Saalfeld hatte die düstersten Ahnungen verbreitet . Keiner aber fühlte diese Vorahnungen drückender als die , welche in dem Hause der Trauer um das Opfer von Saalfeld den Tag des 14. Oktober in schweigendem Brüten dahinschleichen sahen , und wer möchte die wehevollen Stimmungen erschöpfend schildern , die binnen weniger Stunden sich unter dem einen Dach begegnet waren ? Trauerspiel schob sich in Trauerspiel ; das persönliche in das allgemeine , das vergangene in das zukünftige . Ein jeder fühlte im besonderen einen Kummer , eine Sorge , eine Angst und Qual ; jeder einzelne teilte die des anderen , und über allen schwebte das Schicksal des Vaterlandes wie eine drohende Wolke . So brach der Abend herein , und das Grabgeleit setzte sich in Bewegung . Obgleich ich es still , ohne fremde Zeugen gewünscht , hatte ich es nicht hindern können und wollen , daß die Bürgerschaft fast ohne Ausnahme , Fackeln tragend , den Zug eröffnete . Ehrten sie doch den Tapferen , der für das Vaterland gefallen war , betrauerten sie doch einen alten , werten , langjährigen Heimatsfreund . Hinter dem Sarge ging nur ich mit dem Propst , gefolgt von Christlieb Taube und dem alten Diener . Und so senkten wir den teuren Mann zur Ruhe , alle in Tränen , alle in düsterer Beklemmung in der verhängnisvollen Stunde , wo die gleichzeitig in zwei Schlachten vernichteten Armeen , keine der anderen Schicksal ahnend , in wilder Flucht aufeinanderstießen . Die erste und noch unklare Kunde der Niederlage bei Hassenhausen - erst späterhin nannte man sie Auerstedt - traf uns , als wir von unserem Trauergange heimkehrten . Christlieb Taube mit seinem » Versprengten « beschleunigte daraufhin seine Abreise in der schon gestern angenommenen Richtung über Freyburg . Auch Dorothee wurde von dem Propste bestimmt , mit der Nachtpost die Rückreise anzutreten , denn wer hätte dafür bürgen mögen , daß nicht morgen schon ein wilder Troß von Freund und Feind die Gegend überflutete ? So folgte dem ersten ewigen Abschied nun eine Trennung nach der anderen , und keine wohl ohne das Vorgefühl des Nimmerwiedersehens . Der ehemalige Lehrer und Bewerber ahnte nicht , daß er mit der Gattin Siegmund Fabers unter einem Dach geweilt hatte . » Das treue Herz ist schwer zur Ruhe gekommen , beirren wir es nicht von neuem , « hatte der gemeinsame alte Freund gemahnt , und Dorothee sich verborgen gehalten , bis das Wägelchen von dannen rollte . Ich aber sollte Zeuge sein , daß das treue Herz noch keineswegs zur Ruhe gekommen war . Ich traf den guten Menschen , nachdem er uns Lebewohl gesagt hatte , seine Tränen trocknend , auf der Schwelle von Dorothees Mädchenstube . » Die vergißt keiner , der ihr einmal angehangen hat , « sagte er mit gebrochener Stimme . Ein elegisches kleines Zwischenspiel inmitten so vieler Schreckensbilder ! Dorothee hatte ihre Reisekleider angelegt , und ich hielt ihre Hand zum letzten Lebewohl . Es war für uns beide ein Tag des Schweigens gewesen ; jetzt bedrückte etwas ihr Herz , für das sie sichtlich um den Ausdruck kämpfte . » Darf ich reden ? « fragte sie endlich mit niedergeschlagenen Augen , und als ich die Frage herzlich bejahte , sagte sie hastig : » Sie werden eines Tages reich sein , sehr reich , Fräulein Hardine - bald vielleicht . - Aber für den Augenblick - bei der Verwirrung im Lande - wenn Sie vielleicht - vielleicht - - « Ich schüttelte ablehnend den Kopf . » Sie sollen das Darlehn nicht von mir annehmen , Fräulein Hardine , Sie würden es nicht , ich weiß es . Aber - von ihm . Er erwirbt so viel und achtet es so wenig . Er braucht so wenig . Sie würden ihn glücklich machen , Fräulein Hardine . « » Nein , Dorothee , « - rief ich übereilt - » nein . Von dir dürfte ich ein Darlehn annehmen , eine Unterstützung , wenn ich ihrer bedürfte . Von ihm - nimmermehr ! « - Ich sah sie erbleichen und bereute die böse Mahnung , die mir unwillkürlich entschlüpft war . Ich zog sie an mein Herz , küßte sie zum ersten Mal im Leben , und wir trennten uns ohne weiteres Wort . Wenige Minuten später hörte ich den Postwagen vorüberrollen . Bei der allgemeinen Verwirrung hatte niemand in der verhüllten , schweigsamen Reisenden die vielbeneidete einstige Mitbürgerin erkannt . Ihr flüchtiger Heimatsbesuch ist ein Geheimnis geblieben . Auch der Propst konnte in dieser drangvollen Zeit seine Anstalt nicht länger ohne Obhut lassen . Nach den zwei unruhvollsten Tagen meines Lebens saß ich um Mitternacht wieder allein in dem totenstillen Krankenzimmer . Wie nun in der nächsten Zeit das allgemeine Unheil , weit über alles Vorahnen hinaus , zutage trat ; wie die überstolzen Sieger von der Stadt Besitz nahmen , die Landestruppen halb und halb als französische Verbündete zurückkehrten ; wie die gefangenen Preußen , verhöhnt , des Notdürftigsten bar , in Kirchen und Schuppen gepfercht lagen , das stattliche Schloß , in ein verpestendes Lazarett verwandelt , von Freunden und Feinden ausgeplündert ward ; wie aller Mut , alle Kraft , aller gute Wille daniederlag ; wie alles staunend , geblendet , verwundert sich um den unüberwindlichen Kaiser drängte , als er an dem sieben Jahre später für ihn so verhängnisvollen 18. Oktober durch unser Städtchen gen Leipzig jagte ; wie ein jeder nur noch Heil von der Gnade des Gottgesandten erwartete - von diesen Eindrücken des Grauens und Ekels laßt mich schweigen . Sie haben die Erinnerung durchwühlt , jahrelang nachdem das persönliche Herzeleid sich in Frieden gelöst hatte . Zur Stunde freilich dämpften die persönlichen Nöte den Anteil an dem allgemeinen Geschick . Jenes feindliche Gefolge , das so häufig einem großen Schmerze nachhinkt und nach kleiner Tyrannen Art sich so hämisch an dem verachtenden Stolze rächt : die Sorge um das gemeine Dasein , die Unruhe um das tägliche Brot ,