hier ebenso wenig verständlich wäre , wie etwa eine griechische Ode vor einem Trupp von Irokesen , und er verzichtete auf jeden weiteren Versuch , mit den Anwesenden zu diskutieren . Nur nach einem Worte suchte er , das seiner ganzen Entrüstung über den wahrgenommenen barbarischen Tiefstand Luft machte - aber er fand es nicht . » No , is der Herr jetzt paff ? Sieht er ein , daß man gegen so stramme Parteileut ' wie wir , nit aufkommen kann - daß wir für unser christliches Volk einstehen werden , gegen alle Juden und Judenliberalen , sowie gen alle Freimaurer und Sozi . Unser altes Wien , mit sein ' goldenen Herz , mit sein ' frommen Sinn , darf uns von die Eindringlinge und ihre Knecht ' nit verschandelt werd ' n : No , sagt der Herr noch immer nix ? « » Ich sage , daß ich Sie ebenso tief bedauere , als - verachte . « Und er wollte sich zum Gehen wenden . Aber da brach ein Sturm los . Alle sprangen von ihren Sitzen auf , Schimpfworte flogen durcheinander , worunter der Ruf » Jud , Jud « am häufigsten erscholl , weil er in solcher Mitte als die gehässigste Beschuldigung gemeint ist . Einer warf seinen Bierkrug nach Rudolfs Kopf , doch ohne ihn zu treffen . Zwei Leute - die Burschen , an deren Tisch er vorhin gesessen - packten ihn an den Schultern und , während nunmehr der ganze Saal in den Schrei : » Außi , außi , werft ' s ihn außi « ausbrach , wurde der Überwältigte zum Ausgang gedrängt und so unsanft herausbefördert , daß er auf das Pflaster fiel . Hinter ihm schlugen die Exzedenten die Tür wieder zu . Die Straße war leer ; nur der Fiaker stand da . Erschrocken sprang der Kutscher herbei und half seinem Fahrgast vom Boden auf . » Jessas , Maria und Josef , Euer Gnaden , haben ' s Ihnen weh tan ? « » Nichts , nichts ... « wehrte Rudolf ab . » Fahren wir wieder auf den Ring zurück . « Und er stieg ein . Im Wagen bemerkte er , daß er an einer Stirnwunde blutete . Es war aber nur ein Ritzer . Am folgenden Tage spürte er nichts mehr davon . Aber eine andere Wunde hatte ihm der Vorfall geschlagen . Eine tiefe Verletzung seines Glaubens an die Menschheit . XXX Hugo Bresser erwartete mit Ungeduld das versprochene Wort . Nach zwei Tagen traf es ein : » Ich will Dein sein . Aber ohne Falsch und Hehl . Erst muß ich mich befreien . Also noch Geduld . Ich schreibe wieder . Bis dahin ist Dir mein Haus verschlossen . Aber nicht wahr ? Das Wort genügt - ich wiederhole es : so wahr ich weiter leben will und kann - Dein will ich sein . « Von diesen Zeilen aufs tiefste erregt , setzte sich Hugo sogleich an seinen Schreibtisch , um zu antworten . Seine Pulse flogen , ein seliger Rausch erfaßte ihn und mit fliegender Feder schrieb er auf die erste Seite vier glühende Strophen - ein Triumphlied über das Thema : » Du willst mein sein « vielleicht das schönste Lied in dem Zyklus » An sie « , - dann fuhr er in Prosa fort : » Sylvia , sag ' nicht zum Glücke Später ! Später kann ja eins von uns zweien gestorben sein - was wäre das für ein Raub ! Du willst Dich frei machen ? Bist Du ' s denn nicht ? Spürst Du nicht , daß in beglückter Liebe eine solche Kraft liegt , daß sie alle Ketten , Skrupel , Rücksichten spielend über alle Dächer schleudert ? Das ist ja wieder ein sklavisches und ängstliches Sichbeugen unter das Joch des fremden Willens , ein Abhängigsein von fremdem Urteil , daß Du da erst Scheidungsurkunden und dergleichen brauchst , daß Du erst dem ganzen Kreis von Tanten und Sippen höfliche Anzeigen machen willst : Meine Verehrtesten , ich liebe Hugo Bresser und will die Seine werden . Wen geht das etwas an ? Das ist unsere Welt und eine so große , so freudenhelle , daß sie für uns das ganze übrige in Nichts und ins Dunkel verdrängt ... Du bist zu stolz , um zu lügen ? Vor allem sollten wir zwei zu stolz sein , unser Glück der kalten Menge bloßzulegen ... ein Glück , das um so süßer wäre , je verschwiegener es bleibt . Nicht ängstlich verschwiegen , nur sorglos , als wäre die Mitwelt nicht da . Die Liebe hat solche Isolierungsgewalt . Sie umgibt das selige Paar mit einem undurchsichtigen Netz - aus Flammen gewoben . Das ist der echte Feuerzauber . Ich bin von einem Hochmut ! ... Mir ist , als trüge die Erde niemand , der mir ebenbürtig ist . Der König aller Könige bin ich , denn Du willst mein sein ... niemand ist würdig , mir die Schuhriemen zu lösen , aber vor Dir lieg ' ich im Staube - Herrin . Doch wieder nein : nicht Dein Knecht will ich sein , sondern Dein Schützer - Kind ! Du weißt nicht , welche sanfte , schmelzende Zärtlichkeit ich Dir bereit halte ; ruhen sollst Du an meinem Herzen , Dich in meine Arme schmiegen , im Bewußtsein voller Sicherheit und Geborgenseins . Du hast ja viel Trübes durchgemacht - Stunden der Bitterkeit , des Ekels , des Aufruhrs - Trost brauchst Du und Rast und Stille . Fürchte nicht , daß Dein Geliebter Dich in einen ewigen Wirbelsturm der Leidenschaft mit sich reißen will - ich will Dir Frieden geben . Minuten lodernder Extase - aber auch Stunden heiterer Vernünftigkeit . Oder auch Unvernünftigkeit ; wir sind gescheit genug jedes für sich , um miteinander kindisch sein zu dürfen . Ja , fröhlich wollen wir sein - scherzen und lachen . Scherz ist der Page der Königin