wollte eben die Thorheit begehen , durch eine heftige Antwort zu verrathen , wie sicher sie der von Emilien geschleuderte vergiftete Pfeil getroffen hatte , als der Bediente » Herr und Frau Professor Jäger « meldete . Der Mann war so wohl geschult , daß er diesmal nicht , wie sonst , die Gemeldeten sogleich in ' s Zimmer ließ , sondern die Thür hinter sich schloß und , der weiteren Befehle seiner Herrschaft gewärtig , kerzengrade an derselben stehen blieb . Sie erlauben , meine Herrschaften , sagte Anna-Maria in entschuldigendem Tone , zu der übrigen Gesellschaft gewandt , daß ich Herrn und Frau Professor Jäger empfange ? Die Leute haben sich stets treugesinnt und ihrer Stellung bewußt gezeigt . Ich halte es für unsere Pflicht , dergleichen Menschen zu protegiren . Auf einen Wink der Gebieterin entfernte sich der Bediente , und alsobald erschienen der Fragmentist und die Dichterin , unter tiefen Verbeugungen , die von der adligen Gesellschaft mit kaum merklichem Kopfnicken erwidert wurden . Nur der alte Baron erhob sich , schüttelte Beiden die Hand und hieß sie in seiner ungeschminkten , herzlichen Weise willkommen . Primula blickte etwas verschüchtert aus den blauen Kornblumen , mit denen ihr Hut garnirt war , hervor , während der Herausgeber des Chrysophilos mit gekrümmtem Rücken heran trat , der Baronin die huldvoll dargebotene Hand küßte , sich dann tief vor den beiden anderen Damen , nicht ganz so tief vor den Herren verbeugte , und sich nach einigem Zögern auf den Rand eines Stuhls , der etwas außerhalb des Kreises stand , setzte , den Kopf auf die rechte Seite geneigt , harrend , ob Jemand sich gemüßigt fühlen würde , ihn mit einer Frage zu beehren . Das Gespräch der Herrschaften drehte sich eben um ein höchst interessantes Thema , um die Person Sr. Durchlaucht , des Premierlieutenants Fürsten Waldernberg , der vor einigen Wochen von seinem Garderegiment in der Residenz nach dem in Grünwald garnisonirenden Linienbataillon abcommandirt , und von dem ersten Augenblick seines Auftretens der Löwe des in der Stadt versammelten Landadels geworden war . Ich möchte nur wissen , weshalb er eigentlich abcommandirt ist , sagte von Cloten . Felix , mit dem ich gestern über ihn sprach - à propos , gnäd ' ge Frau , es ist sehr gut , daß Felix das Zimmer hütet , er sieht wirklich recht schlecht aus ; - Felix meint , der Fürst werde wohl wieder einen Ehrenhandel gehabt haben ; er soll der leidenschaftliche Mensch sein , der sich denken läßt . Gott , Arthur , sagte Emilie , Du sprichst , als ob Leidenschaft ein Verbrechen wäre ; ich wollte , es hätte Mancher mehr davon . Sind die Waldernbergs nicht slavischer Abkunft ? fragte Hortense ; mir däucht , der Fürst sieht wie ein Mongole aus . O , Sie haben ihn nicht wie ich in der Nähe betrachtet , liebe Barnewitz , sagte Emilie ; er ist einer der schönsten Männer , die ich je gesehen habe , und er tanzt wie ein Gott . Ich glaube , daß die Waldernbergs eine ursprünglich polnische Familie sind , meinte Anna-Maria . Bewahre , gnäd ' ge Frau ! rief von Cloten , rein germanisch , auf Ehre , rein germanisch . Ich bin überzeugt , daß uns Professor Jäger darüber etwas Genaueres mittheilen kann , sagte die Baronin , sich mit huldvollem Lächeln zu dem Gelehrten wendend . Allerdings , meine Gnädigste ; rief dieser , froh , eine Gelegenheit zum Auskramen seines Wissens gefunden zu haben ; allerdings , es hat mir stets bei meinen historischen Studien ein ganz besonderes Vergnügen gewährt , den Genealogien der adligen Geschlechter nachzuforschen , und so habe ich denn auch der Geschichte der Familie Waldernberg , die in vieler Hinsicht eine sehr interessante ist , eine besondere Aufmerksamkeit zugewandt . Die Waldernbergs sind , wenn meine Gnädigste mir diese Berichtigung verstatten will , in der That rein germanischer Abkunft . Sie stammen ursprünglich aus Franken und sind erst mit dem deutschen Orden nach Preußen gekommen . In späterer Zeit haben sie sich allerdings mit polnischen adligen Familien vielfach verschwägert , wie sie denn außer in der Lausitz , wo die Stammherrschaft Waldernberg liegt , in russisch Polen reich begütert sind . Auch der jetzige Fürst hat Beides , sarmatisches und germanisches Blut in seinen Adern . Seine Mutter , die Frau Fürstin Stephanie Letbus aus dem Hause Waldernberg vermählte sich im Jahre achtzehnhundertzweiundzwanzig in Petersburg , wo sie seit ihrer frühesten Jugend residirt hatte - ich erwähnte schon vorhin , daß ein Theil der Besitzungen in Rußland liegt - mit dem Grafen Constantin Malikowsky , dem letzten Sprossen einer ehemals sehr reichen und mächtigen , später aber verarmten polnischen Familie . Der Kaiser Alexander , der , wie man sagt , nach beiden Seiten hin Verpflichtungen hatte , ( hier lächelte der Professor ein schüchternes Lächeln ) sowohl gegen die junge Fürstin , die Hofdame bei der Kaiserin war , und sehr schön gewesen sein soll , als auch gegen den Grafen , dessen Familie hauptsächlich durch russische Güterconfiscationen ruinirt war , soll die Heirath zu Stande gebracht haben , obgleich der Ruf des Grafen - die gnädigen Herrschaften verzeihen die Wahrhaftigkeit des historischen Forschers - einigermaßen , wie soll ich gleich sagen ? anrüchig war . Cavaliere müssen sich austoben - das versteht sich ; aber Graf Malikowsky hat es vermuthlich ein wenig zu arg getrieben . Wie dem auch sei - aus der Ehe des Grafen Constantin Malikowsky mit der Fürstin Stephanie Letbus stammt der Fürst , der bis vor wenigen Jahren in russischen Diensten stand , dann , als mit dem letzten Fürsten Waldernberg der Mannesstamm der Familie ausstarb und die Herrschaft Waldernberg als erledigtes Lehen an die Krone fiel , durch die Gnade seiner Majestät successionsfähig erklärt wurde und als gefürsteter Graf von Malikowsky-Waldernberg - sein ganzer Name ist , wie den gnädigen Herrschaften vielleicht noch nicht bekannt ist : Raimund , Gregorius