gewandert und geschmaust wurde , und das gerade in Zeiten der Bedrängnis . Martin Salander hatte zu besagter Fest- und Wanderfreude sonst redlich das Seinige beigetragen überall , wo irgendeine patriotische , volkserzieherische und fortschrittliche Idee hineingelegt werden konnte ; dann begann der wachsende Strom ihn stutzig zu machen , und er mahnte zum Maßhalten . Jetzt , wo das Übermaß im Lande rauschte , wendete sich sein Sinn wieder . Er wollte nicht auf der Seite des griesgrämigen Alters stehen und , gestachelt von dem verliebten Jugendbedürfnis , begab er sich selbst in das Gedränge und war da oder dort hinter den wallenden Fahnen zu erblicken , mit einem Festzeichen im Knopfloch , seidener Armbinde oder mindestens mit einer Alpenrose auf dem Hut . Dergestalt glaubte er das Blühen des Vaterlandes in neuer Jugend zu genießen und räumte an den Festtafeln in Gedanken der Bringerin derselben einen Ehrenplatz neben sich ein , unbeschadet des täglichen Seufzers , mit dem er sich schlafen legte . Es ist doch ein wahres Wort , sagte er einst bei sich selber , wenigstens für die ideale Liebe , jenes geflügelte : l ' amour est le vrai recommenceur ! Sie macht mir sogar die alte Republik wieder hüpfen wie ein Zicklein ! Die Abendsonne , welche eben unter die betreffende Festhalle hereinschien , spiegelte an der vergoldeten Innenwand eines großen Ehrenpokales , der vor ihm stand , mit rotem Weine frisch versehen , und der Goldschein leuchtete mit unbeschreiblichem Zauber in die durchsichtige Purpurflut . Martin heftete seine Augen auf das funkelnde Farbenbild , das , urplötzlich aus offenem Himmel gekommen , seine Gedanken zu besiegeln schien wie ein flammendes Siegelwachs . Ein rötlicher Schimmer aus dem Becher spazierte sogar über sein begeistertes Gesicht , was eine ihm gegenübersitzende anmutige Frau wahrnahm und es ihm sagte mit der Mahnung , er solle sich still halten , denn er sähe jetzt hübsch aus . Geschmeichelt hielt er ein Weilchen das Gesicht unbeweglich still , bis auf demselben der Abglanz zu flimmern begann , gleich dem Wein in dem Pokale . Denn es lief eine schwache Erschütterung durch den langen schmalen Tisch herauf , welche auch den Inhalt des Bechers bewegte . Die Erschütterung rührte aber davon her , daß ein Festgenosse von zwei bürgerlich gekleideten Polizeibeamten unversehens aufgefordert wurde , sich zu erheben und mit ihnen hinauszugehen , und sich dessen weigerte , so daß der leicht gezimmerte Tisch einen Stoß empfing , als sie Hand an den Mann legten und ihn zum Aufstehen zwangen . Erbleichend fügte er sich und folgte ihnen , nicht ohne mit niedergeschlagenen Blicken verschiedene Dekorationen , bestehend in Rosetten , Schleifen und silbernen oder vergoldeten Emblemen , vom schwarzen Kleide zu nehmen , eins nach dem andern , so unbemerkt als möglich . Er war nämlich nicht nur mit dem allgemeinen Festzeichen des Tages , sondern , da er im Verlaufe desselben mehrere Freundschaften geschlossen , mit den ausgetauschten besondern Vereinsorden geschmückt . Nur wenige wurden auf den Vorgang aufmerksam ; so auch Salander , an welchem der Mann mit seinen Begleitern vorbei mußte , und jener schauderte , als er wohl sah , wie der Unglückliche die Ehrenzeichen der Freude ablöste und verstohlen in die Tasche zu bringen suchte . Es dünkte ihn nicht weniger schrecklich , als wenn einem hohen Offizier vor der Regimentsfront Degen und Ehrenzeichen abgenommen werden . Erst als der Mann verschwunden war , verbreitete sich an den Tischen das Gerücht von der Ursache der Verhaftung . Er war ein wohlbekannter und beliebter Festbesucher und eines großen Vertrauens teilhafter Verwalter irgendeiner der florierenden Unternehmungen , stets fröhlich und aufgeräumt , wo er hinkam ; nur zuweilen , in letzter Zeit , mit einem gesummten Liedertriller einen aufsteigenden Seufzer abdrehend , oder mit den Fingern auf dem Tische trommelnd oder mit langem Absetzen des Glases zerstreute Gedanken verhüllend . Solche Beobachtungen wurden nun mitgeteilt , nachdem man vernommen , daß während seiner Abwesenheit von Hause ein Wirrsal von Unterschleifen , in das er verflochten , entdeckt und gleichzeitig festgestellt worden sei , wie er bei Auswanderungsagenten sich nach Schiffsgelegenheiten erkundigt habe . In seinem Leichtsinn hatte er sich nicht versagen können , vor der Flucht noch schnell das Fest mitzumachen zur letzten schönen Erinnerung , da ja ein reinlicher Bürger auch das Unliebsame stets zu einem artigen Stammbuchverslein zu gestalten strebt . Verstimmt verließ Salander das Fest und reiste stracks nach Münsterburg zurück . Nachdem er mit seiner Gattin das Abendbrot geteilt , nahm er eine Zeitung zur Hand , und das erste , was er las , war die Nachricht von den zutage getretenen Unterschlagungen eines Beamten im Osten der Schweiz ; im gleichen Blatte stand am Schlusse als Neuestes der kurze Bericht von der Flucht eines Kassiers im Westen . » Was ist denn das für ein Unglückstag ? « rief er kopfschüttelnd und erzählte , was er soeben an dem Feste selbst mit angesehen . » Es ist zwar nicht eidgenössisch gedacht , « sagte er ; » aber ich bin doch froh , daß diese traurigen Sachen nicht in unserm Kanton vorgefallen sind ! « » Lies nur fertig ! « versetzte Marie , » auf dem Beiblatte steht noch etwas Schönes ! « Da las Martin richtig , daß ein Aktuarius Schimmel in Münsterburg infolge einer Reihe von Veruntreuungen und Bestechlichkeiten , deren er verdächtig , am heutigen Tage verhaftet worden sei . » Das fängt bei Gott an , einem an den Hals zu gehen , wie das Wasser ! « sagte Salander , indem er die Zeitung wegwarf , » diesem habe ich durch meine Fürsprache zu der Stelle verholfen . Ich hab es zwar bereut , weil er sich sofort als ein großmäuliger und unverschämter Mensch aufführte und mit seinem Patriotismus prahlte ; für unehrlich hielt ich ihn jedoch nicht . Jetzt erinnere ich mich , vernommen zu haben , wie es auffalle , daß er immer an den öffentlichen Wirtstafeln speise , anstatt mit Weib