, war von Wien abgereist , die schwarze Binde über dem erblindeten Auge . Demeter Stanzides , Willy Eißler , Guido Schönstein , Breitner , alle waren sie fort , und sogar Nürnberger , der so feierlich erklärt hatte , auch dieses Jahr die Stadt nicht verlassen zu wollen , war mit einemmal verschwunden . Ihn hatte Georg nach seiner Rückkehr vor allen andern besucht , um ihm Blumen vom Grab der Schwester aus Cadenabbia zu überbringen . Auf der Reise hatte er endlich den Roman Nürnbergers gelesen , der in einer nun halbvergangenen Zeit spielte , derselben , wie es Georg schien , von der der alte Doktor Stauber einmal zu ihm gesprochen hatte . Über jener lügendumpfen Welt , in der erwachsene Menschen für reif , altgewordene für erfahren und Leute , die sich gegen kein geschriebenes Gesetz vergingen , als rechtlich ; in der Freiheitsliebe , Humanität und Patriotismus schlechtweg als Tugenden galten , auch wenn sie dem faulen Boden der Gedankenlosigkeit oder der Feigheit entsproßt waren , hatte Nürnberger grimmige Leuchten angezündet ; und zum Helden seines Buches hatte er einen tätigen und braven Mann gewählt , der , von den wohlfeilen Phrasen der Epoche emporgetragen , auf der Höhe Überblick und Einsicht gewann und in der Erkenntnis seines schwindelnden Aufstiegs von Grauen erfaßt , in das Leere hinabstürzte , aus dem er gekommen war . Daß einer , der dies starke und rings widerhallende Werk geschaffen , später nur mehr wie in lässig höhnischen Randbemerkungen zum Gang der Zeit sich hatte vernehmen lassen , wunderte Georg sehr , und erst ein Wort Heinrichs : daß wohl dem Zorne , nicht aber dem Ekel Fruchtbarkeit beschieden sei , ließ ihn verstehen , warum Nürnbergers Werk für immer abgeschlossen war . Die einsame dunkelblaue Spätnachmittagsstunde auf dem Friedhof von Cadenabbia hatte sich Georg so seltsam tief eingeprägt , als wäre ihm das Wesen , an dessen Grab er gestanden , bekannt , ja wert gewesen . Es hatte ihn ergriffen , daß die goldenen Buchstaben auf dem grauen Stein matt geworden und die Beete im Rasen von Unkraut durchwuchert waren , und nachdem er ein paar gelbblaue Stiefmütterchen für den Freund gepflückt hatte , war er mit bewegtem Herzen geschieden . Jenseits des Friedhoftors warf er einen Blick durch das offene Fenster der Totenkammer und sah im Dämmer , zwischen hohen , brennenden Kerzen , von schwarzem Tuch bis über die Lippen bedeckt , eine Frauensperson aufgebahrt , über deren schmalem Wachsgesicht die Lichter der Kerzen und des Tags ineinanderrannen . Nürnberger war von der teilnehmenden Aufmerksamkeit Georgs nicht ungerührt geblieben , und sie sprachen an diesem Tage vertrauter miteinander als je zuvor . Das Haus , in dem Nürnberger lebte , stand in einer engen , düstern Gasse , die aus der innern Stadt treppenweise gegen die Donau zu führte ; war uralt , schmal und hoch . Die Wohnung Nürnbergers befand sich im obersten , fünften Stockwerk , wohin man über eine vielfach gewundene Treppe gelangte . In dem niedrigen , aber geräumigen Zimmer , in das Georg aus einem dunkeln Vorraum trat , standen alte , aber wohlgehaltene Möbel , und aus dem Alkoven in der Tiefe , vor dem ein mattgrüner Vorhang herabgelassen war , drang ein Duft von Kampfer und Lavendel . Jugendbildnisse von Nürnbergers Eltern hingen an der Wand und bräunliche Stiche von Landschaften nach holländischen Meistern . Auf der Kommode in holzgeschnitzten Rahmen standen allerlei alte Photographien , und aus einer Schreibtischlade , unter vergilbten Briefen suchte Nürnberger ein Bildnis der verstorbenen Schwester hervor , das sie als achtzehnjähriges Mädchen zeigte , in einer wie historisch anmutenden Kindertracht , einen Ball in der Hand , vor einem Zaune stehend , hinter dem eine Felsenlandschaft sich türmte . All diese Unbekannten , Entfernte und Verstorbene , stellte Nürnberger dem Freunde heute im Bilde vor und sprach von ihnen in einem Tone , der den Zeitraum zwischen einst und jetzt zu verbreitern und vertiefen schien . Georgs Blick schweifte manchmal hinaus über die enge Gasse zu dem grauen Mauerwerk uralter Häuser . Er sah schmale , verstaubte Scheiben mit allerlei Hausrat dahinter ; auf einem Fensterbrett standen Blumentöpfe mit ärmlichen Pflanzen , zwischen zwei Häusern in einer Rinne lagen Flaschenscherben , zerbrochene Tongefäße , Papierfetzen , vermodertes Pflanzenwerk . Ein verwittertes Rohr lief zwischen all dem Zeug hin und verlor sich hinter einem Rauchfang . Andere Rauchfänge zeigten sich links und rechts , die Rückseite eines gelblichen Steingiebels war sichtbar , zum blaßblauen Himmel ragten Türme auf , und unerwartet nah , in lichtem Grau , mit durchbrochener Steinkuppel erschien einer , der Georg wohlbekannt war . Unwillkürlich suchte sein Blick die Richtung , wo er das Haus vermuten durfte , an dessen Eingang die zwei steinernen Riesen auf gewaltigen Armen das Adelswappen eines versunkenen Geschlechts trugen , und in dem sein Kind gezeugt worden war , das in wenig Wochen zur Welt kommen sollte . Georg erzählte von seiner Reise , und in der Stimmung dieser Stunde wäre er sich kleinlich erschienen , wenn er es bei halben Wahrheiten hätte bewenden lassen . Nürnberger aber hatte auch die ganze längst gewußt , und als Georg sich darüber ein wenig erstaunt zeigte , lächelte er spöttisch . » Erinnern Sie sich nicht mehr « , fragte er , » jenes Vormittags , an dem wir uns in Grinzing eine Sommerwohnung angesehen haben ? « » Gewiß . « » Und erinnern Sie sich auch , daß uns in Garten und Haus eine Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm herumgeführt hat ? « » Ja . « » Bevor wir weggingen , hat das Kind die Arme nach Ihnen ausgestreckt , und Sie haben es mit einem ziemlich gerührten Blick betrachtet . « » Und daraus haben Sie geschlossen , daß ich ... « » Ach , Sie sind nicht der Mensch , über den Anblick kleiner und überdies etwas ungewaschener Kinder in Rührung zu geraten , wenn sich nicht Ideenverbindungen