Wahn , ein Selbstbetrug , eine Phantasterei gewesen , das Ganze , das sagte sie sich nun stündlich vor . Aber während ihr Verstand immer wieder den Inhalt dieser Vorstellungen betrachtete , wuchs aus jenem dunklen Grunde , mit dessen Strömungen sie verbunden war , ein Schwarzes und Namenloses . Die Kur war glänzend geglückt , der große Psychiater hatte den Wahn verdrängt , was zurückblieb , war - die Wahrheit . Und sie sah nun die Wahrheit . Sie sah , wo sie stand , sie sah die Sackgasse , in die ihr Leben eingelaufen war . Wie hohe , graue Mauern umstarrte sie die Hoffnungslosigkeit . Großer Gott , wohin war sie geraten ! Wo war ein Ausgang ? Nirgends , nirgends ; denn ein Zurück gab es nicht , auch graute ihr jetzt noch deutlicher wie bisher vor ihrer früheren Heimat , aus der sie entlaufen war . Warum , o Allmächtiger , hatte sie sich dort zugrunde richten lassen , warum mußte erst diese wahnwitzige Ausgeburt ihrer kranken Seele kommen , um sie von da herauszuführen , - als es viel zu spät war . Mit Schrecken und Grauen trat sie jetzt die täglichen Sklavendienste an , zu denen sie verurteilt war . An die Galeere geschmiedet , hoffnungslos , auf ewig . Es gab kein Wunderbares , an dessen Phantom sie sich , wie früher , bis zu wilden Rauschzuständen betäuben konnte . Es gab nichts als die Öde für sie , für immer und ewig . Ja , der Wahn war » verdrängt « , - sie sah klar . An einem schönen Sonntagnachmittag machte sie sich auf , Olga aufzusuchen . Es war ihre letzte Zuflucht . Sie fuhr aus dem Osten , der am Sonntag seine Stimme nicht hatte , die Stimme der Arbeit , aus diesem Osten , mit seinen grauen Proletarierhäusern , zwischen denen sie nun seit Monaten lebte , mit seinen Butterläden und Destillen , mit seinen breiten , staubigen Alleen , mit seinen Fabrikschloten und eisernen Krähnen fuhr sie hinüber , in das schönere Berlin . Als sie von der Höhe der Stadtbahn die grüne Quadriga des Brandenburger Tores und die goldleuchtende Statue der Göttin hoch oben auf dem Siegesdenkmal sah , die ihren Kranz triumphierend zum Himmel schwingt , da schien es ihr , als käme sie aus einer Verbannung , ein fremder Gast . Es dämmerte schon , als sie am Bahnhof Tiergarten ausstieg . Sie wollte , nach langer Zeit , wieder einmal zu Fuß durch den Tiergarten gehen , bis hinüber zum Gartenufer . Sie dachte immer noch , Olga wohnte in der stillen Seitenstraße in der Nähe des Lützowplatzes . Es war ein klarer , milder Wintertag ohne Schnee , die Luft hatte etwas Erquickendes in ihrer reinen Frische . Sie kam zum Landwehrkanal , auf dem die kleinen Dampfer mit der Schlepperflotille lagen und blieb einen Augenblick auf der Brücke stehen und sah in das Wasser , das unter der Freiarchenbrücke tobend aus der Schleuse strömt . Plötzlich dachte sie , daß alle Not ein Ende hätte , - wenn - wenn sie es nur wagte ; es brauchte ja nur einen einzigen , kleinen Schwung . Sie erschrak vor der Gefahr dieses Gedankens und eilte hastig fort . Aber ihr Gehirn arbeitete weiter . - - Ich werde einen Zettel hinterlassen , wenn ich Olga nicht finde , und darauf werde ich schreiben : » Ich konnte nicht anders . « Sie wiederholt immerwährend diese pathetische Formel . » Ich konnte nicht anders , - ich konnte nicht anders , - wenn ich Olga nicht finde . - - - « Aber warum sollte sie sie denn nicht finden ? Da war sie schon in der Straße , in der sie wohnte . Das Treppenhaus war schon erleuchtet , aber die Fenster von Olgas Zimmer waren dunkel . » Finsternis « , dachte sie , und es wallte wieder schwarz in ihr auf , und ihr war , als sei sie nun an der Grenze ihres Lebens . Aber hinauf , hinauf . Während sie dem Haustor zuschritt , folgte ihr jemand dicht auf den Fersen . Und diesmal war es keine Wahnvorstellung , sondern Wirklichkeit . Beim Haustor bemerkte sie ihn . Und gleich zuckte die alte Idee in ihr auf : » Er läßt mich beobachten . « Wieder vermengten sich Wahn und Klarheit . Sie ging weiter , stieg langsam die Treppen hinauf . Der ihr auf den Fersen folgte , blieb unten im Hausflur stehen . Er war aus einer Nebenstraße auf den Lützowplatz getreten , als er auf dem breiten Weg , der quer über den Platz führt , Erika vor sich gehen sah . Er erkannte sie sogleich , nach der Schilderung , an ihrer Lodenjoppe , ihrem Jägerhütchen . Ihre Bewegungen erschienen ihm charakteristisch , es war etwas Hastendes und doch Tapferes darin . Da wandelte sie , - die Äffin halb , halb Heldin war , und hatte denselben Weg wie er . Koszinsky war von seiner Tournee zurückgekehrt , und diese Stunde führte ihn , wie Erika , zu Olga . So mußte er ihr auf dem Fuße folgen , bis sie in das Haustor eintrat ; unwillkürlich blieb er unten stehen ; er erwog , ob er hinaufgehen sollte , trotzdem jene da war . Da hörte er , wie sie oben läutete . Er hörte die Stimme der Wirtin , die ihr an der Tür mitteilte , daß Fräulein Diamant längst nicht mehr hier wohne ; und die die neue Adresse nannte , draußen im Vorort , in Friedenau . Und da kam sie auch schon über die Treppe zurück ; langsam und schwer ging sie ; im Schatten des Treppenhauses verborgen , sah er , im Licht der elektrischen Lampen , voll ihr Gesicht , und er erschrak über das , was darin eingezeichnet war . Sie trat aus dem Hause , und er folgte ihr . Folgte ihr