, war mir so heilig , daß mir kein Gedanke aufstieg , so lange sie so hülflos sey , mich von ihr zu trennen . Ich war gesund , ich hatte Thätigkeit und ein unbeflecktes Gewissen . Mit demuthvoller Dankbarkeit zu Gott erkannte ich diese Vorzüge als Aufforderung und Mittel , für meine hülflose Kranke zu sorgen . Dieser Mittel waren sehr wenig : fürs Erste zeigte sich der Erwerb , über welchen ich mich gestern mit dem Kaufmann verabredet hatte , und diesen wollte ich Julien vorschlagen mit mir zu theilen . Ich erinnerte mich , daß ihre bewegliche Fantasie ehemals eine besondre Leichtigkeit gehabt hatte , zierliche Spielwerke zu erfinden , und hoffte sogar , daß diese Gattung von Arbeit , indem sie ihrem Geschmack angemessen wäre , zu ihrer Ermunterung beitragen sollte . Die Gegenwart des armen Kindes , das sie mir zubrachte , bekümmerte mich nicht sehr ; die herzliche Freundlichkeit , mit der Frau Campells Bruderskinder mit ihm gespielt hatten , und die Hoffnung , welche mir sein gesunder Schlaf gab , es bei hinreichender Nahrung und Pflege bald erstarken zu sehen , halfen mir ein ganz leidliches Bild von unserm Leben entwerfen , wenn ich Frau Campell , mich gleichfalls in ihr Zimmer aufzunehmen , bewegen könnte . Eine andre Weise , Julien zu unterstützen , konnte ich nicht ersinnen . Was ich ihr allmälig von meinem Erwerb mittheilen konnte , würde nicht hingereicht haben , sie zu unterhalten , und meinen ernsten Zweck , ihr Kind wohl verpflegt zu sehen , konnte ich damit gar nicht erreichen ; denn nach allem , was ich von der Unglücklichen vernahm , ward es mir klar , daß ihre Mutterliebe nicht von der Art war , ihre Thätigkeit , selbst da , wo ihre Kräfte hinreichten , für ihr Kind zu verwenden . Sobald ich es in der Küche meiner guten Wittwe laut werden hörte , begab ich mich zu ihr und trug ihr mein Anliegen vor . Da sie den lebhaften Wunsch hatte , mich zu verbinden , und ihr Bruder noch geraume Zeit abwesend bleiben sollte , wurden wir sehr bald des Handels einig . Meine nächste Sorge war nun , meine wenigen Habseligkeiten von Frau Millner abzuholen . Julie hatte nichts dagegen , doch entging mir eine gewisse Unruhe nicht , die sie bei meinem Weggehen befiel , und wie ich schon das Zimmer verlassen hatte , rief sie mich zurück und reichte mir ihr Kind , mit der Bitte , es mitzunehmen , weil sie heute nicht im Stande sey es in die freie Luft zu bringen . Ich durchschaute sie sogleich . Sie wollte mir das arme Geschöpf als ein unvermeidliches Hinderniß , von ihr entfernt zu bleiben , aufdringen . Dieses Mißtrauen nach dem , was ich gestern für sie gethan , in dem Augenblick , wo sie Zeugin meiner Abrede für alles , was zu ihrem Besten gethan werden konnte , gewesen war , erfüllte mich mit Abneigung . Ich war im Begriff , sie lebhaft zurückzuweisen , aber ein Blick auf ihr entstelltes Gesicht , ihre hinfällige Gestalt entwaffnete mich : ich stellte ihr die Unbilligkeit ihres Verdachts vor , suchte sie von dem Bedürfniß zu überzeugen , das mich antrieb , Gottes Gebot gemäß gegen sie meine Pflichten zu erfüllen , und eilte meinem Geschäfte nach . Sobald ich mein kleines Gepäck von Frau Millner fortgeschafft hatte , kaufte ich von dem wenigen mir übrigen Gelde zuerst die unentbehrlichen Bedürfnisse für den gegenwärtigen Tag und dann Stoffe zur Verfertigung der Kästchen , Beutelchen und Nadelkistchen , die ich bei dem Kaufmann anzubringen hoffte . Sobald mein kleiner Haushalt besorgt war , machte ich mich an die Arbeit . Ach es ist unendlich peinlich , mit recht schwerem Herzen eine Beschäftigung zu treiben , die uns wohl einstens zum Spiel der Fantasie , zur Ausfüllung müßiger Augenblicke gedient hat ! Indem ich die bunten Fleckchen zusammensetzte , die fantastischen Figürchen malte , beneidete ich manchmal Frau Campells kleine Marthe , die an ein paar groben Soldaten-Socken strickte , und noch mehr den Kohlenträger , der , seines täglichen Gewinnes sicher , unter seiner Last schweigen , oder ein lustiges Stückchen pfeifen konnte , je nachdem es ihm gefiel . Allein die Noth mußte hier der begeisternde Genius seyn , und das fromme Bewußtseyn , unter Gottes Segen zu arbeiten , machte es mir alle Tage leichter . Juliens Hülfe war sehr nichtsbedeutend bei meinem Geschäft . Das Unglück hatte in ihr keine Kräfte entwickelt , und körperliche Schwäche würde ihr jetzt die Ausführung mit festem Willen sehr erschwert haben . Sie fing manche Arbeit an , unterbrach sie hundertmal und warf sie endlich mit Ekel bei Seite . Ich mußte froh seyn , wenn ich Mittel fand , eine und die andre Unternehmung zu beenden ; oft sah ich mit Bekümmerniß die eingekauften Stoffe vergeudet , ohne irgend einen Vortheil daraus ziehen zu können . Da ich vor meinem Gewissen die Pflicht übernommen hatte , für diese Unglückliche zu sorgen , erlaubte ich mir nicht die kleinste Ermahnung , ihre üblen Gewohnheiten zu überwinden ; allein die Unzufriedenheit , welche Müßiggang und Beschränkung nach sich ziehen , blieb bei ihr nicht aus und ward durch die ihrer Krankheit eigenthümliche böse Laune vermehrt . Gegen mich ließ sie dieselbe nicht aus , aber das war ein bittrer Zwang , den sie sich auflegte ; denn so zart ich sie behandelte , hielt sie sich doch oft für verletzt und konnte sich der Ueberzeugung dann nie erwehren , daß ich sie für ihr früheres Verfahren gegen mich büßen lassen wolle . Bald gesellte sich zu dieser übeln Laune eine traurige Unzufriedenheit mit der einfachen Kost , welche mein geringer Verdienst anzuschaffen hinreichte . Ihre kranke Eßlust sehnte sich täglich nach einer andern Nahrung , von der sie jedes Mal Erleichterung , wenn nicht gar Heilung hoffte . Ich entzog mir das Nothwendige , um ihr das Mögliche von diesen erträumten