die Kammerjungfer Minna in Hut und Schal auf die Türschwelle ; sie hatte offenbar schon länger draußen gewartet und kam , ihre Dame an das Fortgehen zu erinnern . » Es ist sehr spät – « meldete sie unterwürfig , aber mit unruhig flackernden Augen – » und wenn die gnädige Frau heute wirklich das Geschäft noch abmachen wollen – « Lucile ließ sie nicht ausreden . Wie eine gereizte kleine wilde Katze sprang sie auf ihre Schwägerin los , als beabsichtige sie , ihr die Augen auszukratzen . » Du bist von jeher mein böser Geist gewesen , « zischte sie durch die Zähne . » Meine Triumphe hast du mir stets geschmälert , wenn nicht gestohlen , gelbe Zigeunerin , hochmütige Pflanzerprinzessin , du , indem du dich vordrängtest , indem du dich auf deine Baumwollsäcke stelltest – dagegen kommen bei euch drüben wirkliche Schönheit und Anmut natürlich nicht auf . Die dummen Leute bildeten sich nachgerade wirklich ein , die kleine Deutsche reiche dir das Wasser nicht , und schließlich haben sie dich auch noch zu meinem Zuchtmeister gemacht ... Aber nun ist an mir die Reihe , Donna de Valmaseda ! Nun sollst du sehen , was Lucile Fournier in Deutschland wert ist ! ... Wenn ich bedenke , daß ich hier nur zu winken brauche , um alt und jung zu begeistern , so begreife ich selbst nicht mehr , wie ich ' s acht Jahre lang drüben in der Einöde , zwischen euren Reisfeldern und Zuckersiedereien ausgehalten habe . « Sie griff nach dem Sonnenschirm , den sie vorhin auf den Stuhl vor Paulas Bett geworfen hatte , und fegte mit ihrer seidenraschelnden Schleppe hinaus . Im Krankenzimmer huschte sie zu José hin und strich ihm mit schmeichelnder Hand das Haar aus der Stirn . » Mache , daß du aus dem Käfig da heraus kommst , Herzle ! « sagte sie . » Du bist ja wieder gesund wie ein Fisch und könntest längst mit Pirat im Garten herumtollen ... Geh , sei ein rechter Junge und leide es nicht , wenn sie dich noch länger mit Spitalsuppen füttern wollen ... Adieu , Schatz ! « Wenige Augenblicke darauf sah sie Donna Mercedes in Minnas Begleitung eiligst durch den Vorgarten schreiten . Drüben auf der Promenade wurde ein eben leer vorüberfahrender Mietwagen angerufen , und die kleine Frau fuhr nach der Stadt , um jedenfalls wieder einmal mit großen Einkäufen heimzukommen . Donna Mercedes sah ihr mit tiefverfinsterten Augen nach . Sie fühlte dieser gefallsüchtigen , vergnügungstollen Frau gegenüber oft das leidenschaftliche Verlangen , die Flinte ins Korn zu werfen und sich loszusagen . Auch jetzt durchfuhr ihr Herz der heiße Wunsch , der davonrollende Wagen möchte mit seiner schönen Insassin in die weite Welt hineinfahren , um – nicht wiederzukehren ... Sie schrak zusammen und sah sich scheu um , als habe sie diesen blitzähnlich auftauchenden Gedanken laut ausgesprochen , und irgend eine in der Nähe lauernde böse Macht könnte sich seiner bemächtigen . Dabei fühlte sie den todestraurigen Blick ihres Bruders vorwurfsvoll auf sich ruhen , und beschämt gedachte sie der heiligen Versicherungen , die sie ihm gegeben , und unter denen er beruhigt die Augen für diese Welt geschlossen hatte ... O wunderliches Frauenherz ! Unter den furchtbarsten Schicksalsschlägen ausdauernd und mit unerschöpflichem eigner Kraft sich immer wieder stählend , bäumte es sich gegen die Nadelstiche einer boshaften Zunge und fühlte den Mut erlahmen ! ... Dieses leichtfertige Schmetterlingsgeschöpfchen , die kleine Frau , die eben noch einmal im Davonfahren den Lockenkopf wie triumphierend nach dem Schillingshof zurückgewendet , sie war keine Erzieherin , kein Beispiel , kein Schutz für ihre Kinder ; sie gefiel sich darin , durch heimliches Einflüstern , wie auch durch offenkundiges , rücksichtsloses Vorgehen das Wirken anderer in den jungen Seelen zu verwischen ; und doch mußte alles geschehen , sie den Kindern zu erhalten , denn sie war und blieb die Mutter ... Für Donna Mercedes selbst aber fielen noch mehr die immer aufs neue wiederholten inständigen Bitten ihres Bruders ins Gewicht , nach welchen sie alles aufbieten sollte , Lucile vor jeder Aufregung zu bewahren , damit sich ihr Brustleiden nicht weiter ausbilde . Wie oft hatte er angstvoll die Hände gerungen bei dem Gedanken , daß später unheilbare Schmerzen den zarten Körper heimsuchen könnten , den er bis zum letzten Atemzug über alles geliebt ! ... Ruhiger geworden , setzte sich Donna Mercedes zu José und sprach mit leiser , sanfter Stimme zu ihm . Die laute , lebhafte Mama mit ihrem ungedämpft hohen Organ und den umherfegenden , seidenrauschenden Gewändern hatte den kleinen Patienten aufgeregt . Die dichten Fenstervorhänge mußten zugezogen werden , weil er sich selbst gegen das durch die verdüsternde Säulenhalle und den herabgelassenen Rollvorhang sehr gemilderte Tageslicht wieder empfindlich zeigte ; er schrak beim leisesten Geräusch zusammen , und der Puls ging beschleunigter . Über dem Bemühen , die bösen Folgen der Aufregung zu beseitigen , war es Abend geworden . Deborah machte im großen Salon den Teetisch zurecht und fragte an , ob sie auch für Paula , die seit Josés Erkranken um diese Zeit stets bei ihrer Mama war , die Abendmilch herüberbringen dürfe ; sie habe zwar drüben alles zum Tee vorgerichtet , aber die gnädige Frau sei noch nicht zurückgekommen . Donna Mercedes sah befremdet nach der Uhr – der Zeiger stand nahe bei acht ; so lange war Lucile noch nie ausgeblieben ... Ein unbestimmtes Bangen überschlich sie , eine leise Furcht vor jener geheimnisvollen Gewalt , die strafbare Wünsche , zu unserer eigenen Qual und Reue , oft blitzschnell verwirklicht ... Sie trat an eines der Fenster des großen Salons und sah über den Garten hinweg . Noch war es tageshell ; der Blütenschmuck der Rosenbäume , die Teppichbeete schimmerten farbenprächtig herüber , auf den Platanen lag ein letzter Goldhauch des Abendsonnenfeuers , die weißen Steinfiguren des Brunnenmonumentes hoben sich in scharfen Konturen von dem Samt des Rasenteppichs , und jenseits des