dämonenhafte Weise anschwollen , als müßten sie eines Tages in gerechter Vergeltung erdrückend über sie herstürzen . Sie war überhaupt ernster geworden ; das sonnige Lächeln , das ihr erregbares , heiteres Temperament sonst so oft und rasch über ihre Züge hinfliegen ließ , zeigte sich nur selten . So recht herzensfreudig war sie nur noch im Hause am Flusse , und auch da nur in gewissen Stunden . Die Tante Diakonus unterrichtete nämlich seit lange eine Anzahl bedürftiger Kinder unentgeltlich im Nähen und Stricken – das geschah Jahr aus , Jahr ein an den Mittwoch- und Sonnabendnachmittagen . In diesen kleinen Kreis hatte sich Käthe mit der freudigen Bewilligung der alten Frau eingeschmuggelt . Der Umgang mit Kindern war ihr völlig neu und machte Saiten in ihrer Seele erklingen , die sie bis dahin nicht geahnt hatte – es war die zärtlichste Hinneigung zu den kleinen Geschöpfen und die plötzliche Erkenntniß , daß sie im Grunde ihres Herzens den Beruf , die jungen Wesen an Leib und Seele zu stützen , sie kräftig und gesund zu erhalten und bildend auf sie einzuwirken , jedem anderen weit vorziehe . Sie kleidete die Kinder , wo es noth that – in ihrem Nähkorb lag stets ein angefangenes Röckchen oder Schürzchen ; sie sorgte – was die Tante Diakonus nicht hatte ermöglichen können – nun auch für ein reichliches Vesperbrod während der Unterrichtsstunden , und eine wahre Augenweide war es für die alte Frau , wenn das junge Mädchen mit dem Korb voll Obst und Brödchen erschien und mit wahrhaft mütterlicher Würde an den schönsten , rotbackigen Apfel eine Belohnung zu knüpfen wußte . Für den Sommer verlegte die Tante den Unterricht in den Garten ; die Kinder , meist in den engsten und dumpfesten Straßen der Stadt wohnend , sollten nun auch die Wohlthat genießen , sich in reiner , gesunder Luft auf dem Rasen , unter schattigen Obstbäumen , tummeln zu dürfen . Käthe hatte zu dem Zweck hübsche , tragbare Bänke angeschafft , zugleich aber auch eine Anzahl Bälle und Reifen für die Spiel- und Erholungsstunde , die sich nunmehr an die Unterrichtszeit anschloß . Flora war tieferbittert über diesen Verkehr , der sie , ihrer Meinung nach , in ihren Rechten , ihrer Beziehung zu der Tante beeinträchtigte , aber sie war klug genug , das im Haus am Flusse nicht verlauten zu lassen – man kam ja bei „ der Alten “ stets so schlecht an , wenn man „ das große Mädchen mit der Plebejerröthe auf dem Sommerschen Gesicht nicht für eine wahre Musterkarte aller erdenklichen Tugenden hielt “ . Die schöne Braut kam auch täglich in das Haus ; sie hatte sich weiße , mit Stickerei garnierte Latzschürzchen dutzendweise machen lassen und erschien nie ohne diesen häuslichen Schmuck , der ihr allerliebst stand . Den Vorwurf konnte man ihr nicht machen , daß sie nicht Alles aufgeboten hätte , den Beifall der Tante Diakonus zu erringen . Sie setzte ihr zartes Gesicht der Glut des Küchenfeuers aus , um Pfannkuchen backen zu lernen ; sie ließ sich über das Einmachen der Obstfrüchte und Gemüse , über die Behandlung der Wäsche belehren und nahm wohl auch einmal der Magd das Bügeleisen aus der Hand , um versuchsweise ein Stück Hauswäsche zu plätten , allein so groß auch das Opfer war , das damit gebracht wurde , es vermochte nicht , die alte Frau aus der überaus höflichen , aber doch sehr reservierten Haltung , die sie seit jenem unheilvollen Abend angenommen , herauszulocken – es war , als ob sie genau wisse , daß Flora nach dergleichen Anstrengungen wie zu Tode erschöpft in ihr Ankleidezimmer wankte , dort die Schürze mit einer halbunterdrückten Verwünschung in die Ecke schleuderte , und sich dann zur Erholung meist in den Wagen warf , um die Runde bei den Freundinnen zu machen , deren schwer zu verbergender Neid eine unerschöpfliche Quelle der Genugtuung für sie war . Diese Freundinnen behaupteten einstimmig , die Frau Universitäts-Professorin in spe liege mit ihren bauschenden Falbeln wie ein radschlagender Pfau im Coupé , und ihr Uebermut sei kaum noch zu ertragen . Der jähe Umschwung in Doktor Bruck ’ s Karriere wurde noch immer wie ein Wunder angestaunt . Daß der zuvor kaum noch mitleidig über die Achsel angesehene , so hart verurtheilte und verfehmte junge Arzt plötzlich als fürstlicher Hofrath durch die Straßen der Residenz schritt , konnte Mancher nur schwer begreifen . Der Mann wuchs nun in den Augen des Publikums und der gesammten Hofgesellschaft himmelhoch , und weil er durch seine Uebersiedelung nach L … .. g für die Zukunft unerreichbar wurde , so wollte jeder Leidende womöglich noch von ihm hergestellt sein . So kam es , daß Doktor Bruck auf einmal mit einer kaum zu bewältigenden Praxis förmlich überbürdet war . Sein angefangenes Manuscript blieb unberührt auf dem Schreibtisch liegen ; er schlief in der Stadtwohnung , aß meist eilig im Hotel , das angebotene Kouvert im Hause des Kommerzienrates konsequent ablehnend , und mußte die flüchtige Besuchszeit in der Villa und bei der Tante Diakonus , wie er sich ausdrückte , seinen Patienten abstehlen . Käthe sah ihn nicht oft , und deshalb fiel es ihr um so mehr auf , wie sehr er sich verändert habe – jedenfalls in Folge der Anstrengung , meinte sie . Er sah bleich und ermüdet aus , und sein früher wohl zurückhaltendes , nachdenklich stilles , aber überaus mildes Wesen war einer finsteren Verschlossenheit gewichen . Mit Käthe hatte er seit jenem Moment , wo sie ihn , von Flora ’ s Armen umstrickt , im Flur überrascht hatte , kaum zwei Worte gewechselt , und zwar in so scheuer , schnell abbrechender Weise , daß sie sich nicht verhehlen konnte , er zürne ihr ihres damaligen unwillkommenen Erscheinens wegen . Sie ging ihm deshalb auch verletzt , mit einem Gemisch von Trotz und Verlegenheit aus dem Wege , wo sie nur konnte . In seinem Verhalten zu Flora dagegen war