, über die ganze Stadt ein Dach , denn sie sei ja doch schon ein einziges großes ... und so weiter . ) Pompeji war in diesem Punkt so weit voran wie unser Isarathen und doch zugleich viel sittlicher . Obgleich hier zu Lande die Feigenblätter wild wachsen , während sie in unserem nordischen Moralklima aus Blech und anderen spottbilligen Redensarten fabriziert werden , so verschmähten es die ehrlichen Alten doch , die wahre Natur auf so lächerliche Weise zu maskieren und durch ein vorgeklebtes Feigenblatt die Frage herauszufordern : Was steckt dahinter ? Und während wir mit Feigenblättern und andern Tugendmaskenzeichen herumlaufen , als wäre unser Kulturleben nur ein unaufhörlicher Karneval , erhebt unser Staat ganz ernsthaft eine Steuer von der gewerbsmäßigen Lasterübung und unsere staatlich bestellten Statistiker fisteln : Schöne Maske , ich kenne dich - und halten uns die Tabellen mit der genauen Berechnung des riesigen Prozentsatzes der unehelichen Kinder u.s.w. unter die hochgetragene Tugendnase . Die organisierte Lebenslüge ! Ah , mein verehrter Doktor Trostberg , in unserem Pessimistenstil werden wir nicht vergessen dürfen , aus dem Feigenblatt und der Faschingsnase und den statistischen Tabellen bedeutsame dekorative Motive zu formen ... Wunderbar , wie trotzdem dem Reinen alles rein bleibt : meinem kleinen , genialen Kameraden ist es keinen Augenblick eingefallen , die Schritte zu zögern oder sonst das angelernte , scheue Gethue unserer Damen hervorzukehren , als der Aufseher uns mit der höflichen Meldung den Weg vertreten wollte : » Entschuldigen die Herrschaften , wenn ich Sie darauf aufmerksam machen muß , daß die Besichtigung gewisser Häuser in dieser Gasse den Damen untersagt ist . « Der Aufseher folgte uns , und es entwickelte sich folgendes Gespräch : Mein Kamerad : » Aber das Vorübergehen wird erlaubt sein ? « Der Aufseher : » Das ist es , Signora . « Ich : » Sind die Häuser wirklich so gefährlich , selbst in ihrer Ruinenhaftigkeit ? « Der Aufseher : » Man sagt ' s , gewisser Freskobilder wegen . « Mein Kamerad : » Und hat sie nie eine Dame gesehen , diese gefährlichen Freskobilder ? « Der Aufseher : » Ja , auf heimliche Weise . Mir ist jedoch nur ein Fall bekannt . « Ich : » Erzählen Sie , bitte . « Der Aufseher : » Es war eine Russin mit kurz geschorenem Haar und auch sonst sehr männerähnlicher Tracht . Es waren mehrere Herren bei ihr . Der Aufseher - es war mein Vorgänger im Amt - wurde getäuscht . Die Dame schlüpfte mit hinein . « Mein Kamerad : » Und welchen Eindruck hat sie empfangen ? Hat man Ihnen nichts davon gesagt ? « Der Aufseher : » Doch . Man hat in Pompeji lang darüber gelacht ... « ( Hören Sie , mein verehrter Doktor Trostberg : man hat in Pompeji darüber gelacht ! Die lachenden Pompejaner - die Mumien mit inbegriffen , welch ' ein Bild ! Bei uns hätte man Anzeige erstattet , Verhöre angestellt , Zeugen vorgeladen , Protokolle aufgenommen , Polizeiberichte an die Zeitungen verschickt , Urteile gefällt , den Aufseher davongejagt , das Haus unter Siegel gelegt oder demoliert , die Russin des Landes verwiesen , kurz , es hätte einen Mordsskandal gegeben : in Pompeji hat man gelacht ! Ist das nicht klassisch ? ) ... und das Geschichtchen ist von Mund zu Mund gegangen . Die russische Dame soll nämlich sehr enttäuscht gewesen sein . Sie hatte sich etwas ganz anderes erwartet , etwas Außerordentliches . Ärgerlich soll sie ausgerufen haben : » Und weiter ist es nichts ? Das ist alles ? Ce n ' est que ça ? ... Qu ' y a-t-il d ' extraordinaire ? Wir Russen sind wahrhaftig pompejanischer , als diese Pompejaner ! « Mein Kamerad : » Was sind ' s denn für Sachen ? « Der Aufseher : » Allerhand Unzucht , nur etwas sehr natürlich . Die Inschriften sollen noch deutlicher sein , als die Bilder . Ein deutscher Professor ... « Ich : » Mommsen . « Der Aufseher : » Ja , der Signor Mommsen , hat alle Inschriften mit der größten Genauigkeit abgeschrieben ; jetzt kann man sie in Deutschland in einem gelehrten Buche lesen ; das ist nicht verboten . Die Bilder hat man auch kopiert . In Neapel kann man die Photographieen kaufen ; die sind aber eigentlich verboten . Sie sind auch sehr teuer . « ( Auf meine vertrauliche Anfrage , unterstützt durch ein Trinkgeld , hat mir der Aufseher hernach die Adresse des neapolitanischen Photographiehändlers vertraulich mitgeteilt . ) Als wir uns vom Aufseher und seiner verrufenen Gasse mit vieler Rührung verabschieden wollten , bekamen wir noch ein charakteristisches Abenteuer in den Kauf . Auf der Schwelle des letzten anrüchigen Hauses - es duftete aber gar nicht nach Pöckelfleisch oder anderem Schweinernen , sondern roch ganz lieblich nach den würzigen Kräutern , die wild in den Mauerrissen blühten und ihre weißgelben Blumen im Morgenwinde schaukelten - saß ein schwarz gekleideter , hagerer Mann mit dem Rücken gegen die Holzthür , nach seinem ganzen Habitus ein puritanischer Geistlicher irgend einer englischen Religions- und Sittenverbesserungsgesellschaft . Was will der Mensch dort ? fragte ich blinzelnd und mit den Blicken deutend den Ausseher . Worauf dieser sich begnügte , mit Blicken und Gesten zu antworten und etwas durch die Zähne zu murmeln , was etwa sagen wollte : Ein verrückter Engländer , der freiwillig den Wächter spielt und die Besucher haranguiert , dem Ort des Verderbens fern zu bleiben . Darauf müssen wir die Probe machen , dachte ich . Mit raschem Mienenspiel - das lernt sich schneller in Neapel , als das Volapük - verständigte ich den Aufseher , nahm meinen kleinen , genialen Kameraden beim Arm und schritt mit ihm auf die Thür zu . Wie von der Tarantel gestochen , schnellte mein Engländer auf , stemmte den Rücken gegen die Thür , und breitete die Arme aus und mit einem Gesicht , in