lenksames und verständiges Volk in Vergleichung mit ihnen sind . Es ist leicht vorher zu sehen , daß die Harmonie , die seit einiger Zeit zwischen ihnen und dem Dionysius zu bestehen scheint , von keiner langen Dauer seyn wird . Die Eupatriden von Syrakus können und werden sich nie mit ihm aussöhnen , und lauern Tag und Nacht , mit einer Unruhe und Ungeduld die er nur zu sehr gewahr wird , auf Gelegenheit , ihn entweder , wenn es mit Vortheil geschehen kann , offenbar anzugreifen , oder in eine der Schlingen zu locken , die sie ihm überall zu legen beflissen sind . Ich möchte wohl wissen , wie es möglich wäre , daß ihn dieß nicht mißtrauisch , argwöhnisch , feindselig und streng gegen Leute machen sollte , von deren versteckten Dolchen er allenthalben umringt ist . Man hört die bittersten Klagen , daß keine zwei oder drei Bürger aus den höhern Classen mit einander sprechen können , ohne sich von Aufpassern und Angebern belauscht zu sehen : als ob dieß eine andere Ursache hätte , als weil Dionysius sicher darauf rechnen kann , daß nicht leicht zwei oder drei Personen dieser Art beisammen stehen , ohne eine Verschwörung gegen ihn zu verabreden . Sie zwingen ihn zu tyrannischen Maßregeln , und schreien dann über seine Gewaltthätigkeit und Grausamkeit . Wäre er nicht immer von etlichen Freunden , die einerlei Interesse mit ihm verbindet , und von einer ausländischen Leibwache , auf die er sich gänzlich verlassen kann , umgeben , so möchte er der weiseste und beste aller Fürsten seyn , er wäre seines Lebens keinen Augenblick sicher . Wahrlich es gehört ein Mann wie er dazu , ein Mann , dessen Charakter ein so sonderbares Gemisch von Feuer und Kälte , von strenger Vernunft und launenhaftem Witz , von Geschmeidigkeit und Unbiegsamkeit , Humanität und Grausamkeit ist , um sich unter solchen Umständen nur acht Tage auf dem Throne zu erhalten . Was das Volk im engern Sinn des Wortes betrifft , dieß hängt zwar , dem Ansehen nach , ziemlich stark an ihm ; aber es gibt nichts Veränderlichers , in der ganzen Natur als die Sinnesart des Syrakusaners , und Dionysius weiß recht gut , daß er sich auf seine Popularität bei den untern Classen eben so wenig verlassen kann , als er auf die Dankbarkeit eines Aristokraten zählen darf , dessen Zuneigung er durch die ausgezeichnetsten Gunstbezeugungen zu gewinnen gesucht hat . Die arbeitsamen Classen hängen jetzt an ihm , weil er ihnen viel zu verdienen gibt , und weil die großen Zurüstungen , woran sie für ihn arbeiten , große , wiewohl dunkle und unbestimmte Erwartungen in ihnen erregen , auf deren Ausgang sie gespannt sind ; aber ich stehe ihm nicht dafür , daß sie sich nicht , wenn der Krieg ausgebrochen seyn wird , beim ersten widrigen Zufall von irgend einem stürmischen Demagogen durch eine einzige mit emphatischen Phrasen und gigantischen Figuren ausgestopfte Rede plötzlich umwenden , und dahin bringen lassen , die Waffen , an welchen sie jetzt arbeiten , anstatt gegen Carthago , gegen Dionysius zu gebrauchen . Auch versieht er sich keines Bessern zu ihnen , wiewohl er ihnen äußerlich das unbefangenste Vertrauen zeigt . In Ermangelung anderer Vorwürfe - und in der That sehe ich nicht , was an seiner Regierung mit Grund auszusetzen wäre - bemühen sich seine Feinde , ihn dem Volk als einen Menschen ohne Religion und ohne Sitten verhaßt zu machen . Es gibt zwar schwerlich ein unmoralischeres , verderbteres , leichtfertigeres und ruchloseres Volk auf diesem Erdenrund als die Syrakusaner , alle Laster , wegen deren ehemals Sybaris , Krotona und Tarent143 berüchtigt waren , gehen unter ihnen ziemlich öffentlich im Schwang ; Athen und Korinth haben dermalen nichts vor ihnen in diesem Punkte voraus : aber dafür sind sie eifrige Götzendiener , und halten scharf über gewisse gesetzliche Formen . Weder das eine noch das andere ist bei Dionysius der Fall ; er denkt sehr frei , und erlaubt sich zu handeln wie er denkt . Bekanntermaßen nahm er sich , als die Syrakusaner in ihrem ersten Aufstand gegen ihn seine erste Gemahlin ermordet hatten , auf Einen Tag zwei andere ( eine aus Lokri und die andere aus Syrakus ) die mit ihm und unter sich selbst in dem besten Einverständnisse leben . Ich will die Freiheit , die er sich dadurch gegen die in Griechenland eingeführte Sitte herausnahm , keineswegs und am allerwenigsten aus politischen Gründen rechtfertigen ; aber die Natur entsetzt sich doch nicht vor einer solchen That ! Wenn die Bigamie gegen die Griechische Sitte ist , so ist hingegen die Vielweiberei in den Morgenländern allgemein ; und am Ende , wenn er mit seinen zwei Frauen und sie mit ihm zufrieden sind ( wie das wirklich der Fall ist ) , wem kann es nicht gleichgültig seyn , ob er nur Eine Gemahlin und ein halb Duzend Kebsweiber , oder zwei Gemahlinnen144 und kein Kebsweib hat ? Aber du solltest hören , was diese tugendhaften Syrakusaner , die , ohne alles Bedenken , ehebrecherischer Weise so viele Frauen haben als sie bestreiten können , für ein Aufhebens über diese Unthat des Tyrannen machen , und was ihre ehemaligen Volksredner , aus dieser Veranlassung , der Tyrannie für Lobreden halten ! Doch das alles ist nichts gegen eine andere Abscheulichkeit , die das tyrannische Ungeheuer begangen hat . Höre an und erstaune , daß die menschliche Natur eines solchen Gräuels fähig ist ! Du erinnerst dich vermuthlich noch der großen Bildsäule des Aesculaps mit dem langen dicklockigen massivgoldnen Barte , die in seinem Tempel zu Syrakus steht . Stelle dir vor , daß der Unmensch - der jetzt freilich zu seinen großen Ausgaben viel Geld nöthig hat - sich gottesvergessenerweise erfrechte , dem marmornen Aesculap145 seinen goldnen Bart - abscheren zu lassen , und den Frevel noch gar durch einen Scherz ( der freilich in einer Aristophanischen Komödie den Athenern großen Spaß gemacht hätte