und zu kräftigen , sie führte also auch besser zum Zweck als hundert weinerliche Sentimentalitäten . Es gelang , die alte Frau aus der schwülen Kammer zu entfernen und sie unter Beihülfe des Wegebauinspektors der Schwester zu übergeben . Nachdem dieses geschehen war , öffnete Leonhard Hagebucher mit einem tiefen Seufzer die Fenster und ließ die winterliche Luft hinein in das dumpfige Sterbegemach . Nun krähten die Hähne von neuem , aber dieses Mal mit vollem Rechte , es war Morgen geworden . Der Vetter Wassertreter trat wieder ein und sagte : » Gottlob , endlich haben sie Vernunft angenommen und sind ins Bett gekrochen , beide in ein Bett und in den vollen Kleidern . Nun werden sie sich in den Schlaf weinen , aber derselbe soll ihnen nichtsdestoweniger ebenso gesegnet sein wie uns dieser frische Nordwind . Ah , welche Wohltat ! « Die beiden Männer standen jetzt wieder neben dem Toten und betrachteten ihn schweigend . In tiefem Grame dachte Leonhard daran , mit welchem Glanze er so oft während seiner Gefangenschaft dieses Haupt umkleidet gesehen hatte und wie nun nicht eine seiner würdigen und schönen Phantasien zur Wirklichkeit geworden sei . Er grübelte aber , zu seiner Ehre sei ' s gesagt , nicht seiner selbst wegen darüber nach : ein unendliches Mitleid mit dem alten Mann , der aus so tausenderlei kleinen und nichtigen Kümmernissen und Sorgen sein Leben spann , beherrschte ihn ganz und gar und regierte alle seine Gedanken . Er quälte sich bitter damit , Selbstvorwürfe aus allen Winkeln seiner Brust zusammenzuscharren ; aber wie er sich auch anstellte , der Alte tat ' s nicht , auf keine Weise paßte er als weißlockiger Patriarch auf die Bank unter den Lindenbaum , um weise Lehren und würdige Lebenserfahrungen einem ehrfurchtsvollen , lauschenden Kreise mitzuteilen . » Laß es gut sein , Leonhard « , sagte endlich der Vetter , » wir wollen nicht bloß den Frauen gute Lehren geben , wir wollen selber uns danach halten . « » Jaja « , sprach Leonhard traurig , » das werden wir wohl müssen . Jetzt aber - « » Jetzt willst du meine Beichte und wünschest zu erfahren , wie das Unglück seinen Weg ins Haus fand . Leider kann ich immer nur wiederholen , daß ich einzig und allein die Schuld trage und mir grad , weil alles in der besten Absicht geschah , die schlimmsten Gewissensskrupeln mache . « » Ich habe das wunderliche Wort bereits gehört : was soll es bedeuten ? « » Nichts weiter , als daß ich mein Versprechen hielt und ihn mit der Menschheit aussöhnte . Seine Natur war jedoch nicht darauf eingerichtet , und so - so hast du denn die Folgen davon hier vor dir . « » Ach , Vetter , laß uns jetzt nicht einander Rätsel aufgeben . « » Das ist wahrhaftig nicht meine Absicht ; im Gegenteil , ich werde die Geschichte dir so klar wie möglich zu Protokoll geben . Es ist mir ein wahres Bedürfnis , mir die Hände zu waschen und mich schlafen zu legen . Also höre ; ich habe es glorreich zustande gebracht ! « » Was , was ? « » Den Fackelzug und die Stadtmusik und die Deputation aus dem Pfau und die Reden und die Abbitte des Onkel Schnödler samt dem dreimaligen Tusch und Vivat . Es war gelungen , ungemein gelungen , und der Vetter Wassertreter durfte sich wohl die Hände reiben , wenn der Alte mir nicht zum Schluß , als alles in schönster Ordnung war , diesen Streich gespielt hätte . Ich traute ihm zwar vieles zu , aber das nicht ! « Ein großes Licht ging dem Afrikaner auf : von neuem betrachtete er kopfschüttelnd das verrunzelte , verkniffene Gesicht auf dem Kopfkissen , unterbrach jedoch durch keine weitere Bemerkung den betrübten Vetter , und dieser fuhr im kläglichsten Tone fort : » Wie habe ich fast seit deinem Fortgehen von Nippenburg gearbeitet , intrigiert und gewühlt ! Kein Maulwurf auf zwanzig Meilen in der Runde hätte seine Sache besser gemacht . Welche Hebel habe ich in Bewegung gesetzt ! Ganz Nippenburg hat mir helfen müssen , ohne es zu ahnen . Die Menschheit hat in mir einen ihrer größten Triumphe gefeiert . Ein Kunstwerk , ein wahres , richtiges Kunstwerk ; das lasse ich mir auch in dieser Stunde noch nicht nehmen ! Und eines seligen Todes ist er auch verblichen , das ist mein zweiter Trost , Leonhard , und wenn ich wüßte , wie jener alte Grieche hieß , dem man zurief : Stirb , du hast nichts mehr zu wünschen , so würde ich dir ein recht passendes Zitat zu kosten geben . Ach , liebster Herrgott , auf dem Markte in Nippenburg formieren wir uns vorgestern bei einbrechender Dämmerung , wie ich es dir versprach - sämtliche Honoratioren , die Schützengilde , der Gesangverein und natürlich alles Volk , das abkommen kann , und du weißt , wir können alle abkommen in Nippenburg . Bedeckter Himmel , windstilles , recht angenehmes Wetter , sämtliche holde Weiblichkeit an den Fenstern , in den Haustüren oder die Häuser entlang ! Banner und Fahnen , kurz , alles , was dazu gehört ! Jedermann sein eigener Fackelträger , jeder Nippenburger Philister mit seinem eigenen Lichte - - wundervoll ! O Leonhard , es ist kein Unterschied zwischen den Gefühlen Manzonis in der Ode über den fünften Mai welche ich ans der Übersetzung meines Goethe kenne , den ich von hinten kenne , und meinen eigenen Gefühlen in betreff deines Vaters ! Da liegt er still und stumm , er , um den vor so kurzer Zeit noch eine so große Bewegung stattfand ! - Wir sendeten drei auserwählte Männer zu der Tante Schnödler , nämlich den Bürgermeister , den Kreisdirektor und den Steuerrat , und ließen ihn holen , nämlich den Onkel Schnödler , und führten ihn dicht hinter der Musik nach Bumsdorf . Und die