wo keiner sie mehr sieht , da küssen sie sich — der Doktor und — Eugenie ha ha ha — und Walter küßt sie auch und Wölfchen — alle küssen sich . Martin und die Kellnerin und der Commis — alle , alle . . . pfui ! Warum kommen sie zu ihr ins Zimmer — das ist so boshaft . Sie hält sich die Augen zu . Sie darf das nicht sehen . Sie ist doch ein anständiges Mädchen . Nein — nein — nicht mit Fingern auf mich zeigen ! Habt doch Erbarmen . Schont doch wenigstens meinen lieben Papa . . . . — — Als Eugenie heimkam , sah sie die Jalousien bei ihrer Schwägerin noch geschlossen . Aus der frischen , hellen Herbstluft trat sie fröhlich erregt in das halbdunkle Zimmer . “ — Mädchen — was ist Dir ? ” In der Ecke zwischen der Wand und dem Ofen stand ein gestickter Lehnstuhl . Hier kauerte Agathe , die Kniee hochgezogen , die spitzen Schultern vorgestreckt , die Ellbogen an sich gepreßt — das gelbe , hohläugige Gesicht mit einem unbegreiflichen Ausdruck von Entsetzen vor sich ins Leere starrend . “ Mein Himmel — fehlt Dir etwas ? ” Eugenie ergriff sie am Arm und schüttelte sie . “ Du siehst ja aus , daß man sich fürchten könnte . ” Agathe starrte ihr schweigend , drohend in die Augen . “ Höre , Du , ” rief die junge Frau Heidling , “ ich schicke zum Doktor . . . ” Ein gellender Schrei — ein wilder Lärm und der Ruf : Zu Hilfe ! — Hilfe . . . ! Die Zimmernachbarn , Kellner und Wirtin stürzten in wirrem Durcheinander herbei . Agathe hatte ihre Schwägerin zu Boden geworfen , kniete auf ihr und suchte sie zu würgen . Sie lachte , sie schrie und stieß irre Worte aus . Mit brutaler Gewalt mußte die Tobende gehalten — der zarte Mädchenkörper gebändigt und gefesselt werden . Bis tief in die Nacht hinein saßen und standen vor dem Kurhaus die Damen zusammen und besprachen das Geschehene . Ein junges Mädchen hatte den Verstand verloren — es war nichts gar so Seltenes in dem Badeorte . Man zählte die Fälle der letzten Jahre . Und man flüsterte schaudernd und zeigte sich diese und jene , die wohl auch nicht weit davon waren . Teilnehmend drängte man sich um Eugenie . Sie trug einen Tüllshawl über einer roten Schramme am Halse und gab mit halblauter , mitleidig-ernster Stimme Auskunft . Zwei Wärterinnen hüteten die Kranke . Es durfte niemand zu ihr . Morgen sollte sie transportiert werden . — Nein — man wußte keinen Grund — absolut keinen ! Eine unglückliche Liebe ? Bewahre — in früheren Jahren — aber Agathe war immer ein so verständiges Mädchen gewesen . . . . Gott — prüde , zurückhaltend konnte man sie eher nennen . Nicht wahr , Lisbeth ? — Und sie beide hatten sich immer so gut gestanden — sie waren ja Freundinnen von Kindheit her . . . Zu schauerlich —