sie auch äußerlich nicht mehr wahrnehmbar sind , wie bei uns Geschwistern zum Beispiel , über deren eigentlicher Abkunft tödliches Schweigen , undurchdringliches Dunkel liegen - « Diese leidenschaftlich herausgestoßenen Klagen erloschen plötzlich mit den letzten Worten in einer Art von Stammeln - in der Mündung des einen Boskettweges , an der wir eben vorüberkamen , stand Herr Claudius und sah das aufgeregte Mädchen mit ruhigen , ernsten Augen an . » Einmal soll dieses Dunkel gelüftet werden , Charlotte , ich verspreche es dir , « sagte er so gelassen , als sei der heftige Ausbruch an ihn direkt gerichtet gewesen und er antwortete einfach darauf . » Aber dann erst sollst du die Wahrheit erfahren , wenn du sie ertragen kannst , wenn das Leben und ich « - er zeigte gebieterisch auf sich selbst - » dich vernünftiger gemacht haben werden ... Jetzt gehe vor in das Haus , Dörte mag dir ein Glas Zuckerwasser einrühren ... Und noch eines : Ich verbiete dir hiermit streng für die Zukunft derartige Mondscheinpromenaden in Fräulein von Sassens Gesellschaft ; der Größenwahn ist ansteckend , du wirst mich verstehen . « Seltsam , das Mädchen mit dem starken Geist fand nicht ein Wort der Erwiderung ; die Ueberraschung mochte sie wohl für einen Augenblick gelähmt und widerstandslos gemacht haben . Den Kopf trotzig zurückwerfend , preßte sie meine Hand so heftig , daß ich hätte aufschreien mögen , schleuderte sie dann ungestüm von sich und rauschte in das Boskett hinein . Ich war mit ihm allein - Angst und Beklommenheit überschlichen mein Herz ; aber ich wollte ihm nicht zeigen , daß ich mich fürchte - nun gerade nicht ! Der starke Goliath hatte einen Augenblick den Kopf verloren und sich in die Flucht schlagen lassen - da hielt sich der kleine David tapferer ! ... Ich schritt , für meine flinken Füße viel zu langsam , nach der Karolinenlust , und er ging schweigend neben mir her ... Die Halle war stark beleuchtet ; auch in dem Korridor , der hinter meinem Zimmer hinlief , brannten auf Herrn Claudius Befehl allabendlich zwei Lampen . Vor diesem Korridor , auf dessen Stufen ich schon meinen Fuß setzte , blieb er stehen . » Sie sind heute nachmittag im Groll von mir gegangen , « sagte er . » Geben Sie mir eine Hand , ich möchte doch lieber nicht so schlimme Erfahrungen machen , wie Heinz mit dem bösen Raben . « Er streckte die Hand hin . Durch ein rubinrotes Glas in der Korridorthür warf das Lampenlicht einen rotflüssigen Schein über die weißen Finger , und von dem Brillantring zuckten grelle Blitze auf - ich schauderte . » Sie ist voll Blut ! « schrie ich entsetzt auf und stieß nach der Hand . Er wich zurück und sah mich an - bis an mein Ende werde ich den vergehenden Blick nicht vergessen , der den meinen traf - noch nie hatte mich ein Menschenauge so angesehen , nie ... Er wandte sich und verließ , ohne daß auch nur ein Laut über seine Lippen gekommen wäre , das Haus . Ich fuhr unwillkürlich mit der Hand nach dem Herzen , als hätte ich den Dolchstich zurückempfangen - wie das schmerzte ! Es war Reue , tiefe Reue ! ... Ich stürmte die Stufen hinab , ins Freie hinaus - ich wollte ihm die Hand geben , die er verlangt hatte , und ihn bitten , nicht böse zu sein . Aber der Kiesplatz war leer ; ich hörte auch keine Schritte sich entfernen - Herr Claudius mußte den weichen Waldboden betreten haben . Tief niedergeschlagen trat ich endlich bei Ilse ein . Ihre stets wachen und hellen Augen bemerkten sofort , daß Tropfen an meinen Wimpern hingen , und ich sagte ihr , daran sei nur das abscheuliche blutrote Glas der Korridorthüre schuld , für die es auch besser gewesen wäre , wenn Darling sie zertreten , statt der Scheiben im Glashause . 22 Auf diesen Abend folgten mehrere Tage voll Sorge , die ich zum erstenmal in meinem Leben durchmachen mußte - die Sorge um einen kranken Vater . Er litt an so entsetzlichen Kopfschmerzen , daß er drei Tage lang nicht in seine geliebte Bibliothek hinaufsteigen konnte ... Die wilde Hummel , die bei sonnigem Wetter nicht eine halbe Stunde lang in der Dierkhofstube ausgehalten hatte , saß jetzt von früh bis spät im verdunkelten Zimmer lautlos zu Füßen des Leidenden und lauschte ängstlich auf jede Bewegung , jeden Laut seines Mundes . Die Sehnsucht nach dem glänzenden Augusthimmel draußen trat auch nicht einmal an mich heran ; es flogen ja auch Sonnenblicke durch das dunkle Zimmer , und das war , wenn ich mich auf den Bettrand setzen und abwechselnd eine meiner kühlen Hände auf die glühende Stirne des Kranken legen durfte , wenn er schwachlächelnd Ilse zuflüsterte , er habe es gar nicht geahnt , welch ein Segen es sei , ein Kind zu haben ; seit dem Tode meiner Mutter sei er bei der jedesmaligen Wiederkehr seines alten Uebels - er litt periodisch an diesen Gehirnschmerzen - stets doppelt verlassen und krank gewesen , weil er keine pflegende Hand , kein Auge voll zärtlicher Besorgnis um sich gehabt habe ; er beklage nunmehr jedes Jahr der Trennung zwischen Vater und Tochter in bitterer Reue als einen großen Verlust . Der Leibarzt des Herzogs besuchte meinen Vater sehr oft . Vom Hofe kam täglich zweimal ein Lakai , um sich nach dem Befinden des Kranken zu erkundigen und Erfrischungen zu bringen , und Ilse hatte » alle Hände voll zu thun « , um die besorgten Nachfragen aus allen Teilen der Residenz zu beantworten . Auch im Vorderhause zeigte man große Teilnahme . Fräulein Fliedner kam jeden Morgen selbst , um nachzusehen , und stellte alle dienstbaren Geister des Hauses zu unserer Verfügung ... Charlotte war auch einmal abends auf eine halbe Stunde bei mir , um » die Kleine « in ihrer Trübseligkeit