auf der Seele ; aber das gerade machte sie pikant ... Die Herren , die bewundernd um sie her standen , hatten ja alle , ehe sie sich standesgemäß verheiratet hatten , kleine Liaisons gehabt – lächerlich , wer dabei an Sünde denken wollte ! Aber ein nicht zu sühnendes Verbrechen wäre es gewesen , aus einem solchen Spaß Ernst zu machen und bürgerliches Element in das blaue Blut zu mischen . Die letzte Zweiflingen hatte mit bewundernswertem Takt und Standesgefühl das Erniedrigende ihrer sogenannten Brautschaft begriffen und , vollkommen berechtigt , die Kette zerrissen , die sie hinabziehen wollte . Von dem , der darüber zugrunde ging , sagte man einfach , im Hinblick auf die Motte , die sich an das strahlende Licht wagt und elend verbrennt : » Warum war er so einfältig ! « ... Fluch , Fluch und ewigen Haß der ganzen Kaste , die Gottes Gebote und Absichten geradezu auf den Kopf stellt , die sich einen Thron baut aus zertrümmerten Menschenrechten und darüber hinaus in alle Welt ihr Banner flattern läßt mit dem hohnvollen Wahlspruch : » Mit Gott und Recht ! « Der Portugiese stieß ein dumpfes , heiseres Hohnlachen aus , seine Rechte krümmte sich zur Faust und zuckte hoch in die Luft , als wolle sie mit einem zerschmetternden Schlag wieder niederfallen , während die Kiesel zu den Füßen des empörten Mannes umherstoben – diese kleinen , abgerundeten Steine glänzten in der Sonne und rollten flink und lustig weiter ... Waren nicht auch einstmals die blanken Kupferdreier der kleinen Gräfin Sturm hingerollt ? Und hatte nicht eine unbarmherzige Faust den armen , gebrechlichen Kindskörper geschüttelt , in dem ein mißverstandenes , barmherziges kleines Herz schlug ? ... Aus dem grüngoldenen Halblicht , unter den Eichenwipfeln , umsprüht von den funkelnden Tropfen des Wasserstrahles , dämmerte ein Mädchenhaupt mit blond niederwallendem Haar empor , und die blaßroten , unschuldigen Lippen sagten lächelnd : » Die schlimme Zeit liegt hinter mir . « Die gehobene Faust des Portugiesen sank schlaff nieder , und seine Linke legte sich über die Augen . Er hörte nicht , wie drin das Musikstück , in dem ein diabolischer Geist wühlte und sprühende Raketen aufwarf , geschlossen wurde ; er sah und hörte nicht , daß Frauengestalten an ihn heranschwebten und die feinen Lackstiefel der Herren mit leisen Sohlen auf den Kies heraustraten ... Eine leichte Hand klopfte schmeichelnd auf die Schulter des » Träumers « . » Nun , mein lieber Oliveira ? « fragte der Minister . Der Portugiese fuhr bei dem Klang dieser Stimme empor und wich zurück , als sei die Hand , die ihn berührt hatte , rotglühendes Eisen gewesen . Er stand plötzlich in seiner ganzen Majestät vor der » zutraulichen Exzellenz « und maß den schmächtigen Mann mit einem stolzen Blick von Kopf bis zu Füßen . » Was wünschen Sie , Fleury ? « fragte er zurück , den Namen ohne jedwede Titelverzierung schwerbetonend . Die Wangen Seiner Exzellenz färbten sich mit einer aufflackernden Röte , und die plötzlich entschleierten Augen funkelten in maßloser Entrüstung ; über die Gesichter der umstehenden Kavaliere aber glitt ein unverkennbarer Ausdruck von Schadenfreude . Sie sämtlich waren Kreaturen des Ministers ; bei allem übermäßigen Dünkel auf ihre alten , aristokratischen Namen litten sie es doch stillschweigend , daß der allmächtige Minister ihre Standesattribute in seiner Anrede ignorierte , während sie die » Exzellenz « so ängstlich streng festhielten wie die » Durchlaucht « dem Fürsten gegenüber . Sie knirschten in den Zaum , und das Lächeln der Unbefangenheit wurde ihnen blutsauer , aber sie lächelten trotzdem – war doch Seine Exzellenz in solch zutraulichen Momenten guter Laune und manchem stillen Wunsch zugänglich ... In diesem Augenblick aber hatte er seinen Meister gefunden – die Lehre war ihm zu gönnen . Er machte ihnen übrigens nicht die Freude , seiner Verblüffung weiteren Ausdruck zu geben – Seine Exzellenz bemerkte ja nie eine Niederlage , die zu strafen augenblicklich nicht in seiner Macht lag ; er hatte die Antwort nicht verstanden und reichte mit bewundernswürdiger Gelassenheit der sehr verlegenen Gräfin Schliersen den Arm . Der Fürst , der , die Baronin Fleury führend , achtlos an der kleinen Szene vorübergegangen war , winkte Oliveira an seine Seite , und während die Gesellschaft langsam durch die schattigen Alleen wandelte , erzählte der Portugiese , von dem Fürsten mit ziemlich fühlbarer Neugierde befragt , von seiner brasilianischen Heimat . Alles lauschte schweigend , der Mann sprach zu interessant . Der erste Eindruck , nach dem dieser merkwürdige Fremde in steter Verneinung , ja , in unausgesetzter Kriegsbereitschaft anderen gegenüberstand , verschwand vollständig . Die Damen waren bezaubert von dem Klang seiner Stimme , und manchem Kavalier , der nichts besaß als seine Hofcharge und die damit verbundenen , ziemlich schmalen Einkünfte , schwindelte bei der Schilderung der großartigen Eisenbergwerke , die , durch einen regelrechten Betrieb ausgebeutet , dem Portugiesen kolossale Summen einbringen mußten . Auf die Frage des Fürsten , weshalb er Brasilien verlassen und gerade Thüringen zu seinem Aufenthalte gewählt habe , schwieg Oliveira einen Augenblick , dann sagte er fest , mit einem ganz besonderen Nachdruck , wobei jedoch seine Stimme eigentümlich bedeckt klang , er werde den Grund Seiner Durchlaucht in einer besonderen Audienz mitteilen . Der Minister sah überrascht auf ; ein lauernder tief mißtrauischer Blick hing sekundenlang durchbohrend an dem Profil des Portugiesen , und obgleich der Fürst in diesem Augenblick die Audienz in Aussicht stellte , konnte doch jeder , der das Gesicht des Ministers nur einigermaßen kannte , sicher wissen , daß der Tag , der diese » besondere Audienz « bringen sollte , niemals kommen werde . Jenseits der Schloßgartenmauer blieb der Fürst unter den schattigen Ulmen stehen und betrachtete das Holzgerüst eines neuerbauten Hauses von ziemlich bedeutender Ausdehnung . Es lag , wenn auch nur in geringer Entfernung von Neuenfeld , doch ziemlich isoliert , gleichsam auf dem vorgestreckten Knie des gegenüberliegenden Berges und war wohl heute