- „ dumm ! “ Und der droben könne ja eine Pflegerin halten für sein krankes Kind . Wenn seine Schwester die Frau Oberförsterin nun schon wäre , dann hätte er sie ja auch nicht können so ganz einfach hier wegholen und hätte sich eine andere suchen müssen . So ’ ne Wirtschaft , wie die Wirtschaft jetzt hier sei , das wär ’ ja , um auf die Bänme zu klettern ! Der Backfisch kam ganz blaß wieder ins Wohnzimmer . Sie stand zuerst hüstelnd umher , setzte sich dann auf den verlassenen Fensterplatz und betrachtete ihren Vater , der , die eine Hand auf dem Rücken , mit der andern den leise weinenden Jungen führend , auf und ab schritt , als sähe sie ihn in ihrem Leben zum erstenmal . „ Vater , “ sagte sie endlich , „ Karoline ist böse auf dich . “ „ So ? Warum denn ? “ „ Sie sagt , du hättest Tante Kerkow man heiraten sollen , dann wäre die ganze Ravage nicht . “ Er stand plötzlich still und starrte das Kind an ; eine jähe Röte war in sein Gesicht geschossen und er hatte eine heftige Antwort auf der Zunge . Aber er beherrschte sich , ließ den Jungen los und ging mit wuchtigen Schritten aus dem Zimmer . [ 261 ] „ Einer nach dem andern , “ sagten die Leute in Breitenfels ; „ von der alten Garde oben im Schloß ist nächstens keiner mehr da ! “ Nun war auch der alte Medizinalrat an die Reihe gekommen . In der Adventszeit hatte er die müden Augen geschlossen . „ Ein schöner Tod ! “ sagten die Leute auch . Der alte Herr war vormittags noch auf dem Schlosse gewesen bei dem kleinen Kerkow , hatte sich nach dem Mittagsessen auf das Sofa gelegt , und als er gar so lange geschlafen , war die Frau Medizinalrat hinübergekommen , um ihn zu wecken . Aber er schlief so fest , der wackere Mann , daß ihn weder der thränenlose Schrei der Frau , noch der Jammer der jungen Magd aufzuwecken vermochte . Ein Kollege hatte an die Kinder telegraphiert , und Hede Kerkow war heruntergekommen vom Schloß und die Nacht über bei der ganz gebrochenen alten Frau geblieben . Ob sie denn abkommen könne , hatte der Oberförster sie gefragt , der am andern Morgen erschien , um sich zu erkundigen , ob er irgend etwas thun könne für die alte Frau , und um sich zu entschuldigen , daß er nicht gestern bereits gekommen , er habe jedoch erst heute die Trauerkunde erfahren , da er gestern nicht daheim gewesen sei . „ O ja ! “ hatte Hede geantwortet , gleichgültig und kurz . Sie sahen sich seit langer Zeit zum erstenmal wieder , es war in der Eßstube der Frau Rat , die wie ein Steinbild im Lehnstuhl saß und nur von Zeit zu Zeit fragte . „ Wie [ 262 ] spät ist es denn ? “ Aenne sollte um zwei Uhr auf der Station eintreffen . Der Oberförster sah Hede Kerkow scheu von der Seite an . Das trübe Licht des Dezembertages zeigte ihm ein ganz verändertes , vergrämtes Gesicht , die heitere wohlthuende Ruhe war verschwunden es lag etwas Gespanntes darin auch die Bewegung der Hand – sie strich wie gedankenlos die Rechte der alten Frau , die schlaff über die Lehne des Stuhles hing – war nervös . In diesem Augenblick erschien das Mädchen und meldete , es könne keinen Wagen auftreiben , um das Fräulein abzuholen ; alles sei zur Holzauktion und die feinen Kaleschen hätten Ballfuhren auf den Abend . „ Ich werde es Heinz sagen , Frau Rätin , sein Wagen kann fahren , “ erklärte Hede Kerkow . „ Ach Gott , “ jammerte die alte Frau , „ giebt es denn keinen der sich erbarmt und sie darauf vorbereitet , daß ihr Vater schon tot ist ? Sie weiß ja nur , daß er schwer erkrankte ! “ „ Doch , Frau Rätin , ich will mitfahren , “ Hede nahm ihren Mantel wieder um und ging . – Heinz lehnte im Sofa und las ein Aktenstück , das Erkenntnis des Gerichtes – seine Ehe war geschieden ! Heini , der einen größeren Fahrstuhl bekommen hatte , saß , von Polstern unterstützt , aufrecht und malte mit der linken Hand Buchstaben auf eine Schreibtafel , die rechte konnte der kleine Kerl nicht gebrauchen . Hede trug kurz ihre Bitte vor , und der Bruder bestellte sofort das Anspannen . „ Möchtest du das arme Mädchen nicht abholen ? “ fragte Hede , nachdem der Diener gegangen war , „ ich fühle mich so abgespannt , “ setzte sie zögernd hinzu . In Wahrheit wollte sie ihn aufrütteln aus seiner Lethargie . „ Fräulein May abholen ? Ich ? – Nein ! eine Frau versteht es besser , derartige Mitteilungen zu machen . – Ich – ich bitte dich , verlange das nicht ! “ antwortete er . Er starrte sein Aktenstück wieder an , verschloß es dann in seinen Schreibtisch , ergriff eine Zeitung und begann zu lesen . So that er immer , wenn er allein zu sein wünschte . „ Verzeih ’ mir ! “ murmelte sie , strich noch einmal über Heinis Blondhaar und verließ das Zimmer . Heinz sah sie abfahren vom Fenster aus , aber er dachte kaum noch an den traurigen Zweck dieser Fahrt . Er war ein ganz gebrochener , fast stumpfsinniger Mensch geworden – und das wußte er selbst am besten , er – für den es nur noch ein Lebenswertes auf der Welt gab , das Kind . Von heute an war er ein freier Mann , aber er wußte nichts mehr anzufangen mit dieser Freiheit . Und wenn er auch die Energie noch gehabt hätte – das Kind durfte er doch nicht mit hinausnehmen in das ungewisse Leben , in die weite Welt