geschnappt , nun gehts wieder weiter in athemlosem Lauf . Endlich ging sie zu Frau von Eilau , fand aber dort so viel Menschen , daß ihr nicht die gehoffte Zerstreuung ward . Nur in der Conversation mit zwei oder drei Personen amüsirte sie sich , weil sie Aufforderung zur Mittheilung fand . In größeren Kreisen , wo man Lärm machen muß mit seinen Worten , um gehört zu werden - nur gehört , nicht verstanden ! da verstummte sie und war fast immer zerstreut . Heute mehr denn je . Aber man kannte das ; es fiel nicht auf . Graf Kirchberg setzte sich zu ihr und versuchte Töne anzuschlagen , die in ihr den Wiederhall weckten . Es gelang nicht . » Ich habe nicht verstanden , « erwiderte sie auf eine seiner Bemerkungen . » Dann muß ich mich sehr konfus ausgedrückt haben , « sagte er lächelnd , » denn Sie pflegen Salomos Ring bei sich zu tragen , vermittelst dessen man die Sprache auch der unvernünftigen Creatur versteht . « » O ! « rief sie , ohne den Scherz zu beachten , » wenn man sich unbehaglich fühlt , wie konfus und windschief erscheinen alle Worte , Zustände , Menschen ! man ist nicht im Stande , das ABC herzusagen ! man starrt einen Freund zerstreut wie einen Fremden an ! man meint , man werde in den nächsten vierundzwanzig Stunden stecken bleiben wie in einem Sumpf . Kennen Sie solche Momente ? « - Ohne seine Antwort zu erwarten , fuhr sie im veränderten Ton fort : » Wo der Pflug über ein Menschenherz geht , ist die Hand Gottes da , um Samen für die Ewigkeit hineinzustreuen : das glauben Sie doch auch , Graf ? denn wenn man es nicht glaubt , wie soll man sich trösten , den Pflug mit eigner Hand über ein Herz gelenkt zu haben ? « » Ich würde mich auch nur in dem Fall trösten , daß dies Herz - das meine wäre , « entgegnete Kirchberg . » Es hieße dem Egoismus zu leichtes Spiel machen , wenn der nichtsachtende Leichtsinn oder die rücksichtlose Leidenschaftlichkeit sich einbilden dürften , der liebe Gott werde die Wunden , die sie schlagen , mit Balsam heilen . « Faustine schauerte zusammen und wurde leichenblaß . Graf Kirchberg fragte , ob sie krank sei . » Mir ist bange , « sagte sie und verließ die Gesellschaft . Bei ihrem Diener erkundigte sie sich besorgt , ob Niemand in ihrer Abwesenheit sie habe besuchen wollen . Er verneinte es . Dasselbe that ihre Kammerjungfer , die sie , zu Hause angelangt , gleichfalls befragte . Dennoch sah sie sich gespannt im Zimmer um ; fürchtete sie Clemens - hoffte sie Marios Nähe ? sie wußte es nicht ! immer traten Beide zusammen vor sie hin . » Jeannette , ich freue mich heute recht zu Bett zu gehen ! « sagte sie zu der Jungfer . » Ach ! « rief die ganz erfreut , » das habe ich noch nie von der gnädigen Gräfin gehört ! und es giebt doch gewiß nichts Angenehmeres und Bequemeres auf der Welt , als solch weißes , frisches , stilles Bett . Ich würd ' es noch mal so gern machen , wenn gnädige Gräfin sich immer dazu freuen wollten . « » Behüte der Himmel , Jeannette ! ich darf nicht immer so träge sein . « Jeannette sah das durchaus nicht ein und verrichtete schweigend ihren Dienst . Faustine schlief bald ; und ohne Träume , ohne Unruhe , wie einem Kinde , ging ihr die Nacht hin . Es giebt einzelne glückliche Organisationen , die zugleich stark und biegsam genug sind , um dem Körper zu gestatten , daß er im Schlaf sein Recht behaupte und nicht zu leiden habe von den Kämpfen und Mühen der Seele . Wachend ist er ihr getreuer , dienstwilliger Sclav , schlafend ihr Herr : sie liegt in Fesseln , denn er borgt ihr nicht die Organe , durch welche sie ihre Herrschaft bethätigen kann . Wie im Lethe gebadet war Faustine jeden Morgen ; es währte immer eine Zeit lang , bis der grelle Tag mit seinen Beschwerden sich Platz machte in der dämmernden Kühle , womit die Nacht sie umhüllt hatte . Morgens war sie auch am schönsten . Das ist nur ausnahmsweise der Fall bei Personen , die über 16 Jahr alt sind . Je älter man wird , um desto mehr bedarf man der Excitation , der Bewegung , des Putzes , der Lichter , um schön zu sein ; es wird eine factice Schönheit . Die meisten Menschen stehen fatiguirt auf ; der Traum hat sie mehr geplagt als der Schlaf erquickt . Faustine stand heiter auf , denn : » heute kommt Mario ! « dachte sie . Sie ging auf den Balkon ; die grünenden Bäume , der wolkenlose Himmel , die zwitschernden Vögel kamen ihr vor wie freundliche Verheißungen . » Mario ! « sagte sie halblaut , mit stillem Jubel . Da , wie ein Schiffer , der am Horizont das kleine Wölkchen , den unfehlbaren Boten des Ungewitters , entdeckt - da sagte sie dumpf : » Wo ist jetzt wol Anastas ? was wird aus Clemens .... mein Gott ! « Der Tag kam über sie . Indem meldete Ernst den Herrn von Walldorf , der so früh sich empfehlen wolle . Sie ließ ihn eintreten . Clemens sah verwildert aus ; ihr fiel ein , ob er nicht berauscht sein könne , und die Angst , welche sie schon mehrmals in seiner Nähe empfunden , befiel sie von Neuem . Aber er sagte ruhig : » Im nächsten Monat wird es ein Jahr , daß Sie nach Oberwalldorf kamen . Wissen Sie wol noch , was Sie mir dort Alles bei unsern Spaziergängen erzählt haben ? « » Nicht eine Sylbe , bester Clemens . « » Das vermuthete ich