Gesprächstoff in der Frühe am Brunnen , bei der Mittagstafel und bei den Reunions des Abends . Manche hielten ihn für einen Dämon , andere für einen Engel . Zwanzig Damen fanden , es sei unerhört , wie frei zwanzig andere sich im Verkehr mit ihm benahmen , und ein Dutzend weitere erklärten jene ersten für heimtückisch kokett und berechnend dem Doktor gegenüber . Die junge Frau eines Bankiers wollte sich um seinetwillen scheiden lassen , aber es war ja nicht daran zu denken , daß er die heiraten würde , er wußte doch am besten , wie krank die war . Ein höchst aufregender Augenblick entstand , sobald er abends in den Kursaal trat und man nicht wußte , zu welcher Gruppe er sich gesellen würde . Es mochte ja thöricht sein — lächerlich — aber es blieb nun einmal ein Ehrenpunkt , den Doktor an seinem Tisch zu haben . In dieser engen Gemeinschaft , wo das Interesse sich auf so wenige Punkte konzentrierte , unter dem Einfluß der aufregenden Bäder , der scharfen Höhenluft bekam jede Stimmung , jedes Gefühl , jeder Einfall in den Seelen , deren Gleichgewicht schon krankhaft gestört war , eine unnatürlich gesteigerte Bedeutung und wirkte mit gefährlicher Ansteckungskraft . Sie erwarteten alle so viel von diesem Doktor , Gesundheit , Frohsinn , Mut und Lebenshoffnung sollte er jeder einzelnen zurückgeben . Da mußte man ihm doch ein wenig den Hof machen . “ Dieser Doktor ist mir widerwärtig , ” erklärte Agathe schon nach der ersten Sprechstunde . Wie eine Sensitive erzitterte sie unter seinen scharfen Augen . Eugenie fand ihn amüsant . “ Ein bißchen rücksichtslos und frech — aber — na — sonst kommt er wohl hier nicht durch . ” — — Wie sie beobachtet wurden , als er sich abends zu ihnen setzte . Lisbeth Wendhagen kam auch gleich vom andern Ende des Saales hergelaufen . Natürlich kokettierte Eugenie mit ihm — es war ja hier Mode , und sie war zu jeder neuen Mode bereit . Pfui — pfui — ekelhaft . So einen cynischen Zug hatte dieser Doktor Ellrich am Mundwinkel . Der durchschaute die Frauen ganz und gar — er verachtete sie . . . Die frivolen Witze und Andeutungen , die er mit Eugenie über die anderen Patientinnen tauschte ! Wahrscheinlich hinter dem Rücken auch über sie . Vor dem mußte man sich in acht nehmen — der meinte es nicht gut . — — Nur fort — fort von hier . . . . Ein Ort , ein dunkler , stiller Winkel , dahin die Stimmen sie nicht verfolgten , — dahin keine Farbe , kein Licht und kein Klang dringen konnte . Dort sich verbergen und schlafen — schlafen — traumlos schlafen . . . . Seit Eugenie sie überwachte , durfte sie die Nächte nicht mehr auf einem Stuhl zusammengekauert sitzen und ins Dunkle starren . Aber sie schlief doch nicht . Immerfort mußte sie grübeln , wie sie Eugenie und dem Doktor und all den vielen Frauen , die sie neugierig beobachteten , entfliehen konnte . Dabei dies Tönen und Dröhnen — als würde eine große Kirchenglocke unablässig in ihrem Kopfe geschwungen . Das störte sie ja im Denken — sie kam und kam nicht ins Klare . Und es mußte doch etwas geschehen — sehr schnell . . . . Ehe Martin abreiste , hatte er zu ihr gesagt : sollte sie noch den Wunsch haben , in der Schweiz zu bleiben , so ändere das Geschehene nicht im mindesten seine Bereitwilligkeit , ihr zu helfen . Seine Haltung war gezwungen gewesen und sein Ton kühl . Sie hatte ihm keine Antwort gegeben . Siedend heiß wurde es ihr , dachte sie daran . Nur nie — nie ihn wiedersehn . . . — — Wenn sie doch zu ihm ginge ? Heimlich , ganz heimlich ? Sie mußte ihm beweisen , daß sie nicht so erbärmlich war , wie er glaubte . Sich rechtfertigen . . . . Das war nun nicht mehr möglich . Ihm helfen in stiller , harter Arbeit . . . . Jawohl ! Er würde sie doch nur für zudringlich halten . Und bei diesem rasenden Abscheu , Ekel und Haß . . . . . Es konnte wieder über sie kommen , so wie an dem Abend . . . . Sie — sie — und noch etwas wollen ? Etwas , wozu Selbstvertrauen und Kraft gehörte . . . . Sich verkriechen , sich verstecken , wo kein Mensch sie sah und hörte — wo sie keinen in ihrer Nähe fühlte Nein — sie wollte nichts mehr , als still bei Papa bleiben — sie wollte gewiß nicht wieder an das alte gewohnte Joch rühren . Sie hatte es nun gesehen , daß sie in der reinen Luft der Höhen nicht atmen konnte . Sie war nicht für die Bergesgipfel geschaffen — sie erstickte einfach dort . Freilich die Männer . . . die nahmen sich auch auf die Höhen mit hinauf , was sie mochten , was ihnen angenehm schien — nur sie — sie sollte da in Eis und Schnee erstarren . Im Grunde war es also gleichgültig , ob sie unten saß oder mit Gefahr ihres Lebens an den Felsenhängen der Wahrheit und der Freiheit hinaufzuklimmen versuchte — für die Mädchen blieb sich die Sache ziemlich gleich — Entsagung überall . Da — da — da traf sie ihn wieder — den großen Betrug , den sie alle an ihr verübt hatten — Papa und Mama und die Verwandten und Freundinnen und die Lehrer und Prediger . . . . Liebe , Liebe , Liebe sollte ihr ganzes Leben sein — nichts als Liebe ihres Daseins Zweck und Ziel . . . . . . . . . Das Weib , die Mutter künftiger Geschlechter . . . . Die Wurzel , die den Baum der Menschheit trägt . . . . Ja — aber erhebt ein Mädchen