Geräusche , das seit dem ersten Morgengrauen mit kleinen Unterbrechungen an ihre schiefen Mauern schlug . Das klang so ganz anders , als das Zerstörungswerk der Regenfluten , oder der Schneemassen , wenn sie in der Frühlingssonne schmolzen . Leise grub dann das Wasser kleine Rinnen zwischen das Gemäuer und hob einen Granitblock um den andern aus dem Sattel , ohne daß er es ahnte ; er blickte noch eine Weile stolz und dräuend in die Welt , denn sein Untergang wurde so geräuschlos vorbereitet , wie kaum der Sturz eines Fürstengünstlings , oder der eines mißliebigen Ministeriums . Dann kam nächtlicherweile ein Sturmwind dahergebraust - es erfolgte ein gewaltiges Krachen , und der Strahl der Morgensonne irrte zum erstenmal über Wände und Fußböden , die er bis dahin nie berührt hatte . Es lag dann freilich ein tüchtiges Stück Mauerwerk zerschmettert unten auf dem Steinpflaster , und den ganzen Tag über , wenn ein leichtes Lüftchen vorüberflog , oder der Flügel eines Vogels droben anstreifte , rieselten zerbröckelter Mörtel und feine Sandbäche aus der Wunde ; aber nicht lange , so sproßte junges Grün aus dem Risse , und nun vergingen wieder Jahre , lange Jahre , ehe das heimtückische Nagen der Wasser unter der trügerischen grünen Decke ein neues Opfer für die Stürme hergerichtet hatte . Das war ein langsames , unmerkbares Hinscheiden - die Ruinen konnten getrost sein , wie der Kranke , der ein unheilbares Leiden in sich trägt , bei welchem er jedoch ein womöglich alttestamentliches Alter erreichen kann . Heute waren es Menschenhände , welche das Zerstörungswerk vollbrachten . Unglaublich schnell und rührig hoben sie Stein um Stein ab . Der Erker , der so kühn seinen Fuß vorgestreckt hielt und jahrhundertelang wie ein unerschütterlicher Wachtposten vor dem Flügel gestanden hatte , sah kläglich aus . Er hatte bereits ein beträchtliches Stück von seiner Höhe eingebüßt ; sein Epheugewand war zerrissen , es wurden nun dunkle Fensterhöhlen und grünangelaufenes Mauerwerk sichtbar , dessen jetzt freilich verstümmelte und zerklüftete Steinzieraten einst schön und kunstreich gewesen sein mochten . Die Arbeiter waren sehr fleißig . Es interessierte sie selbst , so halsbrechend auch die Aufgabe war , von oben herab in die dunkeln Winkel und Ecken des alten Nestes sehen zu können , das der Gespensterglaube des Volkes mit zahllosen schauerlichen Erscheinungen bevölkerte . Am Nachmittage saß Frau Ferber mit Elisabeth und Miß Mertens auf dem Damme , als Reinhard , der sich stets nachmittags zu einer bestimmten Stunde einfand , die Lektüre unterbrach . Er erzählte , daß Linke heute morgen in aller Stille beerdigt worden sei , und daß Fräulein von Walde nun auch durch einen unvorsichtigen Diener das Attentat auf ihren Bruder erfahren habe . Mit tiefer Bitterkeit bemerkte der Erzähler , Herrn von Waldes Besorgnis , daß der Schreck über den Vorfall nachteilige Folgen für seine Schwester haben könne , sei sehr unnötig gewesen , denn das Fräulein habe die Nachricht mit großer Kaltblütigkeit entgegengenommen ; auch das Unglück des Herrn von Hartwig , mit dessen Frau sie befreundet sei , berühre sie durchaus nicht in der Weise , wie man sich hätte denken müssen . » Ja , wenn es ihrem blondgelockten Protegé ans Leben gegangen wäre , « meinte er zornig , » dann hätte sie sich sicher ihre schönen , kastanienbraunen Locken einzeln ausgerissen ... Dieser Herr von Hollfeld wird mir nachgerade unerträglich ! Heute geht er mit einem Gesichte im Hause herum , als ob er die ganze Welt vergiften möchte . - Ich wette , die rosenfarbene Laune ist einzig und allein schuld an Fräulein von Waldes verweintem Gesicht , das sie vorhin , bei einer Begegnung im Garten , vor mir zu verbergen suchte ! « Elisabeth bog sich bei Erwähnung des verhaßten Namens tiefer auf ihre Arbeit . Das Blut schoß ihr in das Gesicht bei dem Gedanken an Hollfelds gestrige Unverschämtheit , von der sie jedoch bis jetzt der Mutter noch nichts erzählt hatte , aus Furcht , sie könne sich nachträglich alterieren . Vielleicht war dies auch nicht der einzige Grund - wenigstens vermied sie es , die unumstößliche Thatsache klar zu erörtern , nach welcher sie doch eigentlich große Furcht hatte , die Eltern könnten ihr infolge der Zudringlichkeiten Hollfelds die ferneren Besuche im Lindhofer Schlosse verbieten - damit aber wäre ihr ja jegliche Gelegenheit , Herrn von Walde wieder zu sehen , abgeschnitten worden . Währenddem rollte und prasselte es beinahe unaufhörlich drüben bei dem Erker . Bald darauf trat Ferber in den Garten . Er war im Forsthause gewesen und kam nun in Begleitung des Oberförsters zum Kaffeestündchen heim . Ernst lief ihm aufgeregt entgegen . Der Kleine hatte , obgleich den Kordon streng respektierend , den der Vater der Sicherheit wegen für ihn gezogen , bis dahin fast immer im Hauptwege gestanden und mit großem Interesse das Abtragen des Erkers verfolgt . » Papa , Papa ! « rief er , » der Maurer will dich sprechen , du sollst hinaufkommen ... er sagte , er habe etwas gesehen . « Wirklich winkte einer der Arbeiter den beiden Männern eifrig zu , näher zu kommen . » Wir sind auf eine Kammer , oder was es sonst sein mag , geraten , « rief der Mann hinab , » und wenn ich recht sehe , so steht ein Sarg drin . Wollen Sie nicht erst einmal die Sache ansehen , Herr Ferber , ehe wir weiter arbeiten ? ... Sie können sich getrost herauf wagen ; wir stehen auf einer noch recht festen Decke . « Reinhard hatte den Zuruf gehört und kam eilends die Terrassenstufen herabgelaufen . Ein verborgener Raum , der einen Sarg enthielt , das klang fast berauschend für seine Altertumsforscherseele . Vorsichtig stiegen die drei Männer die Leiter hinauf . Die Arbeiter standen da , wo der Erker aus dem Hauptgebäude hervorsprang , und zeigten auf eine ziemlich weite Oeffnung zu ihren Füßen . Bis dahin waren sie auf keinen verschlossenen Raum gestoßen . Dem