ist , wo er den Winter zubringen will , ohne mich einzuladen , sie zu begleiten , oder auch nur späterhin zu besuchen . Im Gegentheil nahm er es als ganz bekannt an , daß ich hieher gehen müßte . « Die Abende wurden immer länger . Graue Nebel verhüllten Tage lang die Sonne und trieben die eifrigsten Waidmänner bei ungewohnt früher Zeit dem warmen kerzenhellen Versammlungs-Saale zu , wo die gesellige Freude in steter Abwechselung an jedem Abende lebendiger sich regte . Seit es entschieden war , daß die zur Königin der Feste bestimmte Gabriele nicht erscheinen würde , hatte alles einen raschen lebendigen Gang genommen . Zwar war sie weder vergessen , noch war der Antheil gesunken , welchen Freunde und Bekannte an ihrem Geschick nahmen , aber man hatte sich darüber ausgesprochen und wandte nun gerne seine Aufmerksamkeit andern Gegenständen zu . Jeder Eindruck verlischt , der nicht täglich erneut wird , vergebens sucht man ihn festzuhalten , vergebens strebt man , sich länger zu freuen oder zu betrüben , sobald die Zeit ihre Rechte geltend zu machen beginnt . Selbst Auguste ließ oft vom fröhlichen Taumel sich hinreißen , obschon sie gleich darauf sich leichtsinnig schalt , so fröhlich gewesen zu seyn , während ihre freudenarme Gabriele einsam-traurige Stunden verlebte . » Sie versündigen sich an der Natur und an sich selbst , « erwiderte ihr einst Ernesto auf eine ähnliche Aeußerung , welche sie über ihre jugendliche Fröhlichkeit that . » Wie könnten wir nicht nur den Schmerz , sondern auch die Freude tragen , bliebe ihr Empfinden immer sich gleich ? Glauben Sie mir ; Niemand von uns überlebte das zwanzigste Jahr , wenn uns nicht die alles ebnende , alles erleichternde Gewöhnung zur tröstenden Begleiterin auf dem Lebenswege gegeben wäre ; lebenssatt , oder mit gebrochnem Herzen sänken wir alle lange vor der Zeit in das Grab . « Im übrigen Schlosse ging es unterdessen gar fröhlich her , und je bunter und lauter das Leben von den aus der ganzen Umgegend herbeiströmenden Gästen betrieben wurde , je zufriedner bezeigte sich der General . Mit der zuvorkommendsten Gastfreiheit bot er zu allem die Hand , munterte zur Ausführung jedes Einfalls auf , den irgend einer seiner Gäste zum allgemeinen Vergnügen angab , und ward dabei selbst mit jedem Tage heitrer . Auch die Freude über Adelberts sichtbares Genesen verjüngte augenscheinlich den liebenswürdigen Greis , der mit mehr als väterlicher Liebe an diesem hing . Seine Augen glänzten , wenn sie auf der Gestalt des geliebten Pflegesohns ruhten , dessen Wange in der Farbe der Gesundheit wieder zu erblühen begann , und dessen ganzes Wesen von neuem in frischer lebendiger Theilnahme an der Außenwelt erwachte . Adelberts Wunden heilten wie durch ein Wunder , der Arm blieb freilich steif , obgleich fast unmerklich , aber der gelähmte Fuß erlaubte ihm schon an Augustens Seite im Polonoisen-Takte den Saal zu durchwandern , und sey es nun die oft belobte Nachwirkung der Brunnenkur , oder die Wirkung des gegenwärtigen heitren Lebens , Adelbert behielt bald nicht mehr vom Ansehen eines Kranken als er bedurfte , um von allen Fräuleins drei Meilen in der Runde für höchst interessant erklärt zu werden . Die Zeit , welche man ursprünglich im Schlosse des Generals zu verweilen beschlossen hatte , war unbemerkt längst vorübergezogen und der mit starken Schritten herannahende Winter bestimmte jetzt die Gesellschaft , sehr ernstlich an den Abschied von ihrem freundlichen Wirthe zu denken , sich zur Heimreise zu rüsten . Die Ungewißheit der Frau von Willnangen in Hinsicht auf Leo und Augusten machte dieser indessen manche Sorge . Vergebens hatte sie fortwährend Beide mit der größten Aufmerksamkeit beobachtet ; Leos Benehmen und Augustens Herz wurden ihr mit jedem Tage räthselhafter , und sie selbst immer unentschiedener , ob es nicht die Pflicht der Mutter heische , Augusten um ihr Verhältniß zu dem jungen Manne zu befragen , dessen auffallende Weise , sie allen andern vorzuziehen , von der ganzen Gesellschaft als ein Beweis gegenseitigen Verstehens angesehen wurde . » Wecken Sie keinen Nachtwandler , indem Sie ihn beim Namen rufen , « sprach Ernesto , den sie deshalb zu Rathe zog . » Sie gerathen in Gefahr , ihn eben dadurch in den Abgrund zu stürzen , wodurch Sie ihn warnen wollten . Leo ist ein ganz guter Mensch , aber leider gehört er zu jener Legion von Kurmachern , die in der Mädchenwelt so viel Unheil stiften . Zum Glück ist Auguste mit ihrer gegenwärtigen Lage zufrieden genug , um keine Veränderung ihres Zustandes herbei zu sehnen . Ich bin überzeugt , daß Leo keinen tiefen Eindruck auf sie gemacht haben kann , obgleich sie seine Huldigungen sich recht gern gefallen läßt . Bei alle dem wäre es aber dennoch möglich , daß sie eine Zeitlang sich einbildete , ihn zu lieben , wenn man durch unnütze Fragen sie auf diese Gedanken brächte ; sie könnte in diesem Glauben sogar dahin kommen ihm ihre Hand zu reichen , wenn er sich erklärte und sich für unglücklich zu halten , wenn er es unterließe , was aus Furcht vor dem gnädigen Papa und der gnädigen Mama wahrscheinlich geschehen wird . « » Glauben Sie in der That nicht , daß Leo Augusten genug liebt um wenigstens einen Versuch zu wagen , die Beistimmung seiner Eltern zu einer Verbindung mit ihr zu erhalten ? « fragte Frau von Willnangen . » Ich glaube es nicht , « erwiderte Ernesto ; » denn was konnte ihn bestimmen , fast bis zum Abschiedstage damit zu zögern ? Mir scheint es , er gehört zu der Zahl junger Leute , welche wie im Traume umherwandeln , ohne eigentlich zu wissen , was sie wollen . Sie seufzen , sie werfen mit zärtlichen Blicken um sich , sie thun bedeutend , alles ohne Plan und Zweck . Dabei sind sie wetterwendisch wie eine Kokette aus dem vorigen Jahrhundert . Heute glühend , morgen kalt wie Eis , scheinen sie die gestern