derartige altmodische Redensarten und Gebärden , die wir als Kind noch an Großeltern , Großtanten und Onkels beobachteten , etwas so Rührendes , weil sie uns die lieben Dahingeschiedenen und manche freundliche Erinnerung der Kindheit zurück ­ rufen . Wer hat nicht in seinen ersten Jahren irgend eine alte Tante oder Großmama bei der Zurückweisung eines dringend angebotenen fünften Schälchens Kaffee die Tasse umstülpen und fein säuberlich den Löffel darüber legen sehen ? Und wenn er die gleiche Zeremonie nach zwanzig , dreißig oder mehr Jahren an irgend einer Frau Landpfarrerin oder Schulmeisterin wahrnimmt , wird nicht solch eine längst begrabene Gestalt plötzlich wieder vor ihm stehen und ihm mit milder Hand das spöttische Lächeln von der Lippe streifen ? — Wer gedenkt nicht aus seiner Kindheit der wohlwollenden Teilnahme , welche Freunde und Verwandte an dem glücklichen Ereignis eines kräftigen Niesens nahmen ? Und wenn ihm ein Vierteljahrhundert später eine gutmütige Landseele bei demselben Ereignis „ Wohlbekomm ’ s “ oder „ Zum Wohlsein “ zu ­ ruft — ist es ihm da nicht , als müsse er , wie einst , sagen : „ Ich danke , liebe Großmama ! “ und wird dann nicht ein ganz leises Heimweh nach der guten alten Großmutter durch seine Seele ziehen ? So war der Eindruck , den die freundliche Frau Schulmeisterin auf die jungen Männer machte und mit gerührten Blicken beobachteten sie ihre wirtliche Zuvorkommenheit und Geschäftigkeit . „ O bitte , geben Sie uns die Ehre , ein paar Bissen zu verkosten “ — ermahnte sie nochmals , in ­ dem sie die rauhen , dicken Servietten von eigenem Ge ­ spinnst auf die Teller legte . Es war den Beiden nach dem ernsten Gespräch mit ihrem unglücklichen Gatten nicht um Essen und Trinken zu tun , aber die Freundlichkeit der un ­ wissenden , heiteren Frau durfte , konnte nicht zurück ­ gewiesen werden , und sie setzten sich , wenn auch schwei ­ gend , an den großen plumpen Tisch . Einen Augen ­ blick war es so still , daß man das Ticken des Holz ­ wurms in der Ofenbank hörte . Da goß der Schulmeister den Wein ein , seine Hand zitterte ein wenig , er mußte gar sehr Acht haben , daß er nichts ver ­ schüttete , weil er nicht recht sehen konnte , wann die Gläser voll waren , — dann aber hob er das seine empor und rief mit fester Stimme : „ Sie sollen leben , meine Herren , und mit Ihnen die edle , deutsche Wis ­ senschaft ! Sie lebe hoch ! “ Da klirrten die Gläser zusammen , aber es schnitt Hilsborn in die Seele , als er in das von schöner Gastfreundlichkeit verklärte Antlitz seines Wirtes sah , dem diese Wissenschaft , die er hoch leben ließ , noch vor wenig Minuten zur grausamen Prophetin eines trostlosen Alters geworden . Auch Johannes senkte den Blick wehmütig auf das Glas nieder , mit dem er angestoßen hatte , und der Tropfen , den er daraus trank , schmeckte ihm bitter . „ Komm her , Alte — stoße mit mir an “ , sagte der Schullehrer zu seiner Ehehälfte . „ Trink , laß Dir ’ s schmecken ! — Das Weinchen ist eine kleine , stille Passion meiner lieben Frau “ — erklärte er , „ aber wir trinken es nur , wenn wir so werte Gäste haben , wie Sie , meine Herren ! “ „ Und warum nur dann ? “ fragte Hilsborn . „ Weil er uns besser schmeckt , wenn wir auch Andere sich daran erquicken sehen “ , war die einfache lächelnde Antwort . „ Sie sollten es sich selbst mehr gönnen “ — meinte Johannes , „ dieser alte , edle Wein ist Ihnen gut , er gibt Ihnen Stärkung . “ Der Greis blickte trübe auf die wenigen Tropfen , die er sich eingegossen hatte und die noch unberührt dastanden . „ Sie vergessen wohl , daß ich meiner Augen wegen schon lange keinen Wein mehr trinken dürfte , wenn ich auch wollte . “ „ Der arme Mann “ , klagte die Schulmeisterin und streichelte seine hagere Wange . „ Er muß sich so Vieles versagen . “ Johannes und Hilsborn wechselten Blicke , dann sagte der Letztere : „ Ich hebe das Verbot auf , Herr Leonhardt . Gönnen Sie sich von nun an immerhin ein gutes Schlückchen . Es kann Ihren Augen nicht mehr so viel schaden , als es Ihnen im Allgemeinen nützen wird ! “ „ Gott sei Dank “ , rief die Frau erfreut — „ das ist ein Beweis , wie viel besser es Dir jetzt geht . “ „ Oder wie viel schlechter “ — sagte Leonhardt lateinisch zu Hilsborn und sah ihn ernst an , dann wandte er sich aber gleich wieder freundlich seiner Gattin zu und leerte langsam und bedächtig sein Glas , indem er ihr zuflüsterte : „ Unser Walter soll leben ! “ Die alte Frau nickte vergnügt . „ Der gute Junge , wenn er nur erst Doktor wäre ! “ Leonhardt faltete mit einem tiefen Seufzer die Hände : „ das ist Alles , um was ich Gott bitte ! “ „ Sprechen Sie von Ihrem Sohn ? “ riefen die Herren , — „ da wollen auch wir mit anstoßen : Er lebe zur Freude und Stütze Ihres Alters . “ „ Er ist ein talentvoller junger Mensch “ , fügte Johannes hinzu . „ Seine Preisarbeit hatte nach der des Fräuleins von Hartwich die meisten Stimmen . “ „ Wirklich ? “ sagte der Schulmeister . „ Das freut mich . Ach — das Fräulein ist glücklich . Sie hat Alles , um die nötigen Studien zu machen : Bücher und Apparate . Wohl nie ist eine Bibliothek und ein Laboratorium von solchem Werte in den Händen einer Privatperson gewesen . “ Johannes horchte hoch auf : „ Wirklich ? Woher wissen Sie