Everstein und Eva Sixtus wurden ein stilles , solides Paar , auch ein stattlich Paar und eine Krone der Gegend . Eine Herrin gehörte noch an die fürstliche Tafel , die der Bauer vom Steinhofe Punkt zwölf Uhr mittags öffentlich , das heißt bei offenen Türen hielt , und wer hätte den Platz währschafter und freundlicher auszufüllen vermocht als die jetzt so stattliche Jungfrau vom Försterhofe zu Werden - meine rehhafte , leichtfüßige , liebliche Jugendliebe ? ! ... Ich war aber auch dem Stadtrat Bösenberg aus Finkenrode nicht umsonst unterwegs begegnet ; ich hatte nicht umsonst mit ihm gefrühstückt in Finkenrode : Stadtrat zu Bodenwerder wurde ich mein Lebtage nicht und noch viel weniger Bürgermeister daselbst . Die den Ort sonst betreffenden historischen Studien hatten mir der Justizamtmann Bürger zu Göttingen und der Obergerichtsrat Immermann in Düsseldorf schon längst vor der Nase weggefischt . Um es mit ein paar kurzen Worten auszudrücken : mein Name war Dr. Langreuter , der irische Baukünstler Ewald Sixtus hatte mich nur für einige Wochen aus einem mir völlig angemessenen Lebensberuf weggeholt , und ich gehörte einfach nach Berlin und nicht nach Dorf Werden ; letzteres ebensowenig wie der internationale Ingenieur Ewald Sixtus nach dem dort noch befindlichen , aber sehr zur Ruine gewordenen Herrensitz der Grafen von Everstein . Ich lag lange in dieser Nacht im offenen Fenster auf dem Steinhofe , und die Kühle war sehr erfrischend und die Monddämmerung sehr wohltätig nach dem heißen , blendenden Heumondstage . Sie hatten ihr Heu wohl meistens glücklich unter Dach gebracht , aber der Duft davon durchzog noch immer angenehm , wenngleich etwas betäubend die Nacht ; ich aber konnte zu keiner besseren und günstigeren Zeit als zur Zeit der Heuernte auf dem Steinhofe wieder zu Gaste sein . Es ist immer ein anderes , wenn die Wiesen in voller Pracht und Blüte stehen , mit seinen Illusionen und Herzensneigungen abzuschließen , und ein anderes ist ' s , zur Zeit des Heumachens anderer seine Lebensruhe sicher und trocken unter Dach zu bringen . Was dabei meine Gemütsstimmung nicht verschlechterte , war die im Verlauf des Tages gewonnene feste Überzeugung , daß auch zwei anderen Leuten und lieben Freunden sich der Pfad sanft abwärts führend viel leichter glätten werde , als sie augenblicklich noch , beide für möglich hielten . Ich hatte dem jetzigen Herrn von Schloß Werden mein Wort gegeben , ihm in dieser Nacht sofort zu schreiben : ich wußte , daß der Mann und wilde Irländer in der Försterei zu Werden ebenfalls wenig schlief in dieser Nacht , hatte mir auch gewissenhaft einen Briefbogen zurechtgelegt und dem Vetter Just sein Dintenfaß mir aus seiner Giebelstube geholt ; aber - wozu eigentlich immer selber stets Wort halten in einer Welt , in der es einem selber so häufig nicht gehalten wird , sowohl vom Wetter wie vom Schicksal ? ... Ihrem Schicksal entgingen sie - Ewald und Irene - darum doch nicht ; was ich aber brieflich mitteilen konnte an den Freund , war wenig und hatte in der Tat vollkommen Zeit bis morgen . Wie sich das stolze Herz der Frau noch sperrte und flatterte und mit den Flügeln schlug , das ließ sich doch nur schwer mit des Vetters schlechter Dinte und noch schlechterer Feder hinschreiben , und dazu hatte der Vetter selbst mich vom Schreiben abgehalten . Er war ganz meiner Meinung gewesen ; aber bis über die Mitternacht hinaus hatte er bei mir gesessen und die Sache immer wieder von einer anderen Seite her beleuchtet und geredet wie der außerordentlichste Professor der Psychologie . Der irländische Baumeister Ewald Sixtus hatte manche Nacht durchwacht , um Schloß Werden sich zu gewinnen ; weshalb sollte er nicht die eine und die andere Nacht durchwachen , um zu dem Entschluß zu kommen , es wieder aufzugeben ? » Gute Nacht , Just . Dein Schreibzeug läßt du mir wohl bis morgen früh ? « » Ist denn noch Dinte drin ? Wohl mehr tote Fliegen und dergleichen ? « fragte der Vetter , lächelnd sich hinter dem Ohre kratzend . » Lieber Bruder , die Zeiten haben sich ganz besonders in dieser Hinsicht sehr geändert . Ich habe schon mehrmals einen reitenden Boten nach Bodenwerder schicken müssen , um mir den notwendigen Tropfen zu einer Namensunterschrift holen zu lassen . « Ich stieß den Federstumpf durch den Schimmelüberzug und fand noch genügendes schwarzes Naß , um aller Welt Glück und Leid dreintauchen zu können und meine Ansicht , Meinung , Weisheit und guten Ratschlägen dazu ; der Vetter war gegangen , und ich hatte - die Feder neben den Briefbogen gelegt und mich in das Fenster . Was konnte ich eigentlich dem Freunde in Werden schreiben ? Daß ich sie in der heißen Sonne am Wege sitzend fand , daß sie in der Abenddämmerung an meinem Arm durch die Felder wandelte , daß sie viel und hastig , aufgeregt und verworren sprach , und ganz und gar nicht wie ein Professor der Psychologie ? Daß wir bis spät in die Nacht hinein in der Gesellschaft des Vetters Just im Baumgarten saßen , und zwar sehr still ? Daß ich noch eine Viertelstunde zwischen Jule Grote und Mamsell Martin auf der Bank vor dem Hause hockte und daß ich die beiden guten Alten reden ließ , ohne sie nur ein einziges Mal zu unterbrechen ? Daß alles in der Welt von den verschiedensten Seiten angesehen werden kann ? Daß aber , gerade weil dem so ist , alles auf Erden viel offener und sozusagen wehrloser daliegt , als der Mensch in seiner täglichen Verwirrung sich einzubilden pflegt ? Daß der Mensch viel zu häufig Furcht hat ? Daß es im Grunde keine Gespenster gibt - auch in und um Schloß Werden nicht ? Daß die Nacht wundervoll klar und lieblich war und daß die Nachtkühle außerordentlich beruhigend auf den Menschen wirkte und daß es trotz alle- , alledem sehr leicht sei , über mittelalterliche Geschichte , und sehr schwer , über das