Schriftstücken , ehe er fortfuhr : » hat ergeben , daß der in Frage kommende Karl Zottmann vor seinem Tode anläßlich einer heimlichen Zusammenkunft mit der unverehelichten ehemaligen Prostituierten Rosina Metzeles , die damaliger Zeit den Spitznamen die rote Rosina führte , dann später von einem taubstummen , nunmehr unter polizeilicher Aufsicht stehenden Silhubettenschneider namens Jaromir Kwáßnitschka aus dem Weinsalon Kautsky losgekauft wurde und seit einigen Monaten mit Seiner Durchlaucht dem Fürsten Ferri Athenstädt im gemeinsamen , wilden Konkubinate als Maiteresse lebt , von hinterlistiger Hand in ein unterirdisches , aufgelassenes Kellergewölbe des Hauses Nummer conscriptionis 21873 , gebrochen durch römisch III , der Hahnpaßgasse , laufende Numero sieben , gelockt , dortselbst eingeschlossen und sich selbst , beziehungsweise dem Tode durch Verhungern oder Erfrieren überlassen wurde . - - Der obenerwähnte Zottmann nämlich « , erklärte der Schreiber mit einem Blick über die Brille hinweg und blätterte ein paarmal um . » Die Untersuchung hat weiters ergeben , daß der obenerwähnte Karl Zottmann allem Anscheine nach - nach eingetretenem Ableben - seiner sämtlichen bei ihm getragenen Habseligkeiten , insbesondere seiner sub faszikel römisch P gebrochen durch Bäh beigeschlossenen doppelmanteligen Taschenuhr « - der Schreiber hob die Uhr an der Kette in die Höhe - » beraubt wurde . Der eidesstattlichen Aussage des Silhubettenschnitzers Jaromir Kwáßnitschka , verwaisten Sohnes des vor 17 Jahren verstorbenen Hostienbäckers gleichen Namens : die Uhr im Bette seines inzwischen flüchtig gegangenen Bruders Loisa gefunden und an den Altwarenhändler und mehrfachen , inzwischen aus dem Leben geschiedenen Realitätenbesitzer Aaron Wassertrum gegen Inempfangnahme von Geldeswert veräußert zu haben , konnte mangels Glaubwürdigkeit kein Gewicht beigelegt werden . Die Untersuchung hat weiters ergeben , daß die Leiche des erwähnten Karl Zottmann in der rückwärtigen Hosentasche zur Zeit ihrer Auffindung ein Notizbuch bei sich trug , in der sie vermutlich bereits einige Tage vor erfolgtem Ableben mehrere den Tatbestand erhellende und die Ergreifung des Täters durch die k.k. Behörden erleichternde Eintragungen vorgenommen hatte . Das Augenmerk einer hohen k. und k. Staatsanwaltschaft wurde demzufolge auf den nunmehr durch die Zottmannschen letztwilligen Notizen dringend verdächtig gewordenen Loisa Kwáßnitschka , zurzeit flüchtig , gelenkt und unter einem verfügt , die Untersuchungshaft gegen Athanasius Pernath , Gemmenschneider , dermalen noch unbescholten , aufzuheben , und das Verfahren gegen ihn einzustellen . Prag im Juli gezeichnet Dr. Freiherr von Leisetreter . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Der Boden schwankte unter meinen Füßen , und ich verlor eine Minute das Bewußtsein . Als ich erwachte , saß ich auf einem Stuhl , und der Gefangenwärter klopfte mir freundlich auf die Schulter . Der Schreiber war vollkommen ruhig geblieben , schnupfte , schneuzte sich und sagte zu mir : » Die Verlesung der Verfügung hat sich bis heute hinausgezogen , weil Ihr Name mit einem Päh beginnt und naturgemäß im Alphabet erst gegen Schluß vorkommen kann . « - Dann las er weiter : » Überdies ist der Athanasius Pernath , Gemmenschneider , in Kenntnis zu setzen , daß ihm laut testamentarischer Verfügung des im Mai mit Tod abgegangenen stud . med . Innocenz Charousek ein Drittel von dessen gesamter Verlassenschaft ins Erbe zugefallen ist , und ist er zur Unterfertigung des Protokolles hiermit anzuhalten . « Der Schreiber hatte bei dem letzten Wort die Feder eingetunkt und fing an zu schmieren . Ich erwartete gewohnheitsmäßig , daß er meckern würde , aber er meckerte nicht . » Innocenz Charousek « , murmelte ich ihm wie geistesabwesend nach . Der Gefangenwärter beugte sich über mich und flüsterte mir ins Ohr : » Kurz vor seinem Tode war er bei mir , der Herr Dr. Charousek , und hat sich nach Ihnen erkundigt . Er läßt Sie viel-vielmals grüßen , hat er g ' sagt . Ich hab ' s natürlich damals nicht ausrichten dürfen . Es ist streng verboten . Ein schreckliches Ende hat er übrigens genommen , der Herr Dr. Charousek . Er hat sich selbst entleibt . Man hat ihn tot auf dem Grabhügel des Aaron Wassertrum , auf der Brust liegend , gefunden . - Er hat zwei tiefe Löcher in die Erde gegraben gehabt , sich die Pulsadern aufgeschnitten und dann die Arme in die Löcher gesteckt . So ist er verblutet . Er ist wahrscheinlich wahnsinnig gewesen , der Herr Dr. Char - - - « Der Schreiber schob geräuschvoll seinen Stuhl zurück und reichte mir die Feder zum Unterschreiben . Dann richtete er sich stolz auf und sagte genau im Tonfall seines freiherrlichen Vorgesetzten : » Gefangenwärter , führen Sie den Mann hinaus . « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Wie vor langer , langer Zeit hatte wiederum der Mann mit Säbel und Unterhosen im Torzimmer seine Kaffeemühle vom Schoß genommen ; nur daß er mich diesmal nicht untersuchte und mir meine Edelsteine , das Portemonnaie mit den zehn Gulden darin , meinen Mantel und alles übrige zurückgab . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Dann stand ich auf der Straße . » Mirjam ! Mirjam ! Jetzt endlich naht das Widersehen ! « - Ich unterdrückte einen Schrei wildesten Entzückens . Es mußte Mitternacht sein . Der Vollmond schwebte glanzlos wie ein fahler Messingteller hinter Dunstschleiern . Das Pflaster war mit einer zähen Schicht von Schmutz bedeckt . Ich wankte auf eine Droschke zu , die im Nebel aussah wie ein zusammengebrochenes vorsintflutliches Ungeheuer . Meine Beine versagten fast den Dienst ;