Aber sie redete jetzt , wo ihre Kräfte mehr und mehr abnahmen , zu ihm nichts Sonderliches . Und ihre Kräfte nahmen wirklich sehr ab . Rapide sogar nach den Aprilwettern . » O ! Einhart ! Einhart ! Einhart ! « rief sie einmal plötzlich klagend und starrte vor sich hin , mit einem Blick , der kaum zu erwecken war . » Was ist dir , Geliebte ? « hatte Einhart ihr zuspringend gerufen , den der Klang tief erschrocken hatte . Aber Einhart kannte jetzt das Geheimnis . Denn alle Dinge sind in dem Schauenden , wenn ihm ihre Seele auch nur einen Hauch gab . Aus solchem Hauche wachsen sie auf in ihm zu klarem , vollem Bilde und Leben . Er sah jetzt alles , wie es immer zwischen Johanna und Poncet gewesen war . - Eines Tages stand Einhart , Johanna beobachtend , stumm am Bette , wo auch Poncet saß . Der Puls Johannas war schwach und klein . Johanna hatte garnichts mehr gesagt . Den ganzen Tag war sie zu schwach gewesen . Nur als Poncet ins Zimmer gekommen , hatte sich Johannas Auge ein wenig aufgetan und dann lange nach ihm hingewandt . Der Husten hatte sie noch geplagt , aber verhältnismäßig gering gegen sonst . Und sie schien danach eine Weile auch wieder ganz ruhig und wie im Traume Zärtliches mit einer murmelnden Lippenbewegung auszudrücken . Dann hatte sie mit großen Augen plötzlich aufgeblickt . Da , wie Einhart so in die bleiche , ersterbende , aufstarrende Johanna hineinsah , erhob sie sich immer höher und mit dem weit aufgetanen Auge , wie wenn eine Nachtwandlerin aufstünde , allein dem Monde noch zugewandt und ganz dahin gerichtet , woher ihre Seele jetzt noch Licht gesehen . - Und jetzt tastete sie mit zitternder Inbrunst nach Poncet , seinen Namen mit letzter Seele flüsternd , suchte und suchte sich an ihn zu drängen , seine Lippen heiß und verzehrt zu erreichen und mit dem letzten Atem der Sterbenden sanft anzurühren . - Dann lag Johanna zurückgesunken , nur noch ein Hauch , nachdem sie darnach einen langen , tiefen Atemzug getan , der nicht zu enden schien . Sie hustete nicht mehr . Alle Unruhe und Krankheit schien von ihr genommen . Die Augen abgewandt , doch leicht aufgetan . Nach niemand hatte sie mehr gerufen . Nichts mehr begehrt . Man hatte ihr die trockenen Lippen ein paarmal mit Wein genetzt . Die Hände lagen still wie Blumen . Nach niemandem mehr hatte sie sie ausgestreckt . Poncet und Einhart , die beide wie erstorben aussahen und fröstelten , merkten bald , daß sie vor einer Toten standen . Johanna hatte Leid erfahren , Sünde gelebt und Glück . Die Tote begann lächelnd auszusehen und wie frei schwebend . Einhart bebte . Poncet staunte in die Augen , die noch immer offen standen und doch jetzt leer schienen . » Drücke ihr die Lider zu ! « sagte Einhart bestimmt , aber verhalten . » Nach dir hatte ihre Seele immer verlangt . « Die Freunde umarmten sich und standen dann noch lange stumm versunken vor Johannas Totenbett . Fünftes Buch 1 Es ist lange her . Die Zeit steht nicht still , und der die weichen Flügelschläge ihres Wehens nicht achtet , auch nicht . Und es gibt tief im Menschen Einsamkeiten , wie ferne Öden , darin der Mensch ziellos umirrt . Und die draußen sehen ihn , und nennen ihn doch noch immer mit demselben Namen . Es gibt tief in ihm eine Welt der Trauer , wie in Schemengewändern gehen darin Rätsel um , ewig ist der Blick gebannt in dem Kommen und Verwehen derselben Düsterwesen , und nach außen blicken noch immer dieselben Augen mit einem Lächeln voll Güte und Einfalt , das wie bekannt deucht , und doch nur wie eine Maske eine ganze Welt Verwüstung und Trümmer verhüllt , wo kein goldenes Götterbild ragt , die Säulen zerborsten , die Tempelstufen umwuchert sind , und das Dach von Geiern umkreischt und den Stürmen aus den Tiefen der Sehnsucht offen . Auch in Einhart war es so , daß die Geschehnisse und Dinge der weiten Erde lange nicht den schrillen Laut eigener , einsamer Stille , das Wehen und Jagen der Rätselgesichte , übertönen konnten . Daheim war Einhart trotz allem immer ein süßes Wort . Auch daheim war jetzt verhallt , wie eine Saite , die gesprungen . Herr Geheimrat Selle war nicht mehr . Die Schwestern hatten geschrieben . Aber ehe Einhart herzukommen konnte , war es mit dem letzten Atemhauche des Herrn Selle am Ende gewesen . Nun hatte Einhart nur erst unter einigen Verwandten gestanden , die ihn ganz fremd dünkten : Männer der Praxis , einer ein Richter und einer ein Fabrikant , und einer ein Arzt , und einer ein Geistlicher . Und wie wunderlich ! alle auch untereinander fremd . Keiner dem andern als nur mit feinem Wort und gewohnter Höflichkeit eine flüchtige Minute durch Blick und Geberde verbunden . Nur die Frauen dieser Männer erkannte Einhart wieder . Sie waren alle Mütter geworden . Die Männer alle sahen Einhart mit Bevorzugung an . Auch Rosa , die außermaßen sanft war , rund und behaglich schien , streichelte Einhart . Alle waren für sich und doch auch angesichts der Trauer liebevoll und mit leisen Tönen . Einhart war in einer sonderlichen Entartung aller Gewohnheit . Der Kreis Männer und Frauen in dem Trauerhause , darin auch seine Jugendgefühle einst umgegangen , erschütterte sein Lebensgefühl , wie selten etwas . Einhart konnte so scheinen , als wenn unter all den trauergeschäftigen Menschen , Müttern und Vätern und den Kleinen , die längst jetzt unter ihnen heranwuchsen , und die alle in Dunkelkleidern herumstanden und huschten , er allein ragte , wie ein dunkler , stummer Schmerz , der aus fremden Augen lächelte . Gar nicht anders war Einhart . So erlesen und schlank und gehalten . Und wenn