, um sich häßlich zu machen . In der Nacht trat sie ans Fenster , um die Sterne zu suchen . Wenn es doch nicht geschehen wäre , wenn es doch ein Traum wäre , rief es in ihr . Als der Morgen dämmerte , erhob sie sich . Sie eilte durch die menschenleeren Straßen vor die Stadt wie gestern . Doch es war alles anders . Baum und Busch blickten streng auf sie . Die Nebel hingen tief , aber die graue , kalte Frühe war wie ein Bad . Später brach die Sonne durch , und Himmelsschlüssel auf einer Wiese leuchteten golden . Könnt es doch ein Traum gewesen sein , flehte sie stumm . Als sie nach Hause kam , hatte der Vater bereits die Nachricht erhalten , daß das Geld an Diruf bezahlt worden sei . Daniel hatte es hingetragen . Der Inspektor blieb den ganzen Tag in seinem Zimmer . Auch an den folgenden Tagen ließ er sich nur beim Mittagessen sehen . Da saß er dann schweigend und mit gesenkten Augen . Bisweilen lauschte Lenore an seiner Tür . Es regte sich nichts drinnen ; das Haus sang vor Ödigkeit . Jordan hatte den Hausherrn gebeten , die Wohnung , die er für seine gegenwärtigen Verhältnisse als zu geräumig und zu kostspielig bezeichnete , vor der Kündigungszeit ausbieten zu dürfen . Dies wurde bewilligt . In dem Haus , wo Daniel und Gertrud wohnten , waren zwei Dachzimmer frei , und Gertrud hatte ihrem Vater nahegelegt , sie zu beziehen . Der Inspektor war damit einverstanden . Lenore überlegte : wenn der Vater dort hinüberzieht , könnte ich weg von ihm . Sie erfuhr von Gertrud , die jeden andern Tag kam , um den Vater zu sehen , daß Daniel endlich die Kapellmeisterstelle am Theater erhalten habe . Noch beruhigter konnte sie also ihr Vorhaben fördern , denn Schwager und Schwester lebten ja nun in geregelten Umständen . Sie erinnerte sich an Gespräche mit Monsieur Rivière , in denen er ihr oftmals geraten hatte , nach Paris zu gehen . Seit Weihnachten , wo er zur Bescherung eingeladen gewesen , war Monsieur Rivière häufig zu Jordans gekommen , um auf Lenores Wunsch mit ihr französisch zu sprechen . Eines nachmittags ging sie aus , um Rivière zu besuchen . Er hatte den romantischesten Platz zur Wohnung gewählt , oben beim Gärtner auf der Burg . Das Zimmer hatte einen Altan , der von Efeu und Flieder überwuchert war , und in der Tiefe bildeten die Büsche und Bäume des Stadtgrabens ein undurchdringliches grünes Gewirr . Die Frühlingsluft stürzte in Wellen herein , und während Lenore ihr Anliegen hervorbrachte , heftete sie den entzückten Blick auf einen Maiglöckchenstrauß , der in einem kupfernen Gefäß auf dem Tische stand . Rivière nahm eine Handvoll heraus und schenkte sie ihr ; es waren noch die Knollenwurzeln daran und Lenore lachte glücklich über den Duft . Monsieur Rivière sagte , er wolle sogleich an seine Mutter nach Paris schreiben , die durch ihre Beziehungen in der Lage sei , Lenore zu nützen . Lenore trat auf den Altan . Die Welt ist schön , dachte sie und lächelte über die fruchtlosen Versuche eines kleinen Käfers , an einem senkrecht hängenden Blatt emporzuklimmen . Vielleicht war alles nur ein Traum , tröstete sie sich . Zu Hause traf sie Daniel beim Vater . Die beiden Männer saßen in der Dunkelheit . Lenore zündete die Lampe an . Dann füllte sie ein Glas mit Wasser und stellte die Maiglöckchen hinein . » Daniel fragt , warum du nicht mehr hinüber kommst , « sagte der Inspektor , matt und zerstreut , wie er jetzt immer war . » Ich habe ihm mitgeteilt , daß du dich mit großen Plänen trägst . Nun , was ist denn die Meinung des Franzosen ? « Mit halber Stimme gab Lenore Auskunft . » Geh du nur fort , Kind , « sagte Jordan . » Du bist schon lange reif für die große Welt . Das unterliegt keinem Zweifel . Da sei Gott vor , daß ich dir Hindernisse in den Weg lege . « Er stand schwerfällig auf und wandte sich zur Tür seines Zimmers . Die Klinke fassend , blieb er stehen und fuhr grüblerisch fort : » Es ist eigen , daß man so bei lebendigem Leib absterben kann . Daß man so das Gefühl haben kann : du bist nicht mehr für die Zeit . Und daß man nicht mehr mit kann , nicht mehr begreifen kann , nicht mehr weiß : ist es gut , ist es böse , was da kommt . Fürchterlich ist das , fürchterlich . « Kopfschüttelnd verließ er das Zimmer . Daniel klangen seine Worte wie Rufe aus dem Grab . Sie hatten lange geschwiegen , er und Lenore . Plötzlich fragte er schroff : » Ist das dein Ernst mit Paris ? « » Natürlich ist es mein Ernst , « antwortete sie ; » kann ich etwas anderes tun ? « Er sprang auf und starrte ihr zornig ins Gesicht . » Man muß sich vor sich selber schämen , « knirschte er ; » die menschliche Sprache widert einen an . Graut dir denn nicht , wenn du denkst ? Graut dir nicht vor dem Fratzending , das ihr Herz oder Gemüt nennt oder so ? « » Ich versteh dich nicht , Daniel , « hauchte Lenore . Nie hätte sie für möglich gehalten , daß er ihre Reue und den Entschluß , der daraus entsprungen , nicht gutheißen könne . Also war es nicht Flamme einer einmaligen Sekunde gewesen , nicht was sie bis jetzt gehofft , als Selbstanklage von ihm zu hören erwartet , was sie auch sich hätte verzeihen , vergessen dürfen ? Wo war sie denn ? Wo lebte sie ? » Glaubst du , ich hab ein Spiel haben wollen ? « begann Daniel wieder , indem er sie von oben bis unten