ohne sich Rechenschaft zu geben , warum , schraubte die Lampe niedriger . Nur noch ein kleiner Lichtschimmer blieb in dem Zimmer . Renate legte wieder das Ohr an die Wand . Nach einer Weile hörte sie deutlich den scharfen , pinkenden Ton , wie wenn mit Stahl und Stein Feuer angeschlagen wird ; sie horchte weiter , und als der Ton endlich schwieg , war ihre Phantasie so erregt , daß sie wie hellsehend alle Vorgänge im Nebenzimmer zu verfolgen glaubte . Sie sah , wie der Schwamm angeblasen wurde , wie der Schwefelfaden brannte und wie die beiden Einbrecher , nachdem sie auf dem Schreibtisch umhergeleuchtet , das Wachslicht anzündeten , mit dem der Vater die Briefe zu siegeln pflegte . Alles war Einbildung , aber einen Lichtschein , während sie den Kopf einen Augenblick zur Seite wandte , sah sie jetzt wirklich , einen hellen Schimmer , der von der Amtsstube her auf das Schneedach des alten gegenübergelegenen Wohnhauses fiel und von dort über den dunkelen Hof hin zurückgeworfen wurde . Die Mädchen sprachen kein Wort ; alle unter der unklaren Vorstellung , daß Schweigen die Gefahr , in der sie sich befanden , verringere . Sie reichten sich die Hand und lugten nach der Auffahrt und , soweit es ging , nach der Dorfgasse hinüber , von der allein die Hilfe kommen konnte . Nebenan war es mittlerweile wieder lebendig geworden . Es ließ sich erkennen , daß sich die Strolche sicher fühlten . Sie warfen ein Bündel Nachschlüssel wie mit absichtlichem Lärmen auf die Erde und fingen an , sich an der großen , neben der Tür stehenden Truhe , darin das Geld und die Dokumente lagen , zu schaffen zu machen . Sie probierten alle Schlüssel durch , aber das alte Vorlegeschloß widerstand ihren Bemühungen . Ein Fluch war jetzt das erste Wort , das laut wurde ; dann sprangen sie , die bis dahin größerer Bequemlichkeit halber vor der Truhe gekniet haben mochten , wieder auf und begannen , wenn der Ton nicht täuschte , an der inneren , die beiden Stuben voneinander trennenden Wand hin auf den Realen umherzusuchen . Sie rissen die Bücher in ganzen Reihen heraus und fegten , als sie auch hier nichts ihnen Passendes entdeckten , mit einer einzigen Armbewegung den Sims ab , so daß alles , was auf demselben stand : chinesische Vase , Büste , Dragonerkasketts , mit lautem Geprassel an die Erde fiel . Ihre Wut schien mit der schlechten Ausbeute zu wachsen , und sie rüttelten jetzt an der alten Tür , die nach dem Korridor hinausführte . Wenn sie nachgab ! Die Mädchen zitterten wie Espenlaub . Aber das schwere Türschloß widerstand , wie vorher das Truhenschloß widerstanden hatte . Die Gefahr schien vorüber ; noch ein Tappen , wie wenn in Dunkelheit der Rückzug angetreten würde ; dann alles still . Renate atmete auf und schritt auf den Tisch zu , um die Lampe wieder höherzuschrauben ; aber im selben Augenblicke fuhr sie zurück ; sie hatte deutlich einen Kopf gesehen , der von der Seite her sich vorbeugte und in das Zimmer hineinstarrte . Keines Wortes mächtig und nur mühsam an der Sofalehne sich haltend , wies sie auf das Fenster , vor dem jetzt wie ein Schattenriß eine Gestalt stand , die mit der Linken an dem Weingeäst sich klammerte , während die mit einem Fausthandschuh überzogene Rechte die Scheibe eindrückte und nach dem Fensterriegel suchte , um von innen her zu öffnen . Alle drei Mädchen schrien laut auf und stoben auseinander ; Kathinka , aller sonstigen Entschlossenheit bar , faltete die Hände und versuchte zu beten , Renate riß an der Klingelschnur , gleichgiltig gegen die Vorstellung , daß niemand da sei , die Klingel zu hören , während Marie , von äußerster Angst erfaßt , in die Gefahr hineinsprang und , ohne zu wissen , was sie tat , zu einem Stoß gegen die Brust des Draußenstehenden ausholte . Aber ehe der Stoß traf , knackte und krachte die Spalierlatte , und die dunkele Gestalt draußen stürzte auf den Schnee des Hofes nieder . Keines der Mädchen wagte es , einen Blick hinaus zu tun , aber sie hörten jetzt deutlich den Ton der Flurglocke , die Renate fortfuhr zu läuten , und gleich darauf das Anschlagen eines Hundes . Es war ersichtlich , daß Hektor seine neben der Herdwand liegende warme Binsenmatte dem Tanzvergnügen im Krug vorgezogen und , ohne daß jemand davon wußte , das Haus gehütet hatte . Er stand jetzt unten auf der Flurhalle , unsicher , was das Läuten meine , und sein Bellen und Winseln schien zu fragen : wohin ? Aber er sollte nicht lange auf Antwort warten . Renate , die Tür öffnend , rief mit lauter Stimme den Korridor hinunter : » Hektor ! « , und ehe noch der Ton in dem langen Gange verklungen war , hörte sie das treue Tier , das in mächtigen Sätzen treppan sprang und im nächsten Augenblicke schon der jungen Herrin seine Pfoten auf die Schulter legte . Jegliche Angst war jetzt von ihr abgefallen ; sie faßte mit der Linken das Halsband des Hundes , um Halt und Stütze zu haben , und flog dann mit ihm treppab über den Hof hin . Als sie eben von der Auffahrt her in die Dorfgasse einbiegen wollte , stand der alte Vitzewitz vor ihr . » Gott sei Dank , Papa - Diebe - komm ! « Im nächsten Augenblick war der Alte in dem Zimmer oben , wo sich Kathinka weinend an seinen Hals warf , während Marie ihm mit noch zitternden Lippen die Hände küßte . Fünfzehntes Kapitel Die Suche Der andere Morgen sah die Familie samt ihren Gästen wie gewöhnlich im Eckzimmer des Erdgeschosses versammelt . Nur Renate fehlte ; sie hatte Fieber , und ein Bote war bereits unterwegs , um den alten Doktor Leist von Lebus herbeizuholen . Das Gespräch drehte sich natürlich um den vorhergehenden