sprach davon , und man konnte auch selber davon sprechen . Es war Christenpflicht , der Verlorenen eine hülfreiche Hand zu bieten ; es war Verwandtenpflicht , den Versuch zu machen , das » bejammernswerte , verwahrloste Geschöpf « den anständigen Kreisen der Gesellschaft zu erhalten . Es gab keine Frau in der ganzen Stadt , die ihre Pflichten genauer kannte als die Geheime Rätin Götz ; aber ein so großer sittlicher Vorzug das auch sein mochte , Franziska fühlte sich darum nicht glücklicher in der Temperatur dieser Pflichten ; denn kühl , sehr kühl war diese Temperatur . - - Von Kohlenau schickte der Buchhalter den Koffer mit einem Briefe , in welchem er mitteilte , daß der neue Hauslehrer eingerückt sei , daß aber er - der Buchhalter - kein Agio auf ihn gäbe und daß er brutto wie netto ein Artikel sei , der keinem Menschen gefallen könne außer der Schwägerin . Dieses alles ließ Hans Unwirrsch auf sich beruhen ; er packte seinen Koffer aus , und da fast mit jedem Gegenstande , der darin verborgen war , eine Erinnerung früherer , freierer , glücklicher Stunden ans Licht kam , so trug das viel dazu bei , ihm sein Gemach in dem Hause des Geheimen Rates Götz behaglicher zu machen . Viel hatte ihm die Natur versagt , aber die Kunst , sich einzurichten , hatte sie ihm gegeben , und damit ein großes Gut . - Den süßen Aimé durfte der Präzeptor natürlich nur unter den Augen der Mama unterrichten , und der Lehrer schwitzte dabei mehr als der Schüler . Manches hatte die Geheime Rätin an dem armen Hans auszusetzen ; seine Lehrmethode , seine Ansichten erschienen ihr oft im höchsten Grade tadelnswert , und daß er nicht schon jetzt ein Nervenfieber bekam , hatte er nur der ungemeinen Zähigkeit seiner Nerven zu danken . Daß Kleophea dann und wann bei den Lektionen zugegen war , machte dieselben auch nicht behaglicher . Sie hatte eine Art , über ihre Arbeit oder ihre Schulter zu blicken , welche , zumal wenn die Mama redete , sehr leicht in Verlegenheit bringen konnte . Sie war zu schön , um andere Leute ruhig sitzen zu lassen und selber ruhig zu sitzen . Ihre Garnknäule rollten nicht durch Zufall , sondern meistens mit Absicht im Zimmer umher , und die Fäden schlangen sich dann oft mit großer Arglist um die Füße des Herrn Kandidaten , und sehr schwer wurde es dem Herrn Kandidaten , sich von diesen bunten Fäden loszumachen , während die Mutter des jungen Gracchen , den er unterweisen sollte , stirnrunzelnd und drohend sich über ihn wunderte . Ob sich Franziska im Zimmer befinde , konnte oft sehr zweifelhaft sein ; meistens wurde ihre Anwesenheit erst durch eine Seitenbemerkung oder einen frostig gegebenen Auftrag der gnädigen Frau kund . Es dauerte eine geraume Zeit , ehe Hans auch aus andern Zeichen ihre Gegenwart erkannte . Der größte Trost für den Präzeptor lag in dieser Epoche in der Gefräßigkeit seines Zöglings . Sehr oft überarbeitete , das heißt überaß sich Aimé , und an den Tagen , an welchen er dafür büßte und sich etwas zu voll fühlte , fühlte sich sein Lehrer verhältnismäßig erleichtert ; ja er kam sich dann stellenweise wie einer jener jugendlichen Engel vor , die beim Kinn aufhören und für alle andern Gliedmaßen durch ein Paar hinter den Ohren befestigte Flügel entschädigt sind . An einem solchen Tage fand er auch Gelegenheit und Zeit , von der Karte Gebrauch zu machen , die ihm der Doktor Theophile Stein in die Hand gedrückt hatte und die ihm schon so viele Sorgen gemacht hatte der schiefen Stellung wegen , in welche er durch sie sowohl dem Leutnant Götz als auch der Hausgenossin Franziska gegenüber kam . Der Gedanke , daß Moses Freudenstein am meisten zur Lösung dieses für einen Menschen wie Hans so bedenklichen Knotens beitragen könne , kam ihm natürlich auch allmählich wieder in den Sinn . Wie ein Maikäfer , der einem Knaben entwischte , aber noch den Faden , an dem er gehalten wurde , am Beine trägt , flog Hans aus . Das wonnige Gefühl der Freiheit und Selbständigkeit , mit welchem er quer durch den Park und durch die ersten Straßen der Stadt schritt , wich jedoch mehr und mehr , je weiter er in dem Gewühl vordrang . Als er vor dem eleganten , modernen Gebäude in der Hedwigstraße , in welchem der Doktor Stein den zweiten Stock bewohnte , stand , fühlte er sich wieder bedeutend beklommen , starrte geraume Zeit nach den Fenstern hinauf und hätte viel darum gegeben , wenn der Moses oder Theophilus aus einem derselben hätte heraussehen und rufen wollen : » Na , alter Kerl , was stehst du da und gaffst ? Es ist richtig , es ist meine Bude , komm herauf und salve ! « Da aber niemand aus dem Fenster sah als eine alte Dame im ersten Stock , und diese sehr bedrohlich , so blieb für Hans zuletzt doch nichts weiter übrig , als in das Haus hineinzutreten und die Treppe hinaufzusteigen . Er nahm es für ein günstiges Zeichen , daß jene alte , grimmige Dame nicht auch aus einer Tür guckte , als er über die Wachstuchdecke ihrer Hausregion schritt oder vielmehr auf den Zehen schlich . Er hätte nicht gewußt , was er antworten sollte , wenn sie ihn gefragt hätte , was er suche und ob sie nach der Polizei schicken solle . Ohne Fährlichkeiten erreichte Hans das zweite Stockwerk und die Tür , an der ein Porzellantäfelchen den geänderten Namen seines Jugendfreundes verkündete . Er klopfte , fuhr aber mit höchst charakteristischem Ruck des Oberkörpers zurück , als nicht Moses , sondern eine frische , jugendliche Weiberstimme » Herein ! « rief . Er starrte nochmals das Schildchen mit dem Namen an : es war ganz richtig - Dr. Theophile Stein ! Wie lange er noch seine Zweifel hin und her