Abend , als die Fürstin von Tempelheide schied und drei Menschen zurückließ , die auch jetzt erst , nach diesem Besuche , wagten , in der ihnen selbst seit Mittag bekannten Entscheidung des Prozesses einen Lichtschimmer am Rande der Nacht zu erblicken , die sie Alle umhüllte . Sie hatten Dankmar ' s Gefangennehmung nicht nur erfahren , sondern sie selbst gesehen , selbst erlebt , daß vor Tempelheide ein Wagen vorüberfuhr , aus dem ein blasses Männerantlitz sie grüßte und eine Hand hinterwärts zeigte , gleichsam nach Hohenberg zu , oder wie Olga sagte , nach dem Leben , dem Glück , der verlornen Freiheit hin ... Sogleich hatten sie anspannen lassen , waren nach der Stadt , dem Profoßamte gefahren , hatten gehört , was ihnen , als sie , ohne Dankmar sehen zu können , verzweifelnd nach Tempelheide zurückkehrten , ein inzwischen angekommener Brief von Franziska Heunisch und einige Zeilen von Rodewald ausführlicher berichteten ; aber doch auch die wunderbare Nachricht über den Prozeß brachten sie zu einstweiligem Trost aus der Stadt mit . Der alte Obertribunalspräsident kam erst am Abend spät nach Tempelheide zurück . Er war seit Jahren zum ersten Male wieder in der Loge gewesen , deren oberste Würde er für das ganze Land bekleidete . Auf die ihm dort gemachte Mittheilung vom Schicksal der Männer , die durch sein eignes theilnehmendes und begeistertes Erforschen dieser Angelegenheit eine so große Summe gewonnen hatten , auf das Forschen und Lauern über seinen persönlichen Antheil an den Brüdern Wildungen erwiderte er : Mein Studium galt nicht den Personen , sondern der Sache . Und jede weitere Erörterung schnitt er durch das bekannte feierliche Wort ab . Die Loge ist gedeckt . Achtes Capitel Eine Maurerarbeit und ihre Folgen Die Kunde von der endlichen Lösung eines seit so langen Jahren schwebenden Rechtsverhältnisses hatte sich mit Blitzesschnelle verbreitet . Alle Stände nahmen Antheil . Jeder war von der unerwarteten Wendung überrascht , ja sogar befriedigt . Man war durch das strenge Regiment des Fürsten von Hohenberg geneigt , diesem drakonischen Systeme denn auch nicht jeden Erfolg zu wünschen . Die Kommune war unbeliebt ihrer immer schmeichlerischen , gesinnungslosen , im Glücke übermüthigen , in der Gefahr feigen Haltung wegen . Diese städtische Verwaltung hatte nichts gemein mit jenem festen , sichern Bürgertrotz , jener unwandelbaren Selbstgenüge , an der im Mittelalter die Willkür der Fürsten sich öfters tüchtig den Schädel einrannte . Die Schöffen und Bürgermeister zerflossen in Versicherungen einer Ergebenheit , die doch in keiner wahren Prüfung Stand hielt , sondern in Augenblicken der Gefahr die persönliche Selbsterhaltung zum einzigen Ziele steckte . Warum sollte man das Ergebniß jener zweihundertjährigen Streitfrage nicht zweien jungen Männern wünschen , die allerdings die öffentliche Meinung in bedenklichster Art in Anspruch genommen hatten ? Waren ihre Unternehmungen für den Bestand der Ruhe und Ordnung , wie man im Kreise der Begüterten sagte , gefährlich , so hatten sie sich doch mitten in ihren verbrecherischen Handlungen vom Arme der Gerechtigkeit schon müssen aufhalten lassen . Man verrieth auch darin die sich immer gleichbleibende Thatsache des menschlichen Gemüthes , daß man Dem , der auf irgend eine Art das öffentliche Urtheil befriedigt hat , die ganze Herbigkeit der Sühne gern erläßt , sich mit seiner allgemeinen Demüthigung begnügt und noch mehr von ihm einzufordern zuletzt sogar eine beklommene Scheu hat . Dies plötzliche nun in die Verbannung und in einen Kerker gerufene Glück hatte sogar etwas Romantisches für die Welt , die im Grunde das Regelwidrige dem Regelmäßigen vorzieht , nur darf sie es in ihren nächsten Interessen nicht berühren und ihr nicht irgend welche Opfer auferlegen . Noch eine größere Genugthuung der öffentlichen Meinung , von der Freude der Partheigenossen der Brüder nicht zu sprechen , lag in der Verkürzung der den Erben des Komthurs Hugo von Wildungen zahlbaren Summe . Das Obertribunal hatte im ermuthigenden Gefühle seiner Beweisauffindung doch die Grenze der Mäßigung nicht überschritten . Es hatte durch eine Verringerung der beanspruchten Summen jenem Verlangen nach dem Mittelweg entsprochen , das sich niemals abweisen läßt , wenn man erhitzte Gegner lange und hartnäckig auf ihre vermeintlichen Rechte bestehen sieht . Die Gründe , die das Obertribunal für seine Ermäßigung der streitigen Werthe auf eine Million , allerdings jenes schweren im Norden üblichen Geldes , anführte , konnten von keiner billigen Einsicht getadelt werden . Man schlug vor allen Dingen nicht nur den Genuß eines dreihundertjährigen Besitzes , sondern ebenso auch die Mühewaltung an , die diesen Besitz doch immer zusammengehalten hatte . Man konnte zwar nicht in Abrede stellen , daß die Liegenschaften der St.-Johanniter von Angerode , wenn man die Güter und Gebäude nach ihrem jetzigen Werthe veranschlagte - denn eine Entäußerung der Besitzungen selbst war kaum möglich - eher im Preise zu vergrößern , als zu vermindern waren ; dennoch brachte man rechtliche Bedenken genug vor , die erwiesen , daß eine fast in Verjährung gekommene Erbschaft aufhöre , ihre ursprüngliche Integrität zu behalten , wenn ihre Erträgnisse öffentlichen Zwecken zugeflossen waren , bei denen , wie z.B. die Armenpflege , es unmöglich war , sich an Die zu halten , die eben entweder todt waren oder , wenn sie lebten , nur das Beneficium inventarii , Schulden , Kummer und Elend anbieten konnten . Diese beweiskräftige Verringerung der Summe auf eine Million war in der That eine Versöhnung mit allen Partheien und trug nicht wenig dazu bei , die fast abgöttische Verehrung vor den Entscheidungen des höchsten Gerichtshofes zu erhalten und den erschreckten , in dieser Zeit der Willkür und der Rechtsverfälschung über des Lebens allgemeine unsichere Schwankung zitternden Gemüthern das Hochgefühl zu erhalten , daß es in allen diesen Wirren doch noch einen festen Anker der Hoffnung , ein unentweihtes , den Himmelswolken näher als dem Erdendunst thronendes Asyl des Rechtes gäbe . Niemand war befriedigter als der Hof und in der That konnte man Egon von Hohenberg und etwa den Probst Gelbsattel nur die einzigen Widersacher nennen . Egon ' s mathematische Natur sträubte sich