Herr Hofmarschall seinen Freund , seinen Vertrauten vor einem Zusammenstoß mit dem aufgeregten Neffen in sein Schlafzimmer rettete . 21. Bitter lächelnd und die emporquellenden Thränen gewaltsam niederkämpfend , stieg die junge Frau die Treppe hinab . Die drei , die sie da oben zurückließ , blieben vielleicht einige Tage lang auf gespanntem Fuße , dann aber nivellierten Zeit und Etikette die aufgerüttelten feindlichen Elemente , und über dem Opfer , das bei der Katastrophe in die aufgerissene Kluft stürzen mußte , schloß sich der Boden – wer dachte dann noch an die geschiedene Frau ? – In der vornehmen Welt wächst das Gras unglaublich schnell über unliebsame Vorfälle . Vor dem großen Spiegel im Ankleidezimmer brannten die Lampen – Hanna hatte jedenfalls vorausgesetzt , ihre Dame werde noch vor dem Thee die leichte Sommertoilette mit einem warmen Hauskleid vertauschen – es war ja abscheulich feucht und kalt geworden . Der weiße Porzellanofen , der ausnahmsweise in dieser Jahreszeit geheizt worden war , strömte behagliche Wärme aus und ließ durch die Oeffnung der blanken Messingthür den rotglühenden Schein des Kohlenfeuers über den Fußboden spielen . Und in dieses behagliche Heim , das sie still und traulich umfing , trat die junge Frau mit fieberisch kreisendem Blut und umflorten Blicken zum letztenmal , um sich zum Weggehen zu rüsten ... Sie schickte die Kammerjungfer zum Abendbrot in das Domestikenzimmer und verschloß hinter ihr die Thür , die nach dem Säulengange führte . Vor allen Fenstern lagen bereits die Läden , nur im blauen Boudoir standen noch beide Fensterflügel weit offen – Liane schloß sie selbst , aus Besorgnis , ihre schönen Azaleenbäume könnten durch fremde , ungeschickte Hände beschädigt werden ... Wie das draußen unermüdlich rauschte und niederschoß vom dämmernden Himmel ! Und wie feuchtschwer die Luft hereinschlug und mit triefendem Atem die gleißenden Atlaswände behauchte ! In längeren Pausen stöhnte der Sturm noch immer grollend auf – dann trommelte und schüttete es mit doppelter Vehemenz auf den schwimmenden Kies nieder ; in den Windharfen wurden die Akkorde lebendig und zogen , halb getragen vom Sturm , halb erstickt durch die stürzenden Wassermassen , ersterbend über die Gärten hin . Liane stand einen Augenblick am offenen Fenster – sie schüttelte sich unwillkürlich – in dieses Unwetter , in die hereinbrechende Nacht mußte sie hinaus , und zwar – wandernd . Sie wollte Schönwerth so still und geräuschlos verlassen , daß niemand sagen konnte , wann sie gegangen ... Unter dem Dach dessen , der sie der Hinneigung zur Treulosigkeit beschuldigt , der sie für unrettbar verloren erklärt hatte , durfte sie auch nicht eine Nacht mehr bleiben – man hatte so viel ehrverletzende Anklagen auf ihr Haupt gehäuft , und durch die perfide Handlungsweise des Hofpredigers war sie so vollkommen aller Beweismittel beraubt worden , daß sich nur eine in eigenen Ränken und Hinterlisten geübte Frauenseele der Situation gewachsen zeigen konnte – ihr , der durch ihre Seelenreinheit Hilflosen , blieb eben nur der Ausweg , zu den Geschwistern zu flüchten und in deren Hände ihre Verteidigung zu legen . Sie schloß das Fenster und ließ das Rouleau nieder – da kamen plötzlich rasche Schritte durch das anstoßende Vorzimmer , und eine ungestüme Hand ergriff das Thürschloß , aber das blaue Boudoir war verschlossen ... Liane preßte beide Hände auf ihr wild schlagendes Herz – Mainau stand draußen und begehrte Einlaß ... Nein , um keinen Preis wollte sie ihm noch einmal gegenüberstehen . – Er hatte all und jedes Entgegenkommen ihrerseits verwirkt . Mit hartem Finger klopfte er an die Thür . – » Juliane , öffne ! « rief er gebieterisch . Sie stand wie zu Stein erstarrt – auch nicht der leiseste Atemzug säuselte von den Lippen , nur die Augen glitten angstvoll am Kleide nieder , daß auch nicht das schwächste Rauschen einer Falte ihre Anwesenheit verrate . Zweimal wiederholte er seinen Anruf , wobei er heftig an der Thür rüttelte ; dann hörte sie ihn zurückschreiten und die große Ausgangsthür nach dem Säulengang öffnen – sie bemerkte , daß der Flügel nicht wieder geschlossen wurde ; Mainau war offenbar in heftiger , zorniger Aufregung fortgestürmt . Tief aufseufzend ging sie nach dem Ankleidezimmer zurück – warum weinte sie ? – Sie schämte sich dieser Thränen . Gibt es auf Gottes weiter Erde etwas Inkonsequenteres , Rätselvolleres , als das Frauenherz ? Drohte es nicht in diesem Augenblicke zu brechen in stummer Qual ? Sie verbarg das Gesicht in den Händen , als könne ein höhnender Blick in die Wandlung ihrer Seele eindringen – mit dem Selbstbelügen war es vorbei . Wäre er jetzteingetreten , sie wäre wohl schwach genug gewesen , ihm zu sagen : » Ich gehe zwar , aber ich weiß , daß ich dich nie vergessen werde « ... Welcher Triumph für diesen dämonischen Charakter ! Ihm widerstand also wirklich kein Weib . Selbst die Gemißhandelte , die er , in beleidigt reservierter Haltung und sich ernstlich gegen jede Annäherung ihrerseits verwahrend , dennoch neben sich gerissen , um seine Rache an einer anderen , immer noch Heißgeliebten zu kühlen – diese Frau , der er wohl seinen Namen , in Wirklichkeit aber nur die Stellung einer Gouvernante in seinem Hause zugestanden , selbst sie warf die Waffen des Stolzes , der mädchenhaften Würde von sich , um ihm zuzurufen : » Ich werde dich nie vergessen « ... Nein – Gott sei Dank , er war fort . Er sah diesen Sieg nicht – er erfuhr ihn nie . Ein harter , fremder Zug grub sich um ihre Lippen . Sie sah im Geiste die Apfelschimmel vor dem Portale des herzoglichen Schlosses halten ; sie sah den kühnen Lenker im dunklen Mantel am Schlage stehen , und die höchstgestellte , stolzeste Frau des Landes , von seinem Arm gehalten , den Wagen verlassen – vielleicht war diese Heimfahrt entscheidend für beide gewesen – die junge Frau war jetzt verbittert und mißtrauisch genug , um zu vermuten , Mainau habe sie droben absichtlich