nicht die leiseste Wandlung eingetreten ; er war genau ein so ernster , würdevoller Bräutigam , wie an dem Tage , wo Käthe die Verlobten zum ersten Male zusammen gesehen . Sie mußte manchmal denken , der ganze entsetzliche Auftritt im Fremdenzimmer der Tante Diakonus sei entweder ein toller Spuk ihrer eigenen Phantasie gewesen , oder Doktor Bruck müsse vergessen und unliebsame Erinnerungen in seinem Gedächtnisse so spurlos auslöschen können , wie selten ein Mensch . Flora mochte freilich erwartet haben , daß mit ihrer Bitte um Verzeihung , mit ihreroffen an den Tag gelegten Reue sofort wieder jenes schöne , innige Verhältniß eintreten werde , wie es zu Anfang ihrer Brautschaft bestanden . Mußte er nicht , bei seiner unzerstörbaren Leidenschaft für sie , namenlos glücklich sein , sie nun unwiderruflich besitzen zu dürfen ? Vielleicht barg er tief innen dieses Glück , aber zeigte es nur nicht , und seine schöne Braut tröstete sich mit dem Gedanken , daß ein Mann wie Bruck allerdings nicht so rasch versöhnlich sein dürfe ; wußte sie doch , daß mit der Hochzeit , die nunmehr für den September festgesetzt worden war , Alles anders werden müsse . Mittlerweile war der 20. Mai , Flora ’ s Geburtstag , herangekommen . Auf allen Tischen ihres Zimmers dufteten Blumen , welche die guten Freundinnen herkömmlicher Weise gebracht hatten . Auch die Fürstin hatte der Braut des Hofraths , welcher mit Gnadenbeweisen förmlich überschüttet wurde , ein prachtvolles Bouquet geschickt , und von den „ stolzesten Granden “ des Hofes waren Glückwünsche in der schmeichelhaftesten Form eingelaufen . Ja , es war ein Tag des Triumphes für die schöne Braut , ein Tag , an welchem sie wieder einmal so recht bestärkt wurde in ihrer felsenfesten Ueberzeugung , daß sie wirklich ein Liebling der Götter , eine für einen auserwählten Lebensweg Geborene sei . Und doch lag ein leichter Schatten auf ihrer Stirn , und sie runzelte öfter ungeduldig und ärgerlich die Brauen . Auf dem Tische inmitten des Zimmers , zwischen den Gaben der Großmama und der Schwestern , stand eine hübsche Tischuhr von schwarzem Marmor ; Doktor Bruck hatte sie am frühen Morgen mit einem begleitenden Glückwunschbillet geschickt und sich für die Vormittagsstunden wegen seines Nichterscheinens entschuldigt , da er einen Schwerkranken vorläufig nicht verlassen dürfe . „ Ich begreife Leo nicht , daß er nichts Hübscheres für mich zu finden gewußt hat , als das steinerne Unding da , “ sagte sie , verdrießlich auf die Uhr zeigend , zu der Präsidentin , die das Bouquet der Fürstin aus der Vase genommen hatte und unablässig daran roch , als müsse es einen ganz besonderen Duft ausströmen . „ Ein schwarzes Geburtstagsgeschenk giebt man doch nicht gern ; ich für meinen Theil finde es zum Mindesten geschmacklos . “ „ Die Uhr ist vollkommen passend , gerade in Deinem Geschmacke gewählt , Flora ; sie soll jedenfalls das wunderlich tiefsinnige Arrangement dieses Zimmers vervollständigen , “ sagte Henriette . Sie lag auf dem roten Ruhebette und streifte mit einem spöttischen Blicke die schwarzen Säulenstücke in den vier Zimmerecken . „ Unsinn ! Du weißt so gut wie ich , daß ich diese Einrichtung nicht mitnehmen kann . Moritz hat das Zimmer nach meiner speciellen Angabe eingerichtet , wie es ist , aber geschenkt hat er mir meines Wissens weder Möbel noch Ausschmückung . Ich möchte den Kram auch um Alles nicht mitschleppen ; man sieht sich ebenso satt und müde an einer stereotypen Zimmereinrichtung , wie an einer oft getragenen Toilette . Was in aller Welt soll ich nun mit der schwarzen Figur da in meinem L … .. ger Boudoir anfangen , das lila dekoriert und mit Bronzegeräth geschmückt sein wird ? “ „ Ein frisches Bouquet wäre mir auch lieber gewesen , aber Du bist ja nicht sentimental , Flora , “ meinte Henriette , nicht ohne einen boshaften Anflug in der Stimme . Käthe aber , heute zum ersten Male schneeweiß gekleidet , stand neben einem herrlich entwickelten Myrthenbaume , welchen die Tante Diakonus selbst gezogen und herüber geschickt hatte , und ließ die Hand mit einem wehmüthigen Lächeln wie schmeichelnd über die feinblättrigen , biegsamen Zweige gleiten . Niemand beachtete das selten schöne Geschenk , dessen Hingabe jedenfalls ein schweres inneres Opfer gekostet hatte . Nach Tische hielt man sich im Balkon- und Empfangszimmer auf , weil immer noch Gratulanten kamen und gingen . Sämmtliche Thüren der Zimmerreihe waren zurückgeschlagen ; es war ein herrlicher Aufenthalt , dieses untere Stockwerk . Durch das vergoldete Bronzegitter des Balkons zogen weiche Lüfte , die den Duft vom jungen Lindenlaube der Allee und aus den halboffenen Blüthenknospen der Boscage herübertrugen , und in die hohen Fenster fiel das goldene Maienlicht ; nur dem dunkelpurpurnen Zimmer vermochte es keinen Reflex abzulocken , das sah grämlich und kalt aus wie immer , und dem weichen Gefühle mußte der aufgehäufte Reichtum lebender Blumen zwischen diesen vier Wänden geradezu grausam erscheinen . Henriette lag in einem Schaukelstuhle , der offenen Balkonthür gegenüber . Sie hatte auch gern „ maienhaft wie Käthe “ aussehen wollen und ihr hageres Figürchen in eine ganze Wolke weißer Mullgarnirungen gesteckt , aber fröstelnd hüllte sie den Oberkörper in einen weichen Shawl von gesticktem Crêpe de Chine , und darüber her wogte aufgelöst ihr reiches , blondes Haar , das sie seit dem letzten schweren Leidensanfalle nicht mehr aufnestelte . So still liegend und vom halbgedämpften Sonnenlichte überspielt , mit den weitoffenen , blauglänzenden und schwarzbewimperten Augen , der kalkweißen Haut , die nur in der Nähe der zarten Schläfen ein fieberhaft roter Anhauch betupfte , sah sie heute aus wie ein Wachspüppchen . Sie hatte Käthe an den Flügel im Musiksalon geschickt und wartete nun mit in den Schooß gefalteten Händen auf den Anfang des Schubert ’ schen Liedes „ Lob der Thränen “ . Da verdunkelten sich plötzlich die Fieberflecken auf dem schmalen Gesichtchen zum tiefsten Karmin , und die verschränkten Hände fuhren unwillkürlich nach dem Herzen – Doktor