als er auch dort sein gewohntes Leben begann ... Er fand göttinger Freunde , er entzückte durch den Dämmer der Poesie , mit dem er sich theils durch Reminiscenzen aus den beliebtesten Dichtern , theils durch die Gabe der eigenen Improvisation zu umgeben wußte , er erntete , wenn er sprach oder schwieg , die gewohnte Bewunderung , er streifte die Aermel seines Rockes wieder im heiß gewordenen Gespräch empor wie einer , der auf die Mensur zu treten bereit ist , und war der Titane , dessen Zukunft noch niemand berechnen konnte . Madame Serlo beobachtete scharf . Am Nachmittag des vierten Tages öffnete sie leise das Zimmer , in dem Lucinde eben an den Kronsyndikus schreiben wollte , winkte bedeutungsvoll und rief wispernd Lucinden auf die Nummer , die Klingsohr bewohnte . Das Zimmer fanden sie unverschlossen . Madame Serlo hatte es aufgedrückt und zeigte auf Klingsohrn , der über sein Bett auf den Rücken ausgestreckt lag , eine kleine Cigarrenpfeife in der Hand hielt und zu schlafen schien . Er hat Opium geraucht ! sagte Madame Serlo . Sehen Sie nur ! Nun träumt er ! Er ist im siebenten Paradiese ! Lucinde beobachtete den Unglücklichen , der mit offenen Augen lag , aber völlig abwesend war . Er hatte den rechten Arm unter den Kopf gelegt , der linke hing schlaff vom Bette nieder mit der kleinen Pfeife , aus der er leicht ein Opiat geraucht haben konnte . Auf dem Fußboden lagen die Gedichte Coleridge ' s , jenes englischen Dichters , der am Opium zu Grunde gegangen ist . Lucinde war vollkommen berechtigt , an diese Deutung zu glauben . Diese offenen Augen , diese blassen und krampfhaften Gesichtszüge , verbunden mit einem zuckenden Hüpfen der Nerven , bestätigten , was sie von beiden Serlos über die Wirkungen dieser Betäubung schon vernommen hatte . Sie wurde darüber von einem Grade von Abneigung gegen Klingsohrn ergriffen , daß sie bat , den Ort , der ohnehin keine Hoffnungen für die Bühne bot , sofort , aber auch augenblicklich , ohne sein Erwachen abzuwarten , zu verlassen . Madame Serlo hatte erreicht , was sie wollte . Serlo , den man hinzurief , sprach mitleidiger und rieth zur Versöhnung , zur Heilung des Unglücklichen . Er hatte dem Klosterleben , dem Leben der Entsagung nahe gestanden , er kannte die Verirrungen der Phantasie ... Lucinde nahm keine Beruhigungen an . Sie forderte die Rechnungen ein , gab einen werthvollen Ring von den Geschenken , die ihr der Kronsyndikus noch beim letzten Abschied in Kiel gegeben , zur Ausgleichung der Zeche und wollte schon fort in einer Stunde . Von Madame Serlo wurde sie aufmerksam gemacht , daß man Klingsohrn einschließen sollte ... er könnte bestohlen werden . Damit zeigte sie auf ein Portefeuille , das ihm aus der Brusttasche entglitten war und neben ihm auf dem Bette lag . Es war ein Geschenk , das Lucinde ihm selbst gefertigt ; eine Stickerei von ihrer Hand zierte die beiden Deckel . Nichts vom Inhalt , nur das Portefeuille selbst wollte sie an sich nehmen . Sie öffnete , warf einiges Geld , einige kleine Schlüssel , Bleistifte , sogar zerknitterte Briefe , alles , was darinnen lag , hinaus , warf es ungeprüft und ungelesen auf die Bettdecke , behielt ihr Geschenk , das Portefeuille , schloß die Thür zu und ließ , wie sie bitter wiederholte , Klingsohrn im siebenten Paradiese . Es wird schöner sein als das Dante ' sche ! setzte sie zu Serlo hinzu . Sie wußten beide , daß Klingsohr über Dante gelesen und des Florentiners Hölle fesselnder und anziehender genannt hatte als dessen Himmel . Serlo hatte seiner Gattin gegenüber aus physischer Schwäche keinen Willen . Er sorgte nur immer , auch beim Reisen , Ankommen und Abgehen , für die Kinder . Der Handel mit dem Wirthe wurde abgeschlossen . Man hatte noch einen guten Ueberschuß und accordirte einen Wagen . Er sollte sie der obern Elbe zuführen . Schon war man im Packen begriffen , als sich in Klingsohr ' s Zimmer ein entsetzliches Pochen vernehmen ließ . Man gab dem Kellner den Schlüssel , mit dem geöffnet werden konnte . Zugleich sprang Lucinde in ihr Zimmer , Madame Serlo folgte , beide verriegelten sich . Auf dem Corridor hörte man Klingsohrn jetzt nach seinem Portefeuille rufen . Da er den Inhalt gefunden hatte , konnte er von keinem Diebstahl sprechen . Er rief Serlo ; dieser wies ihn von seinem Zimmer aus an die Frauen . Am Schlüsselloch des Nebenzimmers lauschte Madame Serlo . Lucinde betrachtete ruhig ihre Stickerei auf dem Portefeuille . Es war Winter ; sie sah sich nach dem Ofen um , um das Portefeuille zu verbrennen . Madame Serlo hinderte sie und öffnete wenigstens noch einmal das schöne Geschenk . Alles das geschah , während Klingsohr an der Thür rüttelte , pochte und im wildesten Ungestüm sein Eigenthum zurückverlangte . Serlo erklärte ihm das Vorgefallene und machte ihm in lateinischer Sprache Vorwürfe über seine Verirrung , die Klingsohr nicht in Abrede stellte . Ihr habt gut sprechen ! entgegnete er . Wer das Bedürfniß des Glückes hat , sucht es , wo er ' s findet ! Ich wünsche Euch nicht meine Nächte oder die Träume , die mir mein kurzer Schlaf schenkt ! In mildern Worten bat er Lucinden jetzt um die Rückgabe des Portefeuille . Klingsohr ! sprach diese mit fester Stimme dicht an der Thür nebenan , wo Klingsohr im Zimmer war , wandeln Sie Ihre Bahn ! Wir sind geschieden ! Auf ewig ! Lucinde ! lautete sein Flehen . Das Portefeuille wird auf Ihrer Brust entweiht ! Ich behalte es ! Nimmermehr ! rief Klingsohr und schlug gegen die Thür . Was ist denn nur ein so besonderer Werth daran ? flüsterte Madame Serlo und betrachtete es wiederholt näher . Sie las auf dem inwendigen und befestigten Pergament eine Menge kurzer Bemerkungen , Namen , abgerissene Titel von Schriften