Kunstübung wieder aufzunehmen , wie die ihm eigne Bekehrungsmethode unter den sittlich Verwahrlosten ungestört zu betreiben . Im Besitz eines ausreichenden Vermögens arbeitete Murray nach Neigung . Da er nur die schwierigeren Aufträge annahm und sie mit großer künstlerischer Vollendung ausführte , ließ er sich in seinen Leistungen Zeit . Die Mußestunden , die er sich reichlich gönnte , verwandte er darauf , von den Vereinen , deren Mitglied er geworden war , Aufträge anzunehmen . Anfangs fügte er sich der Methode , die hier allgemein in diesem Fache der Seelsorge schon galt . Er brachte Notizen , empfahl die Hilfsbedürftigen , zeigte bald den Behörden , bald den Vereinen auffallende Misstände an , aber bald sah er , daß das Alles nur wie ein Tropfen auf einen heißen Stein war . Man gab und die Wirkung zischte auf und ließ nichts als ein wenig Rauch von Dank zurück . In den statistischen Tabellen der Vereine , ihren Programmen und Berichterstattungen nahmen sich diese Thatsachen freilich Wunder wie großartig aus . Da hieß es : Achtzig armen Wöchnerinnen Leinenzeug gegeben , dreihundert Kranke gepflegt , dreißig begraben und so und so und so vielen Waisen oder Witwen diese oder jene vorübergehende Wohlthat erwiesen ! Murray sah bald ein , daß diese Methode auch zu dem scheußlichen Lügennetze der Zeit gehörte . Nur zu wahr traf in den meisten Fällen die Spottrede seines Sohnes ein , der diesen Theil der Menschheit in solcher auf die Symptome kurirenden Art für unverbesserlich erklärte . Gern hätte er die Macht des Christenthums zu Hülfe gerufen , aber zu seinem tiefsten Leidwesen erkannte er , daß in Europa das Christenthum eine viel unreinere gesellschaftliche Gestalt angenommen hat als jenseit des Meeres , wo sich nicht soviel kirchliche und politische Verwirrung und irdische nichtswürdige Entstellung in die reine Christuslehre gemischt hat . Wenn er den Armen und ergrimmten Nothleidenden mit Christus als dem Waizenkorn und dem wahren Brote des Lebens kam , so fand er selten einen guten Boden für diese Aussaat und mußte in hundert Fällen neunzigmal erleben , daß man ihm das Christenthum als eine durch die Weltlichkeit der Kirche , den Luxus der Geistlichen , die geheuchelte Frömmigkeit der Großen , der Armuth über und über verdächtig gewordene Institution darstellte und ihm mit einem Unglauben antwortete , der an die absolute Nichtslehre seines Sohnes für ihn schaudernd genug erinnerte . Eines Tages kam ihm ein Lichtstrahl bessrer Hoffnung . Er hatte , es war im Frühjahr schon , bei einer Versammlung einen jungen Geistlichen reden hören , der als Prediger des Gefangnenhauses erst vor Kurzem eingetreten war . Er entsann sich des Namens Oleander sehr wohl . Er erinnerte ihn an Louis Armand , diesen liebenswürdigen jungen Freund , der vor einigen Monaten hatte aus einem Lande entfliehen müssen , das er mit so viel Hoffnungen betreten durfte . Friedrich Zeck war mit Louis Armand in Verbindung geblieben , hatte manchen Brief von ihm an Dystra , von Dystra wieder Einlagen an ihn bekommen ; Zeck hatte Kunde von dem Bunde der Ritter vom Geiste und durfte vermuthen , daß auch Oleander zu ihm gehörte . Man rühmte die Standhaftigkeit , mit der Oleander auf der Festung Bielau einen jungen , wegen Meuterei erschossenen Soldaten zum Tode begleitete . Seine Predigten fanden den allgemeinsten Beifall und segensreich sollte sich auch sein Wirken in den Zellen des Gefangnenhauses erweisen . Briefe , die Friedrich Zeck von Armand für Oleander erhielt , brachten ihn diesem jungen Geistlichen näher . Er sah ihn öfter , verstand sich mit seinen Meinungen über die Zeit und über die Menschen und zweifelte nicht , daß auch er zu dem vielbesprochenen Geheimbunde gehörte ; denn er rühmte von sich , daß er durch Siegbert Wildungen und Louis Armand eine große Umwälzung seines Innern erfahren . Doch rückte das eigentliche Geheimniß des Bundes Zeck selber nicht näher , er wünschte es auch nicht . Zeck sah zu sehr seine Unwürdigkeit und trug diese Erkenntniß voll Demuth . Er war in demselben Falle wie Dystra . Beide wurden von dem Bunde benutzt , ohne daß sie in ihm lebten . Wie erstaunte Friedrich Zeck im Laufe des Sommers , als nach längerm Zusammenwirken auf dem Gebiete der innern Mission Oleander eines Tages ihm doch ein sonderbares Zeichen machte , das er nicht verstand ! Oleander hatte den Kupferstecher anfangs für einen respektablen Mann angesehen , von dem er nicht voraussetzen konnte , daß er mit dem Geheimniß , in das ihn Siegbert brieflich eingeweiht hatte , bekannt war . Später , als er sich bedeutender und charakterfester entwickelte , hatte er prüfend auf ihn geblickt , endlich im Laufe des Sommers gewagt , ihn mit dem Bundeszeichen zu begrüßen . Als Murray den Gruß nicht erwiderte , sagte Oleander : Sie dienen den Rittern vom Geiste und gehören nicht zu ihnen ? Murray bestätigte diese Vermuthung und lehnte genauere Eröffnung ab ... Oleander aber sagte : Diese Ablehnung hilft Ihnen nichts , liebster Murray ! Sie werden gewonnen , ohne daß Sie wollen . Noch muß ich nun selbst Anstand nehmen , mich zu offenbaren . Lassen Sie mir nur noch einige Wochen Zeit und ich will Ihnen dann sagen warum ? Aus den Wochen wurden Monate . Der Herbst war da , Ackermann hatte sich in der Residenz als Rodewald enthüllt . Abschied nehmend von Oleander hatte Rodewald des Begeisterten soviel von Murray gesprochen , so sehr gerühmt , daß in ihm eine große sittliche That verkörpert wäre , so sehr die Mäßigung gepriesen , mit der er noch jetzt eine ernste Aufgabe beherrsche und verwalte , daß Oleander sich seines Versprechens entsann und eines Abends , als er mit Friedrich Zeck durch die Laster- und Elendshöhlen der Brandgasse sich müde gepilgert hatte und da , wo man früher die Sendboten der Liebe die Treppe hinunterwarf , wenigstens die persönliche Sicherheit des guten Nachbars im dritten Hofe antraf ( der schon in die Lage gekommen war , beraubt zu werden und