beinahe steinern , ihr Blick verschlingend groß , unbarmherzig wild , und er sah ihre Zähne schimmern . Sie stand auf . Die Kerze war erloschen . Agathon fühlte zwei Arme um sich geschlungen und an seinem Halse die feuchte Berührung eines Mundes . Seine Sinne schmerzten , daß er glaubte , es müsse mit ihm zu Ende gehen , daß er die Nacht verwünschte . Was er dann empfand , war eine sich ausbreitende Angst , das Gefühl , als ob das Zimmer luftleer sei , und endlich eine verzweifelte , brennende Begierde . » Was zitterst du so ? « fragte Jeanette leise . Dann knisterten wieder ihre Kleider ; es fielen ihre Haare herab und hüllten seine Hände ein . Er lag mit offenen Augen , die wie erblindet waren und fühlte die warme Haut ihres Körpers , und ihn schauerte bis ins innerste Mark seiner Knochen . Sie küßte ihn ; er dachte , daß sie ihn besser hätte nicht küssen sollen , denn er glaubte zu ertrinken in einer heißen Gischt , sein ganzer Leib war ein zuckender Schmerz , der alles in einen übermäßigen Rausch versetzte , dann kam ein bewußtloses Versinken ; das anfänglich blendende Licht verlor sich , und plötzlich fiel er wie zerschmettert nieder auf Steine und blieb liegen , voll von einem grenzenlosen , vorher nie erfaßten , noch geahnten Jammer . Er wußte nicht mehr , wie er sich erhob , in die Kleider kam , wie er das Zimmer verließ , auf der Straße stand , die sich breit hindehnte in einen mühsam aufquellenden Morgennebel . Er sah einen Garten vor sich und sah das Tor offen ; er streckte sich hin auf den Sockel eines Brunnens , der noch mit Stroh umwunden war ; er streckte sich hin und legte den Kopf auf die Arme und begann bitterlich zu weinen . Als er aufsah , war die Sonne emporgegangen aus der Umarmung riesenhafter Wolken . Ein Hahn krähte . Kräftige Frische lag in der Luft . Jeanette schlief noch , als er zurückkehrte . Ihr Gesicht hatte etwas so Eisiges und Totes , als ob das Leben nie wieder die Züge bewegen könne . Auf den geschlossenen Lidern lag eine Müdigkeit , die an den vollen Tafeln des Lebens entstanden und genährt worden war . Durch die Spalten der Gardinen fiel ein schmales Sonnenband auf ihre schneeweiße Brust . Als sie zusammen frühstückten , blickte ihn Jeanette scharf an und sagte : » Nun siehst du wohl , daß die Welt aus Schmutz besteht . « Agathon schwieg . » Du siehst , was ich bin , « fuhr sie fort . » Und du kommst und verlangst , daß wir nicht mehr glauben sollen . Das ist ja ohnehin unsere Krankheit , das Nichtglauben , jetzt ist deine Mauer gefallen , Agathon , und du hast dich überzeugt , daß sie dir nur einen Haufen Schmutz vorenthalten hatte . « » Ist es nicht vielleicht deswegen Schmutz , weil wir es so wollen ? Weil du es willst ? « fragte Agathon . » Weil du dich der Stunde schämst , in der du dich hergegeben hast ? Liegt nicht in der Vereinigung von Mann und Weib Unsterblichkeit und Unvergänglichkeit ? Und nur darin ? Warum sollte das Schmutz sein , was so erhaben sein kann ? « » Wirklich ? Kann es das ? Kann es so erhaben sein ? Köstlich . Ihr Männer seid unverbesserliche Trunkenbolde . « Dann fuhr sie mit starrem Blick fort : » Auch du , auch du , Agathon , mußtest fallen . Aber es ist mir klar , wozu es dich treibt . Du willst die Sinnlichkeit wieder auf den Thron setzen , den sie seit zweitausend Jahren verlassen hat . Das liegt in dir , spricht aus deinen Worten , strahlt aus deinen Augen . Aber eher kannst du dein Hirn verbrennen , oder du mußt neue Menschen formen . Das ist alles unanständig , was du willst , verstehst du , unanständig ; das ist das Wort , das dich erdrosselt . Wenn du es aus der Welt schaffst , dann glaube ich an dich . Ist es nicht unanständig , wenn wir die Kleider abnehmen und uns sehen ? Ist es nicht unanständig , Kleider zu haben und an Liebe zu denken ? Ach , nur die Kleider sind schuld , daß wir so krank lieben . Und dann bedenke , eine Religion , die nicht die Sinnlichkeit erstickt , schleudert die Könige vom Thron . « Eine Zeitlang schwieg sie , dann stand sie so heftig auf , daß der Stuhl hinter ihr auf den Teppich zurückfiel . » Nun sollst du alles wissen . Damit wenigstens ein Mensch weiß , was ich leide . Nicht mich ruft der König , sondern ich habe alles daran gesetzt , um zu ihm zu kommen . Keinen Schleichweg , keine Hinterlist habe ich gescheut . Er soll mein letztes Medikament sein . Vielleicht finde ich dort Heilung . Es geht ein Stolz und eine Hoheit von ihm aus wie ein Sturm übers ganze Land . Denn siehst du , ich langweile mich . Ich langweile mich , seit ich auf der Welt bin . Ich langweile mich bei Putz und Schmuck , beim herrlichsten Sonnenaufgang und beim schönsten Gemälde . Versteh mich recht , es ist mehr als die Langeweile , aus der müßige Frauen Ehebruch begehen , Dummköpfe zu Verbrechern werden , aus der die Hälfte alles Übels in der Welt geschieht . Nein , ich habe noch keinen einzigen Menschen kennen gelernt . Ich war in Paris am Herzen der Erde gelegen und habe gezittert mit den Pulsschlägen der Nacht , ich habe den vornehmsten Pöbel rasend gemacht durch den Tanz , ich habe jubelnd sämtliche Tugend zum Teufel gehen lassen , - aber ich habe mich gelangweilt . Ich habe mich in den Betten gewälzt , die Kissen zernagt und jeden Tag verflucht