des Herrn Carovius Ereignisse ab , die er nicht außer acht lassen durfte . Seit jenem Tag , wo ihm Lenore das Kettchen seines Zwickers vom Mantelknopf losgenestelt hatte , war ihm das Bild des jungen Mädchens unverwischbar eingeprägt . Noch jetzt sah er die Wölbung ihres jungen Busens vor sich , als sie den Arm aufgehoben hatte . Anderthalb Jahre nach diesem Vorfall war es gewesen , daß er unter den Papieren Eberhards von Auffenberg einen an Lenore Jordan gerichteten , nicht abgeschickten und nicht beendeten Brief gefunden hatte . Eberhard war wegen der Verhandlungen über ein neues Darlehen nach Nürnberg gekommen , er hatte sein Hotelzimmer verlassen und Herr Carovius hatte lange auf ihn warten müssen . Diese Wartezeit hatte er benützt , um die unverschlossenen Schriftstücke des nicht sehr sorgsamen Freiherrn zu durchstöbern . Da hatte er den Brief entdeckt . Welche Worte ! welche Leidenschaft ! Nie und nimmer hätte Herr Carovius dem pedantischen Griesgram solche Gefühlsmacht zugetraut . Ihm war , als habe sich ihm Eberhards verborgenste Herzenskammer aufgetan . Er war erbebt in der Wollust , die ihm das enthüllte Mysterium dieser Seele bereitete . Sie sind auch Menschen , die da oben , triumphierte er , sie werfen sich weg , sie fallen auf eine glatte Fratze herein , sie verlieren ihre Haltung beim Rascheln eines Unterrocks . Was aber den Freiherrn anging , das ging auch Herrn Carovius an . Eine Leidenschaft , die den Freiherrn erfüllte , mußte von Herrn Carovius bewacht , verstanden und am Ende auch geteilt werden . Die Einsamkeit hatte Herrn Carovius allmählich aus dem Gleichgewicht gebracht . Verdrängte Triebe überwucherten seinen Geist . Die abenteuerlichen Geschäfte , in die er sich gestürzt , um sich der Gewalt über Eberhard zu versichern , hatten ihn nahezu ruiniert ; das Netz , das er für den hilflos flatternden Vogel geflochten , hielt ihn selber umstrickt . Die Welt war ihm wie eine Haut voll Wunden , an denen sich seine neronischen Begierden stärkten ; doch sie war ihm auch wie ein Teppich mit bunten Bildern , die lebendig und wirklich zu machen er die Zauberformel noch nicht gefunden hatte . Bei den Andeutungen des Apothekers richteten sich alle seine Stacheln auf . In ihm verjährte kein Gefühl , in ihm verlosch kein Gelüst . Als er sich zu Hause zu einem Mittagsschläfchen aufs Sofa legte , tänzelte die Gestalt Lenores in reizender Verkleinerung vor seinen Augen herum . Als er am Klavier saß und Etüden spielte , stand Daniel Nothafft daneben und rügte hochmütig seinen Fingersatz . Als er am Abend aus dem Tor trat , war auf allen Ladenschildern der Namen Nothafft zu lesen , und jedes Frauenzimmer hatte Lenores Züge . Es schien ihm auf einmal , als ob Lenore Jordan sein Eigentum sei , als ob er ein Anrecht auf sie habe . Sein Leben dünkte ihn in bemitleidenswerter Weise entbehrungsvoll . Andere hatten alles und er hatte nichts . Andere verübten Verbrechen , und sein Los war es , die Verbrechen zu notieren . Man wurde nicht satt und nicht reich davon , wenn man die Verbrechen der andern notierte . Um Mitternacht stellte er sich im Schlafrock vor den Spiegel und bis zum Morgengrauen las er in einem Roman , in dem ein Herr von fünfzig Jahren bei einer jungen Dame ein verschwiegenes Liebesglück findet . Dabei war er sich fortwährend bewußt , daß etwas vorging . Draußen in der Welt , in einem gewissen Haus am Egydienplatz ging etwas vor . Er sah Zusammenkünfte auf finstern Stiegen , Verständigungen durch Händedrücke und ehebrecherische Signale . So machten sie es ja , so hatten Benda und Margaret es gemacht . Alter Haß wurde neu . Er trug seinen Haß in die Musik , aber auch seine Hoffnung . Die Musik sollte ihm eine Brücke schlagen zu Daniel und Lenore ; er wollte ihnen seine Einsicht schenken , seine Kniffe , seine Erfahrungen , nur um dabei zu sein , wenn sie das Schauerliche begingen ; nur um nicht hinter der Wand stehen zu müssen , von wesenloser Eifersucht gequält , um mitleben zu können , das Auge zu füllen , die Hand auszustrecken , die leere , die altwerdende Hand . Ich bin , sagte er sich , vom selben Fleisch und Blut wie jener ; auch in mir ist Wolfgang Amadeus Mozart . Wohl habe ich die Weiber verachtet , sagte er sich , denn verächtlich sind sie . Tritt mir aber eine in den Weg , die zu was Besserm taugt , als die Zahl der ohnedies schon wimmelnden Idioten um zwei oder drei zu vermehren , so will ich Buße tun und ihr Ritter sein . Er schlief nicht mehr und aß nicht mehr und wußte nichts Vernünftiges mit sich anzufangen . In einer verspäteten Wut des Geschlechts , einer zweiten Pubertät , erhitzte sich seine Phantasie an einem Bildnis , das er mit allen Vollkommenheiten des Leibes und der Seele schmückte . Da hörte er , daß ein Werk Daniels im Hause der Freiin von Auffenberg vor geladenen Gästen aufgeführt werden sollte . Er telegraphierte an Eberhard und verlangte , dieser möge ihm zu einer Einladung verhelfen . Die Antwort lautete abschlägig . In seiner Wut hätte er den Postboten beinahe mißhandelt . Sodann schrieb er an Daniel , und indem er auf seine Teilnahme für dessen Schaffen pochte , bat er , unter den Zuhörern sein zu dürfen . Er bekam nun ein gedrucktes Kärtchen , worin die Freifrau die Hoffnung äußerte , ihn an einem bezeichneten Tag bei sich begrüßen zu können . Er war im siebenten Himmel . Er beschloß , Daniel einen Besuch abzustatten und ihm zu danken . 3 Man müßte fort , man müßte weit weg von hier , dachte Lenore an jenem Abend , der anders gewesen war als alle andern Abende ihres Lebens . Während sie sich kämmte , war es ihr , als müsse sie ihr Haar vom Kopf scheren