er einen ansah , so scharf fassend mit Blick und Sinn er auch dastand . Einhart war innerlich dem unruhigen Treiben um ihn völlig abgewendet . Als der Tag der Beerdigung herangekommen , war Einhart nicht zum Weinen und Wehklagen , weder im Vaterhause am Sarge , noch am Grabe erschienen . Der Mann Katharinas , der Geistlicher war , hatte eine tönende , klagende Feier in dem Sterbezimmer begonnen . Katharina , die streng und fromm geworden , hatte Gesänge des Leides selbst zusammengesucht . Das Haus widerhallte von Wehmutsliedern . Die Tränen aller rannen . Und einer jeden dieser zerrissenen Seelen war unterdessen unbegreiflich geworden , daß Einhart nicht unter sie getreten war . Auch dann nicht , wie man den Sarg aus dem Hause und weiter in den Gräbergarten hineingetragen . Es war Herbst . Die braunen Blätter trieben sanft um die schwarzen Kleider und wehenden Flöre . Goldene Fäden fingen sich überall . Die behaglichen Muttergestalten Katharinas , Emmas , Rosas und Johannas , eine jede sah sich voll Schmerz und doch heimlicher Verwunderung auch während der tönenden Worte , die schrill in die milchige Dunstluft des Herbstes und in die dunkelgrünen Zypressen am Grabe klangen , nach Einhart um . Einhart war nicht zu entdecken , so daß man , wie man dann ohne den Toten heimgekommen war , ganz irdisch , mit kaum noch freundlichem Vergeben , ein wenig ungehalten redete . Man wartete dann auch am späten Nachmittag unter den schwarzgekleideten Verwandten vergeblich auf den einsam fremdartigen Einhart . Einhart stand noch immer jetzt draußen in Friedhofsnähe , als die Sonne schon tief hinabsank . Die Luft schwamm in sanften Rubinfarben . Die Zypressen ragten längst seltsam schwarz . Einhart hatte alle Schuld neu gefühlt , die der Einsame an denen begeht , die sich nach ihm sehnen . Etwas von dem Sondergefühl heißer Begierde , noch einmal zu der Seele des Toten zu kommen , hatte er empfunden , als er in seines Vaters Totengesicht gesehen . Etwas von der ganzen Klarheit , daß darin ihm , dem einzigen Sohne , viel Liebe ewig verborgen gewohnt , hatte ihn angefaßt mit unbegreiflicher Kraft . Da war es gewesen , daß er plötzlich ungesehen hinausgewandert aus dem Trauergetümmel , und daß er in dem fernen Eichwalde gestanden , und nicht recht aus Netzen und Schleiern , die der Tote um ihn gesponnen , mit denen ihn der Tote mit sich zog , herausgekommen . Und wie nun die Erde eine weite Herbsteinöde mit blanken Goldgespinsten über den Stoppeln dalag , darin mitten der Garten der ewigen Schläfer rosig umflossen dunkel ragte , da hatte Einhart sich endlich wie in sinnlosem Triebe herangemacht , eilig zur Grube , die jetzt ein Totengräber mit magerem , grauem Stoppelgesicht zuscharrte , hatte ihm , dem lächelnden Alten , selber ein wenig mit scharfem Augenglanz lächelnd , das Grabscheit aus der Hand genommen , sagend , daß er der Sohn des Toten wäre , hatte den Alten geheißen und mit einem Geldstücke bewegt , ferne zu gehen , und hatte mit eigener Hand Schaufel um Schaufel auf den Sarg zu werfen angefangen . Und als wenn er allein dem Toten der rückbleibende Hüter und Sorger wäre , ihn sanft und klar in die tiefe Sandhöhle zu betten , worein nicht Sonne noch Mond mehr scheint , hatte er die Erde über dem Sarge wachsen gesehen , und den Erdhügel ins Abendlicht getürmt . Einhart stand dann lange . Die Schweißtropfen rannen ihm ums Auge . Keine Träne fiel . Die Stirn war glühend heiß . Der Blick eilig und innerlich . Einhart war kein feiner Herr jetzt . Er hatte den schwarzen Rock an den Zaun gehangen und stand in Hemdärmeln , wie ein Arbeitsmann auf das Grabscheit sich stützend . Es war ganz einsam in dem Gräbergarten . Auch der alte Gräbermann traute sich nicht heran . Als Einhart endlich wieder die Kühle des Abends wehen gefühlt , war er in innerem Schauen achtlos fortgehastet über die verbleichenden Felder , gleich hin zum Bahnhof und zurück an seinen Ort . Es gab eine Aufregung unter den Schwestern . Wie man Einhart gar nicht wieder gesehen , war man einig geworden , daß man es mit einem unheilbaren Sonderling zu tun hätte . Man war gelinde gesagt durchaus enttäuscht . » Die wenigen Male mit uns ! und bei einem solchen Anlaß ! « hieß es , » und er benimmt sich so ! « Einhart fühlte dann zu Hause in seiner Arbeitsstätte wieder auch etwas Liebloses in seinem Handeln . Deshalb schrieb er an Rosa : » Ich bin ein Einsiedler , geliebte Rosa . Und außerdem bin ich ein Mensch , der über gewisse Dinge im Leben nie hinwegkommt . Ich sehne mich immer nach dem innersten Sinn . Der Sinn ist ein Geschenk , der uns wird aus jeder Trauer , wie aus jeder Freude . Aber den Sinn hört nur der , der ganz einig lebt und hinhorcht . Was mir vorgesprochen wird , tönt mir nur im Ohre , und ist mir wie ein Lärm , der mich stört im Erfassen . Seid nicht böse ! Ich hatte an Vater viel abzutragen . Wie wäre das noch möglich jetzt ? Aber mit Tränen vor den Leuten erst gar nicht . Ich konnte nur einsam noch einmal fühlen , daß dort unter der Erde einer ruht , der ich selber bin , und für den ich sorgen mußte , selber mit eigener Hand , soweit hier unter uns noch für ihn zu tun möglich war . Ihr seid auch desselben Blutes . Deshalb werde ich euch immer lieben müssen . Es ist ein uraltes Geheimnis , alt wie die Hügel , alt wie Steine . Ich glaube , das Blut liebt sich selbst . Wer kann sagen , wie alles zusammenhängt ? Ich fühlte unter euch , daß uns das Leben ganz und gar ferne gebracht . Nichts von dem Trachten eurer Seelen