in Gegenwart eines Fremden Verhältnisse zum Gegenstand der Unterhaltung zu machen , die auch nicht das allergeringste Interesse für ihn haben konnten . » Sie fühlen Sehnsucht nach Ihrem kühlen , grünen Wald , nicht wahr , mein bester Herr von Oliveira ? « fragte er gütig . » Auch mir wird es nachgerade ein wenig schwül hier ... Gehen Sie , liebe Sontheim « , rief er der Hofdame zu , » und holen Sie Ihr bezauberndes , malvengeschmücktes Hütchen – wir gehen an den See ! « Die Damen verließen schleunigst das Zimmer , während die Herren im Nebenzimmer ihre Hüte suchten . 19 Himmel , was für ein Mann ! « rief die Hofdame draußen im Korridor . » Da können sich unsere sämtlichen Herren nur verstecken ! « » Ich fürchte mich vor ihm « , sagte die zarte , blasse Blondine und legte stehenbleibend die gekreuzten schmalen Hände auf die Brust . » Der Mann kann nicht lächeln ... Clemence , ihr alle seid blind ! Das ist keiner von den Unseren , er bringt Unheil – ich fühle es ! « » Edle Kassandra , so viel wissen wir armen , blinden Sterblichen auch ! « spottete die Hofdame . » Freilich stiftet er Unheil – er macht dem Volke zu viel weis ; aber das gibt sich , laß ihn nur erst heimisch werden in unserem Kreise ! ... Es ist wahr , er kann nicht lächeln ; was er sagt , das klingt unbeugsam und sieht aus wie ein Felsblock neben dem eleganten Konversationston unseres Durchlauchtigsten ... Liebste Lucie , diesen Mund lächeln zu machen , den stolzen Sinn zu brechen , alle die gerahmten Vorsätze über den Haufen zu werfen , einzig durch die Liebe , das wäre eine Aufgabe , eine Wonne ! « ... » Probier ' s nur und verbrenne dich ! « entgegnete die Blondine und verschwand hinter der Tür ihres Zimmers , die Hofdame aber fuhr erglühend empor – die Baronin Fleury war unbemerkt auf dem weichen Teppich hinter ihnen hergegangen und maß jetzt die junge Dame vorüberschreitend mit einem langen , spöttisch mitleidigen Blick . Die schöne Exzellenz war bereits zum Spaziergang gerüstet und betrat mit den Herren zugleich das Vestibül . Die Türen des Musiksalons standen weit offen , um die kühle Luft der Halle in den sonnenerhitzten Raum einströmen zu lassen . Es sah schwül aus da drinnen . Die purpurnen Vorhänge verbreiteten einen gleichmäßigen dunkelblutigen Schein , den nur dann leuchtende Reflexe durchzuckten , wenn draußen der Windhauch einzelne Blätter der Orangenbäume bewegte und dem Sonnenlicht eine Bresche öffnete . Diese Lichtpunkte glitten unheimlich geschäftig über den Plafond und die weißen , mit vergoldeten Ornamenten bedeckten Wände ; es lag etwas Beseeltes in dem huschenden Spiel , etwas wie ein Aufleben musikalischer Reminiszenzen – unter ihnen flatterte vielleicht auch jenes Notturno von Chopin , das einst das Signal zu einem grausamen Verrat gewesen war . Die Baronin trat rasch , mit ärgerlich gerunzelter Stirne in den Salon ; sie war heute plötzlich von ihren gewohnten Morgenübungen abgerufen worden und hatte vergessen , den Flügel zu schließen . » O nein , meine Gnädigste « , protestierte der Fürst , als sie den Deckel ergriff , » der Augenblick ist zu günstig für mich , der Flügel steht offen , und die Noten liegen auf dem Pult – o bitte , nur ein einziges Stück , Sie kennen ja meine Schwäche für Liszt und Chopin ! « Die Baronin lächelte , streifte aber sofort die Handschuhe ab , warf den Hut auf einen Stuhl und setzte sich an den Flügel . Sie legte das Notenblatt weg und griff präludierend in die Tasten . Das blendend schöne Weib war wie überschüttet von der roten Glut , und als die Saiten in stürmischer Gewalt unter den schlanken Händen erbrausten , während sie langsam die Wimpern hob und die lodernden Augen wie in trunkener Selbstvergessenheit durch das Zimmer schweifen ließ , da erinnerte dieser Kopf freilich nicht an das keusche Gebild der heiligen Cäcilie , wohl aber an jene trojanische Helena , deren Gestalt noch zu uns herüberdämmert voll bestrickenden Liebreizes , aber auch angestrahlt von der Glut , welche Dämonen schüren . Die Herren traten geräuschlos in den Salon und verharrten an der Tür ; der Portugiese dagegen hatte das Schloß verlassen . Er stand draußen unter den Orangenbäumen mit fest verschränkten Armen und schwer atmender Brust ... Lief nicht eine unverwischbare Linie über diesen weiten Platz hinweg durch die Alleen und weiter , die sumpfigen Wiesen drüben jenseits der Mauer durchschneidend ? Eine Linie , gerötet von edlem Herzblut , das weder der strömende Regen , noch die bleichenden Sonnenstrahlen wegzulöschen vermochten ? ... Da war er ja gewandelt , der mutmaßliche Brandstifter , und neben ihm die hehre , schweigende Gestalt mit dem zu Tode getroffenen Herzen in der Brust ! ... Scholl nicht durch die rauschenden Akkorde da drinnen der schrille Ton der Klingel , mittels dessen der Hochgeborene einst eine Meute elender Bedientenseelen auf das fliehende Brüderpaar hetzte ? ... Und dort starrte die schroffe Felsenkante in die Lüfte . Golden floß das Sonnenlicht an den Zacken nieder in die Ritzen und Spalten hinab , und da , wo das verwitternde Gestein seinen eigenen Staub aufspeicherte , kroch das Grün des Waldbodens mit schmeichelndem Fuß . Und wenn es den ganzen starren Block umwob , es konnte doch nicht die Fußstapfen dessen verwischen , der einst , die hereinbrechende Nacht über dem Haupte und in der Seele , dort oben seinen letzten , furchtbaren Kampf gekämpft hatte , während ihm unten die reißenden Wasser bereits das kühle Bett bereiteten , in dem plötzlich alles , alles , das wilde Weh , die Verzweiflung und die nicht zu besiegende Liebe verstummen sollten ... Ha , ha , ha , und die Frau in dem Zimmer mit den rotglühenden Vorhängen spielte eben wieder Chopin ! Sie hatte die Treue gebrochen und einen Mord