Seele zu erwecken , durch den allein alle diese Eigenschaften erworben werden können . Der Geistliche schien dieß Gespräch mit Eifer fortsetzen zu wollen , der Gräfin aber däuchte es , als habe sie sich schon zu weitläuftig über einen Gegenstand geäußert , über den ihre Ansicht so sehr von der allgemeinen abwich , und sie nahm gern die Gelegenheit wahr , das Gespräch zu endigen , als der Obrist Thalheim die Gesellschaft vermehrte . XIX Des andern Tages hatte sich der Graf mit seinem Vetter wieder in sein Kabinet zurückgezogen , er ging mit ihm noch ein Mal alle nöthigen Maßregeln durch , die zu ergreifen sein möchten , um die Güter feines Vaters zu retten , und händigte ihm eine bedeutende Summe theils baar , theils in Wechseln ein , um nicht bloß die dringende Zahlung leisten zu können , sondern auch auf unvorhergesehene Fälle gefaßt zu sein und nun auch , wie der Graf noch bemerkte , etwas für den Knaben Gustav thun zu können , über dessen künftiges Schicksal die beiden Verwandten zugleich das Nähere bestimmten . Nachdem diese Geschäfte beendigt waren , ging der junge Graf in den Garten hinunter , um in der Einsamkeit die mancherlei Gefühle zu ordnen , die ihn bei der unerwarteten Großmuth seines Oheims immer wieder von Neuem bestürmten . In den dunkeln Gängen desselben traf er St. Julien , der schwermüthig darin auf und abging , und mit Wehmuth auf einen Brief blickte , den er eben empfangen hatte und noch in der Hand hielt . Als er den jungen Graf erblickte , reichte er ihm die Hand und sagte : Es ist vorbei , der anmuthige Traum ist ausgeträumt , ich muß wieder zurück in das traurige , einsame Leben . Was ist Ihnen begegnet ? fragte der junge Graf , was kann Sie in dem Grade traurig stimmen ? Theilen Sie mir Ihr Unglück mit . Ich bin wohl undankbar , sagte St. Julien lächelnd , daß ich die Beweise der Liebe der zärtlichsten , besten Mutter auf eine Art empfange , daß meine Freunde sie für ein Unglück halten müssen . Lesen Sie selbst diesen Brief und Sie werden sehen , das , was man gewöhnlich Unglück nennt , enthält er nicht . Der junge Graf fing den Brief zu lesen an , und nach den zärtlichsten Klagen einer Mutter über die Leiden eines geliebten Sohnes , sah er bald , daß sie so große Summen zum Gebrauche dieses Sohnes anwies , wie sie nur der Reiche mit Großmuth bestimmen kann . Der Graf dachte an seinen frühern Streit mit St. Julien und glaubte einen Augenblick , dieser habe ein Mittel gesucht , um ihn auf eine etwas prahlende Weise von dem Ungrunde seiner damaligen Ansichten zu überzeugen ; doch ein Blick auf seinen Freund belehrte ihn bald , daß dieser sich jetzt am Wenigsten mit solchen Gedanken beschäftigte . Er las daher den Brief weiter und fand , daß die Mutter die lebhafteste Dankbarkeit für den Grafen und seine ganze Familie ausdrückte ; zum Schlusse bat sie den Sohn , sich nicht eher von dem Schlosse Hohenthal zu entfernen , bis sie selbst dort erscheinen würde , um der gräflichen Familie den Dank zu bringen , den ihr Herz so lebhaft empfände ; bis dahin , hoffte sie , würden auch alle Verhältnisse so geordnet sein , daß der Sohn sie alsdann nach Frankreich zurück begleiten könne . In der That , sagte der junge Graf , ich begreife nicht , wie dieser Brief Sie hat traurig stimmen können . Muß ich denn nicht , rief St. Julien mit Heftigkeit , dieß Haus nun bald verlassen , in dem ich zuerst das Leben habe verstehen gelernt , und den Grafen , den ich wie einen Vater ehre , und die Gräfin , die ich wie eine Mutter zärtlich liebe , und - er schwieg , und eine brennende Röthe flammte auf seinen Wangen . Und Emilie , ergänzte der junge Graf lächelnd , wie wollen Sie das Gefühl des Schmerzes bei der Trennung von ihr bezeichnen ? Wenn Sie es denn errathen , kaltblütiger Mensch , rief St. Julien , so können Sie es ja begreifen , was mich zur Verzweiflung bringt . Er stürmte nach diesen Worten hinweg und ließ den Brief in den Händen seines Freundes zurück . Da der junge Graf die Nothwendigkeit fühlte , einen so wichtigen Brief wieder in den Händen dessen zu wissen , an den er gerichtet war , so suchte er St. Julien im Garten auf und fand ihn nach einer halben Stunde ruhiger , als er ihn verlassen hatte ; dieser nahm den Brief zurück und sagte : Diese Tage , diese Wochen , bis meine Mutter ankömmt , sind noch mein , ich will also den Rest des Lebens genießen . Ich begreife nicht , sagte der junge Graf , was Sie eigentlich zur Verzweiflung bringt . Ich glaube nicht , daß sich Emilie so gegen Sie beträgt , daß Sie von dieser Seite gar keine Hoffnung hegen dürften . Ein Strahl der Hoffnung flammte bei dieser Bemerkung in St. Juliens Augen auf , und sein Freund fuhr fort : Daß mein Oheim Sie wie einen Sohn liebt , bemerkt ein Jeder ; meine Tante bezeigt Ihnen täglich das Gefühl einer Mutter . Von Ihrer Mutter , die Sie mit Zärtlichkeit überhäuft , scheint es mir , haben Sie Widerspruch am Wenigsten zu befürchten ; also , wo liegt denn Ihr Unglück ? Ihnen scheint Alles so klar und leicht , was mir zu entwirren so schwer däucht , erwiederte St. Julien . Haben Sie aber nicht selbst oft gehört , daß Emilie den Entschluß ausgesprochen hat , sich von der Gräfin nicht trennen zu wollen , und wenn ich zurück muß , wird sie mir dann nach einem Lande folgen , das diese zu verabscheuen scheint ? Der Graf selbst , so hoch ich ihn ehre , wird er eine Verbindung mit mir gern