die Fragen zu vertiefen , die sich uns darüber aufnöthigen wollen , wie sich die Zulassung der schrecklichen Verbrechen , welche die Erde besudelt haben , mit der Gerechtigkeit Gottes verträgt , wie , daß wir oft den Unschuldigen untergehen sehen und den Verbrecher triumphiren . - Laß ' uns denken , daß dessen ungeachtet die göttliche Gerechtigkeit sich ausreichend erweist , daß solche Triumphe , wie das Untergehen der Unschuld nur scheinbar sind , und der innere Zustand Beider in der ausgleichenden Hand Gottes ruht . « » Ja , so wird es sein , « - sagte Fennimor , welche ihn mit gläubiger Zuversicht angehört hatte : » aber gewiß giebt Gottes schöne Welt zum Bösen keine Veranlassung , und Jeder dürfte gut sein nach seinen Kräften . « » Und doch ist dieser Streit , dieser Kampf nöthig - dadurch gerade , daß wir mit dem Bösen und gegen das Böse kämpfen , entwickelt sich das Höhere in der menschlichen Natur , und der , welcher den Kampf erregt , ist ein Werkzeug in Gottes Hand , eben so , wie es der Streiter für das Gute ist ; wie schwer würde es uns werden , das Maaß ihres Verdienstes oder ihrer Verschuldung zu finden - das ist unserm Auge entrückt . « » Ach , Du bist weise ! « sagte Fennimor , die trüben Augen zu ihm aufschlagend . Dann ließ sie sich , von so vielen Eindrücken ermüdet , von Emmy Gray nach ihrem Bette führen , und bald heilten ihre unschuldigen Träume die Wunden ihrer Seele aus . - Wie liebevoll auch Beide den immer näher rückenden Augenblick der Trennung vor einander zu verhüllen suchten , er nahte sich darum doch , und Fennimor rang mit der Einwilligung zu dem größten Schmerze , den sie glaubte erleben zu können . Aber noch immer sträubte sich ihre stolze und kräftige Natur gegen eine solche Zumuthung ; fast zürnend blickte sie auf Umstände , die sie dazu nöthigen wollten ; und wunderbar fühlte sich Leonin von dieser Forderung , die er in jedem Worte , in jedem Blicke dieses Naturkindes erkannte , verschüchtert . Alle Rücksichten , von denen er sich beherrscht erkennen mußte , versanken vor einem Geiste , dem die natürlichen Verhältnisse der Menschen allein eine Geltung hatten , und er fühlte theils Scheu , ihr die Erscheinungen der Gesellschaft , wie sie ihm bekannt und bedeutend geworden , zu schildern , theils fühlte er Zweifel , ob sie ihnen den Einfluß zugestehen würde , da sie ihre Fassungskraft übersteigen mußten . - Aber wir können oft nach Außen hin uns gegen das Andringen einer gefürchteten Veränderung mit entschiedenen Worten wehren , dennoch ergreift schon die Ueberzeugung , daß wir ihr nicht entrinnen können , unsere ängstlich Wache haltenden Gedanken , und wir betreffen uns gegen unsern Willen auf kleinen Handlungen oder Einrichtungen , die nur darauf Bezug haben können , daß wir selbst jene gefürchtete Veränderung für unabweisbar halten und ihr instinktartig schon entgegen kommen . So machte Leonin , wie Fennimor Einrichtungen und Pläne zu Beschäftigungen und kleinen Erheiterungen im Freien , die ihre Zeit auszufüllen strebten , wobei eine stillschweigende Anerkennung durchblickte , daß sie dann ihres Gatten beraubt sein würde - und doch umschlichen Beide das entscheidende Wort , und nicht selten schaffte sich Fennimor nach solchen Anregungen , die ihre Seele beklemmten , durch ein paar angstvolle Worte Luft , die jede Andeutung verläugnen sollten . Da hatte sie der Abend vor dem hohen Lesepulte gefesselt , und Fennimor las mit langsamer Aussprache , aber richtigem Accente und dem rührend unschuldigen Tone ihrer kindlichen Stimme , die unsterblichen Stanzen des Cid von Corneille . Wie glühten ihre zarten Wangen , wie schön hoben sich im verwandten Gefühle der eigenen hochherzigen Empfindungen die schön geschweiften Lippen , um den edlen Stolz , die reine ritterliche Liebe des Helden auszudrücken , wie hätte sie lieber selbst ihm gleich geantwortet , und wie gespannt lauschte sie der Antwort Ximenen ' s , hoffend , es sage ihrem eigenen hochbegeisterten Gefühle zu , was sie antworte . Wer vermöchte zu schildern , mit welchen Gefühlen Leonin , zwischen Sehen und Hören getheilt , vor ihr saß ; leise war er von ihrer Seite weggerückt , ihr fast gegenüber , ihren vollen Anblick genießend und sicher , daß sie in ihrer begeisterten Hingebung an den großen Dichter und seinen Helden ihn selbst vergessen würde . Die Kerzen , die über dem künstlich geschnittenen Pulte von Eichenholz in schweren silbernen Armen ruhten , beleuchteten von oben das runde Haupt mit seinen reichen , lichtbraunen Locken und warfen das hellste Licht auf die weiße , zartgewölbte Stirn . - Der Schatten hätte den schönen Untertheil des Gesichts verhüllt , wäre nicht von dem weißen Blatte des Buches , vor dem sie gebeugt saß , ein Reflexlicht dazu aufgestiegen , welches Farbe und Form magisch verschönte . Die kostbaren Stoffe , die Leonin seiner Gemahlin nur passend hielt , waren ihr längst im täglichen Gebrauche bequem , und der reiche blaßblaue Seidenstoff , der von ihrem schlanken Leibe in vollen Falten zur Erde fiel , ward um Schultern und Busen mit reichen Spangen gehalten . Sie trug und paßte das Alles zu einander mit dem vollkommenen Geschick , was , von der Schönheit unterstützt , so oberflächlich unter die Rubrik einer natürlichen weiblichen Koketterie verwiesen wird , und vielmehr der edeln , reinen , allgegenwärtigen Empfindung zuzurechnen ist , welche eine Frau leitet , sich selbst zur Befriedigung , nur das Schöne und Vollkommene an sich leiden zu mögen . Gewiß fühlte Leonin mehr , wie je , den unaussprechlichen Zauber seiner Liebe , und sein Blick schweifte einen Augenblick an den hohen , schwerfällig verzierten Wänden des schönen alterthümlichen Gemachs umher , und schien die verdüsterten Familienbilder herauszufordern , ihm ein würdigeres Modell zu zeigen für die Nachfolge in ihren Reihen . Da war Fennimor an das letzte Wort gekommen , womit Cid von Ximene