sich aufs neue zum Junker Jaroslaus umwandelte . Mit erhobenen Leuchtern drangen wir alsodann in den Gang . Nach etlichen Stufen führte er eben und in gerader Linie dahin . Kaum den fünften Teil einer Stunde können wir gegangen sein , doch endlos schien diese Zeit . Auf einmal ging es bergab , und gleich darauf trat mein Fuß ins Nasse . Hinleuchtend sah ich eine Tür , halb unter Wasser . Schritt durch das Wasser zur Tür und fand , daß ein von innen vorgelegter Eisenstab sich wegnehmen ließ . Indem ward die Tür durch den Druck des äußeren Wassers aufgetan , draußen rauschte die Elbe . Es war Nacht , doch von Glutschein war der Strom und das jenseitige Ufer beleuchtet . Hoffnung im Herzen wandte ich mich um : » Liebste Frau , nun stehet uns doch noch ein Ausweg offen . Flach ist die Elbe , ich kann schwimmen , Gott wolle , daß ich dich rette . « Und wir traten Hand in Hand durch die Pforte ins Strombett hinaus , wobei uns das Wasser bis zu den Hüften ging . Eine einzige Glut der Himmel , draus regneten Funken wie Schneegestöber hernieder . Zur Rechten kam ein brennend Fahrzeug dahergeschwommen , eine jener Schiffmühlen , so schon zu meiner Kindheit zwischen Magdeburg und Buckau auf der Elbe lagen . Von herabgefallenen Feuerbrocken entzündet , hatte sich die Mühle von ihrem Anker gelöst und trieb nun den Strom hinunter . Da sie uns ganz nahe kam und der Wind ihre Brunst von uns wegblies , wateten wir hin und banden uns an einer vom Feuer verschonten Stelle mit unseren Gürteln derart fest , daß uns das Fahrzeug hinter sich her durch das Wasser schleifte , aus dem wir nur mit den Köpfen ragten . So schwammen wir an der brennenden Stadt vorüber . Wie eine Sünderin im höllischen Feuer , von den Qualen seltsam verwandelt , starrete meine Vaterstadt angstvoll mich an . Die Fenster ausgebrannter Gemäuer deuchten mich Augenhöhlen , deren Augäpfel durch Blendung vernichtet waren . Die Balken und Dachsparren glichen verkohlenden Gerippen , die züngelnden Flammen aber Dämonen , so hohnlachend die höllische Qual bereiten . Und noch immer wuchs das Elend . Neue Opfer gingen in Flammen auf , Rauchwolken quollen dick und dicker ; wie Springbrunnen , wie Strahlengarben schossen Funken gen Himmel ; und ähnlich dem Flintenknattern einer Schlacht prasselten die brennenden Hölzer . Von den ungezählten Fackeln rot bestrahlt , doch unbeschädigt stund der Dom zu Sankt Mauritz , als fühle er sich erhaben über diese Vergänglichkeit . Andere Kirchtürme freilich brannten wie Fackeln . Von den zween Türmen der Johanniskirche , aus der wir entronnen , war nur ein rauchender Stumpf übrig . Ich drehte meinen Kopf zu meiner Frau . Ihr Auge stund voller Tränen , ihr Kinn bebete . Ich drückte ihr ermutigend die Hand . Und weiter schwamm mit uns die feurige Mühle . Am Fischerufer liefen rotbeleuchtete Menschen , Plünderer und ihre Opfer . Schüsse krachten , Johlen mischte sich mit Jammergeschrei , Leichen sahen wir in unserer Nähe schwimmen , ein Weib , im Arm ein schreiend Kindlein , stürzte sich von einer Mauer ins Wasser . Auch Kähne mit Soldaten kamen geschwommen , eine Kugel pfiff dicht an uns vorbei ; doch beschirmend hielt der Herr anoch seine Hand über uns . Freilich nur , um uns für die schwerste Prüfung aufzusparen , wie sich allzubald herausstellte . Fahl brach der Morgen herein , als die Mühle , bis zum Wasserspiegel niedergebrannt , zwischen Weidenbüschen an einem Ufervorsprunge landete ; es war hinter dem Dorfe Rotensee , dessen Kirchturm sich zeigte . Wir machten uns von der Mühle los und gingen an Land . Unsere Glieder waren lahm vor Kälte und bebeten . Als wir dorthin zurückschauten , wo einst eine Stadt gestanden , sahen wir nur eine ungeheure rote Qualmwolke . Im Strome aber hinter dem Ufervorsprung war ein Strudel , darin wurden etliche Leichen umhergetrieben , so daß bald ein bleiches Haupt , bald ein starrer Arm oder ein Fuß aus dem Wasser ragte . Mit Grauen dachte ich an die Spukhistoria , so ich gestern vernommen , wie man die vielen Leichen aus dem Gespensterwagen ins Wasser geworfen , und wie dies Gesicht nun wahr geworden . Indem vernahmen wir eine hohle Stimme , langgezogene Predigerworte , und von der aschgrauen Morgendämmerung abgehoben , sahen wir einen Mann , in schwarzem Talar , die Arme gen Magdeburg gereckt . Und wie närrisch geworden , predigte er im Klageton für sich hin : » Eli , Eli , lamah asabtani ! O wehe , Zion , du große schöne Stadt ! Wie arg bist du verwüstet ! War nicht dein Antlitz licht wie Schnee und rötlich wie Korallen ? Warst du nicht bekleidet mit Seiden und Purpur und übergoldet mit den Schätzen deiner Kaufleute und Schiffsherren ? Wehe , nun ist dir abgefallen die Krone vom Haupte , schwarz starrt dein Angesicht von Ruß und Rauch , dürr wie Baumrinde hängt die Haut um dein Gebein . Denn der Herr hat dich voll Jammers gemacht am Tage seines Grimms , hat Feuer herniederfallen lassen wie auf Sodom und dich zertrümmert als ein tönern Gefäß . Nun mordet das Schwert in deinen öden Gassen , und durch die Trümmer schleichen Hunger und Pestilenz . Wer aber entronnen ist , muß irren und bange girren wie die vom Schwarm verlorene Taube .... « Und der Prediger verhüllete sein Angesicht mit den langen Ärmeln seines Gewandes und schluchzte . Dann erhub er die Stimme von neuem : » Venit summa dies et ineluctabile tempus ... o mein Magdeburg , vorbei , alles vorbei ... Fuimus Troes , fuit Ilium et ingens gloria Parthenopae ... vorbei , vorbei , du arme Magd ! Da liegest du nun ohnmächtig in Asche . Übermannet hat dich der geile Jesuiter , bevor dein Tröster und Bräutigam hat kommen können . Und sie haben dich vom Throne