wie früher am Erkerfenster stand , so begegnete ihr Blick auch draußen den allbekannten [ 256 ] Gegenständen , als sei sie nie fort gewesen . Die letzten drei Monate sollten und konnten für sie ja auch nichts Anderes sein , als ein schwerer banger Traum , aus dem sie jetzt erwachte zu der alten Freiheit ihrer Mädchenjahre , und zu einer besseren , als die ehemalige , denn jetzt lauerte das Gespenst der Sorge nicht mehr drohend auf jedem Schritte , den sie und die Ihrigen thaten ; jetzt brachte nicht jeder neue Tag wieder neue Demüthigungen und neue Opfer ; jetzt wurde nicht jede Stunde des Familienlebens vergiftet durch die Furcht vor der vielleicht morgen schon drohenden Schande des Ruins und vor all seinen furchtbaren Folgen . Das alte edle Geschlecht der Windeg konnte wieder auftreten im vollen Glanze der Macht und des Reichthums . Wer die Rabenau ’ schen Güter besaß , war reich genug , alle früheren Verluste damit zu decken und sich und den Seinen eine glänzende Zukunft zu bereiten . Freilich ein Schatten blieb noch immer zurück in all dem neuen Sonnenschein , der dem Baron und auch einst Eugenien so sehr verhaßte bürgerliche Name ; aber auch das konnte nur eine Frage der Zeit sein . Das schöne , geistvolle Mädchen hatte schon in ihren eigenen Kreisen manchen Verehrer gefunden , der wohl früher oder später zum Bewerber geworden wäre , trotz der offenkundigen Verhältnisse ihres Vaters . Eugenie Windeg war ganz danach , es einen Mann vergessen zu lassen , daß er die Tochter einer armen und verschuldeten Familie in sein Haus führte . Der alte Berkow hatte damals mit roher Hand in all jene Pläne und Anknüpfungen gegriffen und den Preis seinem eigenen Sohne zugewandt . Er hatte die Macht , zu fordern , wo Andere erst werben mußten , und wußte sie zu gebrauchen . Jetzt aber wurde Eugenie wieder frei ; der nunmehrige Majoratsherr konnte ihr eine reiche Mitgift sichern ; er kannte mehr als einen Standesgenossen , der gern , und nicht blos aus Berechnung , bereit war , die einst zerrissenen Fäden wieder anzuknüpfen und mit dem Namen auch die letzte Erinnerung an jene Heirath zu verwischen , indem er durch eine ebenbürtige Vermählung die junge Baroneß wieder auf die gleiche , wenn nicht noch auf eine höhere Stufe erhob , als die war , auf welche die Geburt sie gestellt hatte . Dann war der letzte Flecken getilgt von dem Wappenschilde der Windeg und es strahlte wieder im hellsten Glanze . Aber die junge Frau sah gar nicht so ruhig und hoffnungsfreudig aus , wie man es nach all diesem Sonnenschein des Glückes doch hätte erwarten sollen . Schon wochenlang war sie im väterlichen Hause , und noch immer wollte die Farbe nicht auf ihre Wangen zurückkehren und der Mund das Lächeln nicht wieder lernen . Sie blieb hier , umgeben von all der Liebe und Sorgfalt der Ihrigen , so bleich und still , wie sie nur je an der Seite des ihr aufgedrungenen Gatten gewesen , und auch jetzt schaute sie hinunter auf das Gewühl zu ihren Füßen , ohne daß es auch nur einer der wechselnden Gestalten in der auf- und abfluthenden Menge gelang , ihre Aufmerksamkeit für einen Moment zu fesseln . Es war jener leere , träumende Blick , dem die nächste Umgebung völlig verschwindet , und der statt dessen etwas ganz Anderes an einem ganz anderen Orte sieht . „ In Eurer Residenz verlernt man ja Alles , sogar die Sehnsucht nach der Waldeinsamkeit ! “ Das schien hier nicht zuzutreffen . Eugenie sah aus , als sehne sie sich recht schmerzlich danach . Der Baron pflegte vor dem Spazierritt , den er gewöhnlich gegen Abend unternahm , stets auf eine halbe Stunde zu seiner Tochter zu kommen ; auch heute geschah das , aber heut war seine Miene wichtiger als sonst und er hielt ein Papier in der Hand . „ Ich muß Dich diesmal mit etwas Geschäftlichem behelligen , mein Kind , “ begann er nach kurzer Begrüßung . „ Ich habe soeben eine Conferenz mit unserem Rechtsanwalt gehabt , die über Erwarten befriedigend ausgefallen ist . Der Vertreter der Gegenpartei ist in der That bevollmächtigt , all unseren Wünschen entgegenzukommen ; die Herren haben sich bereits über die nothwendigen Schritte geeinigt , und die ganze Angelegenheit wird sich voraussichtlich weit schneller und leichter erledigen lassen , als wir zu hoffen wagten . Ich bitte Dich , dies Blatt zu unterschreiben . “ Er hielt ihr das Papier hin ; die junge Frau schien hastig danach greifen zu wollen , aber auf einmal ließ sie die ausgestreckte Hand wieder sinken . „ Ich soll – ? “ „ Nun , Deinen Namen unter diese Schrift setzen , weiter nichts , “ sagte der Baron ruhig , indem er das Blatt auf den Schreibtisch legte und ihr einen Sessel heranschob . Eugenie zögerte . „ Es ist ein Actenstück – soll ich es nicht zuvor durchlesen ? “ Windeg lächelte ein wenig . „ Wenn es ein Document von Wichtigkeit wäre , so hätten wir es Dir selbstverständlich zur Durchsicht vorgelegt ; es handelt sich hier aber nur um den Scheidungsantrag , den der Justizrath in Deinem Namen stellen wird und wozu er Deiner Unterschrift bedarf – eine bloße Förmlichkeit zur Einleitung des Processes . Die Details folgen erst später . Wenn Du indessen den Wortlaut kennen zu lernen wünschest – “ „ Nein , nein ! “ unterbrach ihn die junge Frau abwehrend , „ dessen bedarf es nicht . Ich werde unterschreiben ; aber es muß doch wohl nicht gerade jetzt in dieser Stunde sein ; ich bin augenblicklich nicht in der Stimmung dazu . “ Der Baron sah sie höchst befremdet an . „ Stimmung ? Es handelt sich hier nur um eine Namensunterschrift ; sie wird in einer Minute vollzogen sein , und ich habe dem Justizrathe versprochen , ihm das Blatt noch heute wieder