man in Hamburg . Auf dem Bahnhof kam der Abschied . Raspe mußte sofort umsteigen in den Zug nach Wittenberge ... Dann war alles aus - das wußte Tulla - schied er jetzt , stumm - in diesem unbegreiflichen Schweigen , dann sah sie ihn nie mehr - nie . Sie hatte beinahe Furcht davor , ihn anzusehen . Sie stützte den Arm auf die schmale Fensterbank des Fensters und sah starr in die Marschlandschaft hinaus , die flach und braun draußen lag . Sie waren allein im Abteil . Und sie schwiegen fast auf der ganzen Fahrt . Sophie war traurig . Statt eines Aufblühens hatte sie ein Abwelken erlebt - ein seltsam niederdrückendes Schauspiel . Vorwärts stürmende , wagemutige Jugendtollheit wäre fast natürlicher gewesen . Aber gewiß war es gut so , daß ihr Sohn besonnen blieb . Ihr war , als sei die heutige Jugend vielleicht im allgemeinen reifer als die der vorigen Generation . Vielleicht . Sie sah , daß Tulla verwirrt vor Schmerz und Enttäuschung war . Es tat ihr leid ... Eine innere Stimme sagte ihr : das Kind wird vergessen ... Aber ihr Sohn ? Der feste , ernste Raspe - mit der klaren Tiefe seines Wesens ? Da blieb eine Wunde im Herzen . Und ein Zweifel , eine Unsicherheit , ein Zögern - jedem neuen Gefühl gegenüber , das ihn etwa bestricken wollte ... Sie mußte sich bezwingen , um nicht zu weinen . Und je näher sie Hamburg kamen , desto unruhiger eilten ihre Gedanken auch Allert entgegen . Sieben lange Tage hatte sie nichts von ihm gehört . Was konnte in dieser Zeit alles geschehen sein ? Sein Duell mit dem vielleicht zurückgekehrten Dorne konnte stattgefunden haben - mit einem Male sah Sophie es nicht mehr so hochgemut an ... wie , wenn Allert verwundet daniederlag . Oder vielleicht war Dorne immer noch verschwunden und Allert hatte sich an die Polizei wenden müssen - seine Firma war in aller Mund - schreckliche Katastrophen konnten eingetreten sein . Endlich sprach sie von ihren Aengsten . Aus ihren bangen Vorstellungen heraus wollte sie Zuspruch und Wahrscheinlichkeiten von Raspe hören , der ihr doch auch nichts , gar nichts sagen konnte . Aber , um sie zu beruhigen , sprach er : » Vielleicht hat sich alles umgekehrt zum Harmlosen gewendet . Und wir finden vielleicht Allert glücklich und von allen Sorgen befreit . « Ach - das konnte ja nur auf eine einzige Weise möglich sein ... Marieluis ... Die Mutter dachte es voll Inbrunst . Ja - vielleicht . Sie hatten sich in den letzten Tagen gewiß manchmal gesehen - bei den Festen für Dory und Fritz . Und es ist so ein wahres altes Wort : Verloben steckt an . Der Anblick von Glück erzeugt Sehnsucht nach Glück - das ist so natürlich . Und die rasche Phantasie Sophiens verließ alle düsteren Bilder und baute ein neues auf : wie , wenn am Bahnhof zwei Glückselige auf sie warteten ? Wenn dem älteren Sohn inzwischen die Träume zur Wirklichkeit geworden waren , die der jüngere hatte zerfließen sehen ? ... Da fuhren sie in die Halle ein ... Auf dem Bahnsteig standen ziemlich viele Menschen , ihr Durcheinander machte es nicht ersichtlich , ob etwa Allert zur Stelle sei ... Aber Tulla schrie auf - überrascht - außer sich - » Mein Bruder ! « Und ein paar Augenblicke darauf hing sie am Hals eines jungen Mannes , den Sophie nie gesehen hatte . Aber Raspe erkannte ihn : es war der Leutnant Viktor Rositz ... Tulla brach in leidenschaftliche Tränen aus . Sie konnte sich nicht beherrschen . Eine jammervolle Traurigkeit schluchzte heraus ... » Na nu ? « sagte Viktor . » Ich freu ' mich so , Dich wiederzusehen , « stammelte Tulla und hatte auch , in aller Aufregung , ein solches Gefühl - es floß in ihren Gram hinein . Sie hatte selbst nicht gewußt , daß ihr der Bruder , mit dem sie auf dem Kriegsfuß lebte , so teuer sei ... Wenigstens kam es ihr in diesem Augenblick so vor , als habe sie ihn unmenschlich lieb ... Sophie stand verlegen und bestürzt . Was sollte der Leutnant Rositz von der Gemütsverfassung seiner Schwester denken ! Aber Viktor Rositz war nicht der Mann , sich durch irgend etwas aus seiner gesellschaftlichen Glätte herausbringen zu lassen . » Nervös ? Ja , die kleinen Mädchen . Herr von Hellbingsdorf - bitte mich der gnädigen Frau vorzustellen ... « Und er beugte sich über Sophiens Hand . » Gnädige Frau sind erstaunt , mich zu sehen ? Ich war in Ihrer Wohnung , dort erfuhr ich , daß Sie mit diesem Zuge aus Helgoland zurückkehrten . Wir hatten von der Reise keine Ahnung - Tulla schreibt ja nie . Darf ich gnädige Frau nachher eine halbe Stunde in Anspruch nehmen ? « » Aber natürlich ... Kommen Sie doch zum Abendessen - mein Sohn reist gleich weiter - ein wenig müssen Tulla und ich uns erst nach der Reise besinnen ... « » Zum Abendessen ? Danke gehorsamst . Um acht Uhr ? Danke sehr - ja . Und Sie reisen gleich weiter , Herr von Hellbingsdorf ? Schade . Na und Du , Tulla ? Willste morgen mit mir nach Haus ? Mama ist seit Palmsonntag in Berlin . Ewig kannste ja nicht die Gastfreundschaft der gnädigen Frau in Anspruch nehmen ... « » Ja , « sagte Tulla , » ja , ich fahr ' morgen mit Dir . « Und nun mußte Raspe sich verabschieden - sein Zug wartete auf einem andern Bahnsteig . Alles war hastig , unfrei - kein inniges Wort zwischen Sohn und Mutter mehr möglich - die Minuten drängten . Er reichte Tulla noch die Hand . Und sie sah ihn mit einem so schmerzlichen Blick an , als wollte sie eine große Schuld an ihrem jungen Leben auf sein Herz laden . Raspe erwiderte den Blick