siegt , bloß weil er Mann ist . Eine Vision erstand vor Fannys Auge . Es war ihr , als stehe ein Cherub vor ihr , der in einer Wagschale ihr Dasein gegen das Joachims abwog . In ihre Schale fielen alle Dankesthränen , die man über ihrer arbeitsamen , segenspendenden Hand geweint , all ihr nützliches Wirken im Umkreis ihrer Pflichten , alle die selbstlosen Freundesthaten , die sie an den Ihrigen gethan , und all das deckte ganz die eine Schwäche ihres rasch und urteilslos entflammt gewesenen Herzens zu , und ihre Schale neigte sich schwergewichtig , die andere Schale aber flog leicht in die Höhe - nein , sie beide konnten nicht zusammen gewogen werden . Thränen verdunkelten Fannys Augen . » Muß es denn sein ? « fragte sie sich in stummer Qual , » muß ich denn unterliegen , bloß weil ich ein Weib bin ? « Es regte sich etwas in ihr - etwas , das nach Befreiung , nach Erhebung schrie ; etwas , das sich wild dagegen empörte , dem Mann den Sieg zu lassen ; etwas , das ihr zuraunte , sie kämpfe für ihr Geschlecht , wenn sie für sich kämpfe . Ihr Herz klopfte . Unvermittelt , wie ein Blitzstrahl , fiel ein Licht in Fannys Seele . Ein unnennbarer Stolz dehnte ihr ganzes Bewußtsein . Eine neue Kraft kam über sie - die Kraft , würdig zu leiden . Sie fühlte , daß Joachim sich innerlich ganz von ihr gelöst hatte und daß sie nicht aufhören könne , ihn zu lieben , aber die Würde haben müsse , ihr Leben nicht unter das seine zu stellen . Ihr Auge haftete wieder auf dem Geliebten , ruhig , groß , erhaben . Die Predigt war zu Ende , Joachim und sein Weib knieten auf der Schwelle des Altars nieder , um den Segen zu empfangen . Dann erklang die Orgel , und die hellen Knabenstimmen sangen vom Chor hernieder . Ueber Fannys Angesicht lag ein Schein von unirdischer Größe . Sie sah dem Sonnenstrahl zu , der auf Joachims blondem Haupte lag ; und als Joachim sich wieder erhob und ergriffen , doch in diesem Augenblick tief ergriffen , sich Fanny nahte , vielleicht um ein Wort der Vergebung zu stammeln , vielleicht um einen großmütigen Segenswunsch zu hören , da nahm sie seine Hand . Ihre Lippen wollten sprechen , aber die Stimme fand nicht die Kraft zu lautem Ton . So sah sie ihn an , lange und tief , und dann ließ sie seine Hand fallen . Sie trat von ihm hinweg , erfaßte die kalten Hände ihres alten Freundes und sagte , ihm groß ins Auge sehend : » Ich will leben ! «