genug , um mich mit ihm zu vernichten . Sie dachte an ihre Pläne , ihre Bestrebungen , und es schien ihr , als wären ihre Hände voll grauer Asche . Ist nicht alles dies nur ein Mittel , um sich zu betäuben ? Auch nur ein Opium ? Damit ich den Abgrund nicht sehe , aus dem alles Leben aufgestiegen ist und in den es hinabsinkt ? Wenn mein eigener Sohn , den ich von Kind auf hinüberziehen wollen auf die gute , auf die positive Seite - was ist dann Erziehung ? Beispiel ? Gewöhnung ? Zu wem redet man ? Und es fiel ihr ein , zu wem seit Jahrtausenden die Weisen und die Dichter geredet , und eine ungeheure Angst ergriff sie . Ihr Mittel versagte , ihr Opium versagte , und sie stürzte in das Bodenlose hinab . » Junger Herr ! Herr Geyer ! Ihre Mutter ist kommen ! « schrie die Wirtin und bearbeitete kräftig die Tür . Es war heller Tag . Gedemütigt stand die Mutter daneben . » Meine Mutter ? - Sofort ! « rief es aus Hermanns Zimmer und dann noch einmal : » Ich komme schon . « Die Tür tat sich auf . » Nun , da haben wir den jungen Herrn . « Lachend trottete die Wirtin davon . Hermann war da . » Liebe Mama , diese Überraschung . Willst du nicht Platz nehmen ? Du mußt aber früh von Zürich fort sein ! Es ist doch nichts passiert ? Entschuldige die Unordnung , ich habe spät gearbeitet . Oder willst du dir nur einen Feiertag gönnen ? Was ist denn los ? « Hermann war wohlgewaschen und frisiert , in guten Kleidern ; das Zimmerchen duftete nach Veilchenseife und war aufgeräumt , das Bett zugedeckt ; auf dem ovalen Tische vor dem Sofa lagen viele Bücher in neuen , schönen Einbänden , mit glänzenden Goldtiteln . Aufgeschlagen aber war eine große , silberbeschlagene Bibel , von deren vergilbten Seiten bunte Initialen leuchteten . Ohne die Mutter anzusehen , fuhr Hermann herum , das heißt : er glitt mit unhörbaren , geschmeidigen Bewegungen . Eben trug er eine Schnurrbartbinde von der Kommode zum Lavor und legte sie schmunzelnd in Papier , rosa Seidenpapier , das fröhlich knisterte .. Dabei sprach er fortwährend . » Tante Ludmillas Familienbibel , die mußt du dir ansehen , Mama . Nun , wie geht ' s daheim ? Aber daß du dich losgemacht hast ! « Auf seinen blassen Backen waren hektische Flecke , die Nervosität seiner Gebärden nahm zu , als die Mutter noch immer schwieg . » Aber schlechtes Wetter ! Es regnet , « sagte er mit harmlosen Blicken nach dem Fenster . Josefine konnte nicht sprechen , und er sprach immer weiter , mit immer mehr sich rötenden Backen und immer unruhigeren Gebärden . Schiefe Blicke fuhren über sie hin , über ihr eingefallenes Gesicht , ihre nassen Kleider . Mit trockenem Gaumen brachte sie endlich hervor : » Genug . Packe zusammen . Heim . « Er sprang empor , tat , als verstehe er nichts ... Da sagte sie ' s ihm . Aber er leugnete rundweg . Ein falscher Verdacht ! Ganz falsch ! Schließlich , warum nicht zugestehen , wenn es nicht falsch wäre ? Alle tun so , man ist keine Ausnahme . Es gehört sich , daß ein junger Mann das Leben kennen lernt . Frauen - natürlich - anständige Frauen wissen diese Dinge nicht und brauchen sie auch nicht zu wissen . Aber ein Mann - das ist etwas ganz anderes ! ... » Ich saß hier und arbeitete , habe das Zimmer den ganzen Tag nicht verlassen . Es kann ja sein , wenn du mich gesehen haben willst , daß ein anderer - Hier im Haus wohnen mehr Leute - Und jeder findet , daß man das Leben kennen lernen muß . Ein Mucker , ein Duckmäuser ? aber wozu denn ? Welche Mutter verlangt von ihrem Sohne , daß er wie ein Asket lebe ? welche anständige Mutter kümmert sich überhaupt ? das sind die Nachtseiten des Lebens ! Man ist sinnlos betrunken , nun ja . Auch das muß man einmal durchmachen . Und was man in der Betrunkenheit tut oder sagt - dafür ist man nicht verantwortlich . Nicht mal vor Gericht . Ich weiß von nichts , entsinne mich nicht . Du bist eine Ausnahme , Mama , aber ich bin normal ! Ein gewöhnlicher , normaler Mensch , Gott sei Lob und Dank . Du denkst nun gleich , ich sei schlecht , ich sei verloren , aber das ist sehr unrecht von dir , und wenn du das Leben sähest , wie es wirklich ist - Verachten ? nicht verachten etwa ? ein feiles Geschöpf , das sich für ein paar Centimes preisgibt , das soll ich nicht verachten ? Aber du , Mama , du hast sogar vom Onkel Léon und Onkel Albert verächtlich gesprochen , nur weil sie am Gelde gehangen sind ! « Auf all seine Verteidigungsversuche erwiderte Josefine nur das eine : » Zusammenpacken ! Sofort . « Mechanisch gehorchte er , fortwährend redend und scheltend : » Du bist die schrecklichste Despotin , Mama , die es geben kann ! Es wird mir bei dir gehen , wie es dem Pape gegangen ist . Eine Puppe , eine Mumie machst du aus dem Menschen . Ach , du fängst ja sogar mit Rösli an , « sagte er mürrisch und hämisch , » sie schreibt mir , du sähest es nicht gern , daß sie Verse macht . Alle , alle willst du uns zerquetschen ! Aber ich muß heraus ! Ich lasse mich von Tante Ludmilla adoptieren , und dann geh ich nach Deutschland und werde deutscher Bürger . Eine Stellung und ein Vermögen ist gar nichts Schlechtes ! Du verdrehst alles . Du mußt also überall nur schlechte Menschen sehen , denn alle