! Kehre niemals dorthin zurück ! Du bleibst bei mir auf ewig ! Wir verreiten noch heute nach Davos ! – Jetzt aber zum Reigen ! « – Im Saale erklang eine rauschende wilde Tanzweise . Jenatsch löste seinen Degengurt , warf die Waffe auf einen Sitz und umfaßte Lucretia fester . Ihre Augen hafteten starr an der Tür , wo , hereinblickend , verlarvte Gestalten sich drängten . Sie hatte die scharfe , widrige Stimme Rudolfs vernommen . Jetzt stellte sich eine kleine Ungestalt im langen schwarzen Rocke eines Küsters mit lächerlichen Bücklingen vor den Obersten . Die Schiefertafel in der einen , ein Stück Kreide in der andern Hand , fragte sie näselnd : » Welchen Psalm oder Liedervers belieben der Herr Pfarrer von Scharans heute vor der Predigt singen zu lassen ? « Jenatsch erkannte sogleich das große Haupt und die kurzen ehrlichen Finger des Kellermeisters Fausch . » Ei , du bist zu fett für eine Kirchenmaus ! « rief er ihm zu , » doch mein Verslein sollst du haben : Selig lebt und freudig stirbt Wen die Lieb umfangen ! . . . Das laß mir singen . « – Der Kellermeister warf einen listig beobachtenden Blick auf die sich umschlungen Haltenden und drückte seine dicke Person , als wollte er sie von seiner Gegenwart befreien , so rasch er konnte , durch die Masken an der Türe in den Saal hinaus , wo die Paare , vom Rasen der Geigen und Pauken fortgerissen , immer schneller vorüberwirbelten . Fausch hatte nicht bemerkt , wie ängstlich Lucretia bestrebt war , ihm , Jenatsch mit sich fortziehend , auf dem Fuße zu folgen . Schon war es zu spät . Das Zimmer füllte sich mit einem wilden Maskenhaufen und es war eine Unmöglichkeit geworden , den umdrängten Ausgang zu gewinnen . Auch dachte Jenatsch nicht mehr daran . Er war versunken in die wunderbare , wie von zerstörenden innern Flammen beleuchtete Schönheit seiner Braut und führte sie , dem Maskenspiel in der Mitte des Gemaches Raum gebend , in eine Fensternische . Doch das den Zug anführende Bärenungeheuer mit den Wappen der drei Bünde auf der Brust schritt schwerfällig auf ihn zu , streckte , ihm auf den Leib rückend , die rechte Tatze aus und begann mit brummender Stimme : » Ich bin die Respublica der drei Bünde und begehre mit meinem Helden ein Tänzlein zu tun ! « » Das darf ich nicht ausschlagen , obgleich ich meine Dame ungern lasse « , erwiderte Jenatsch und reichte der Bärin , den Fuß – wie zum Tanze hebend , bereitwillig die Rechte . Diese aber schlug die beiden Tatzen um die gebotene Hand und packte sie mit eiserner Mannesgewalt . Zugleich zog sich der Larvenkreis eng um den Festgehaltenen zusammen und überall wurden Waffen bloß . Lucretia drängte sich fest an die linke Seite des Umstellten , wie um ihn zu decken . Sie hatte ihm keine Waffe zu bieten . Wieder traf die Stimme Rudolfs ihr Ohr . » Dies , Lucretia , für die Ehre der Planta « , flüsterte er dicht hinter ihr und sie sah , mit halbgewandtem Haupte , wie seine feine spanische Klinge vorsichtig eine gefährliche Stelle zwischen den Schulterblättern Georgs suchte . Sie hatte sich von Jenatsch vorwärts ziehen lassen , denn dieser streckte sich , den ihn umschließenden Kreis seiner Mörder mitreißend , nach dem nahen Kredenztische aus und erreichte dort mit der freien Linken einen schweren ehernen Leuchter , dessen gewichtigen Fuß er gegen seine Angreifer schwang , die von vorn fallenden Hiebe parierend . Da schmetterte ein Axtschlag neben ihr nieder . Sie erblickte ihren treuen Lucas , ohne Maske und barhaupt , der von hinten vordringend , ein altes Beil zum zweiten Male auf Rudolfs bleiches Haupt fallen ließ und ihn anschrie : » Weg , Schurke ! Das ist nicht deines Amtes . « Dann warf er den Sterbenden auf die Seite , drückte Lucretia weg und stand mit erhobener Axt vor Jenatsch . Der Starke , der schon aus vielen Wunden blutete , schlug mit wuchtiger Faust seinen Leuchter blindlings auf das graue Haupt . Lautlos sank der alte Knecht auf Lucretias Füße . Sie neigte sich zu ihm nieder und er gab ihr mit brechendem Blicke das blutige Beil in die Hand . Es war die Axt , die einst den Herrn Pompejus erschlagen hatte . In Verzweiflung richtete sie sich auf , sah Jürg schwanken , von gedungenen Mördern umstellt , von meuchlerischen Waffen umzuckt und verwundet , rings und rettungslos umstellt . Jetzt , in traumhaftem Entschlusse , hob sie mit beiden Händen die ihr vererbte Waffe und traf mit ganzer Kraft das teure Haupt . Jürgs Arme sanken , er blickte die hoch vor ihm Stehende mit voller Liebe an , ein düsterer Triumph flog über seine Züge , dann stürzte er schwer zusammen . Als Lucretia ihrer Sinne wieder mächtig wurde , kniete sie neben der Leiche , das Haupt des Erschlagenen lag in ihrem Schoße . Das Gemach war leer . Um die über ihr schwebende Gestalt der Justitia waren die Lichter heruntergebrannt und das Wachs fiel ihr in glühenden Tropfen auf Hals und Stirn . Neben ihr stand Pancraz und legte die Hand auf ihre Schulter , während unter der Türe Fausch dem Bürgermeister Waser das Ereignis jammernd erzählte . Willig wie ein Kind folgte sie dem Mönch , der sie von der Unglücksstätte wegführte . Waser aber über nahm die Leichenwache . Nicht lange blieb er allein . Als das erste Entsetzen vorüber war und die Verwirrung der Gemüter sich löste , kamen die Häupter der Stadt eines nach dem anderen in die Totenkammer und klagten um Bündens größten Mann , seinen Befreier und Wiederhersteller . Sie verzichteten darauf , die Urheber seines Todes , die ihnen als die Werkzeuge eines notwendigen Schicksals erschienen , vor Gericht zu ziehen . Keine neue Parteiung und Rache sollte aus seinem Blute entstehen – er hätte