sich nun auf die Reise , die Umgebungen , worin sie gelebt , der Natur nachzubilden ; hier das liebliche Kind in glücklichen und unglücklichen Umgebungen und Augenblicken darzustellen und so ihr Bild , das in allen zarten Herzen lebt , auch dem Sinne des Auges hervorzurufen . Die Freunde gelangen bald zum großen See , Wilhelm trachtet , die angedeuteten Stellen nach und nach aufzufinden . Ländliche Prachthäuser , weitläufige Klöster , Überfahrten und Buchten , Erdzungen und Landungsplätze wurden gesucht und die Wohnungen kühner und gutmütiger Fischer so wenig als die heiter gebauten Städtchen am Ufer und Schlößchen auf benachbarten Höhen vergessen . Dies alles weiß der Künstler zu ergreifen , durch Beleuchten und Färben der jedesmal geschichtlich erregten Stimmung anzueignen , so daß Wilhelm seine Tage und Stunden in durchgreifender Rührung zubrachte . Auf mehreren Blättern war Mignon im Vordergrunde , wie sie leibte und lebte , vorgestellt , indem Wilhelm der glücklichen Einbildungskraft des Freundes durch genaue Beschreibung nachzuhelfen und das allgemeiner Gedachte ins Engere der Persönlichkeit einzufassen wußte . Und so sah man denn das Knaben-Mädchen in mannigfaltiger Stellung und Bedeutung aufgeführt . Unter dem hohen Säulenportale des herrlichen Landhauses stand sie , nachdenklich die Statuen der Vorhalle betrachtend . Hier schaukelte sie sich plätschernd auf dem angebundenen Kahn , dort erkletterte sie den Mast und erzeigte sich als ein kühner Matrose . Ein Bild aber tat sich vor allen hervor , welches der Künstler auf der Herreise , noch eh ' er Wilhelmen begegnet , mit allen Charakterzügen sich angeeignet hatte . Mitten im rauhen Gebirg glänzt der anmutige Scheinknabe , von Sturzfelsen umgeben , von Wasserfällen besprüht , mitten in einer schwer zu beschreibenden Horde . Vielleicht ist eine grauerliche , steile Urgebirg-Schlucht nie anmutiger und bedeutender staffiert worden . Die bunte , zigeunerhafte Gesellschaft , roh zugleich und phantastisch , seltsam und gemein , zu locker , um Furcht einzuflößen , zu wunderlich , um Vertrauen zu erwecken . Kräftige Saumrosse schleppen , bald über Knüppelwege , bald eingehauene Stufen hinab , ein buntverworrenes Gepäck , an welchem herum die sämtlichen Instrumente einer betäubenden Musik , schlotternd aufgehängt , das Ohr mit rauhen Tönen von Zeit zu Zeit belästigen . Zwischen allem dem das liebenswürdige Kind , in sich gekehrt ohne Trutz , unwillig ohne Widerstreben , geführt , aber nicht geschleppt . Wer hätte sich nicht des merkwürdigen , ausgeführten Bildes gefreut ? Kräftig charakterisiert war die grimmige Enge dieser Felsmassen ; die alles durchschneidenden schwarzen Schluchten , zusammengetürmt , allen Ausgang zu hindern drohend , hätte nicht eine kühne Brücke auf die Möglichkeit , mit der übrigen Welt in Verbindung zu gelangen , hingedeutet . Auch ließ der Künstler mit klugdichtendem Wahrheitssinne eine Höhle merklich werden , die man als Naturwerkstatt mächtiger Kristalle oder als Aufenthalt einer fabelhaftfurchtbaren Drachenbrut ansprechen konnte . Nicht ohne heilige Scheu besuchten die Freunde den Palast des Marchese ; der Greis war von seiner Reise noch nicht zurück ; sie wurden aber auch in diesem Bezirk , weil sie sich mit geistlichen und weltlichen Behörden wohl zu benehmen wußten , freundlich empfangen und behandelt . Die Abwesenheit des Hausherrn jedoch empfand Wilhelm sehr angenehm ; denn ob er gleich den würdigen Mann gerne wieder gesehen und herzlich begrüßt hätte , so fürchtete er sich doch vor dessen dankbarer Freigebigkeit und vor irgendeiner aufgedrungenen Belohnung jenes treuen , liebevollen Handelns , wofür er schon den zartesten Lohn dahingenommen hatte . Und so schwammen die Freunde auf zierlichem Nachen von Ufer zu Ufer , den See in jeder Richtung durchkreuzend . In der schönsten Jahrszeit entging ihnen weder Sonnenaufgang noch -untergang und keine der tausend Schattierungen , mit denen das Himmelslicht sein Firmament und von da See und Erde freigebigst überspendet und sich im Abglanz erst vollkommen verherrlicht . Eine üppige Pflanzenwelt , ausgesäet von Natur , durch Kunst gepflegt und gefördert , umgab sie überall . Schon die ersten Kastanienwälder hatten sie willkommen geheißen , und nun konnten sie sich eines traurigen Lächelns nicht enthalten , wenn sie , unter Zypressen gelagert , den Lorbeer aufsteigen , den Granatapfel sich röten , Orangen und Zitronen in Blüte sich entfalten und Früchte zugleich aus dem dunklen Laube hervorglühend erblickten . Durch den frischen Gesellen entstand jedoch für Wilhelm ein neuer Genuß . Unserm alten Freund hatte die Natur kein malerisches Auge gegeben . Empfänglich für sichtbare Schönheit nur an menschlicher Gestalt , ward er auf einmal gewahr : ihm sei durch einen gleichgestimmten , aber zu ganz andern Genüssen und Tätigkeiten gebildeten Freund die Umwelt aufgeschlossen . In gesprächiger Hindeutung auf die wechselnden Herrlichkeiten der Gegend , mehr aber noch durch konzentrierte Nachahmung wurden ihm die Augen aufgetan und er von allen sonst hartnäckig gehegten Zweifeln befreit . Verdächtig waren ihm von jeher Nachbildungen italienischer Gegenden gewesen ; der Himmel schien ihm zu blau , der violette Ton reizender Fernen zwar höchst lieblich , doch unwahr und das mancherlei frische Grün doch gar zu bunt ; nun verschmolz er aber mit seinem neuen Freunde aufs innigste und lernte , empfänglich wie er war , mit dessen Augen die Welt sehen , und indem die Natur das offenbare Geheimnis ihrer Schönheit entfaltete , mußte man nach Kunst als der würdigsten Auslegerin unbezwingliche Sehnsucht empfinden . Aber ganz unerwartet kam der malerische Freund ihm von einer andern Seite entgegen ; dieser hatte manchmal einen heitern Gesang angestimmt und dadurch ruhige Stunden auf weit- und breiter Wellenfahrt gar innig belebt und begleitet . Nun aber traf sich ' s , daß er in einem der Paläste ein ganz eigenes Saitenspiel fand , eine Laute in kleinem Format , kräftig , vollklingend , bequem und tragbar ; er wußte das Instrument alsbald zu stimmen , so glücklich und angenehm zu behandeln und die Gegenwärtigen so freundlich zu unterhalten , daß er , als neuer Orpheus , den sonst strengen und trocknen Kastellan erweichend bezwang und ihn freundlich nötigte , das Instrument dem Sänger auf eine Zeitlang zu überlassen , mit der