» Ich habe dir eigentlich schreiben wollen , aber ich meinte , es läßt sich besser mündlich sagen . Ich habe einen Entschluß gefaßt , der für mein Leben entscheidend ist , und du mußt das Vertrauen zu mir haben , daß ich ihn gut überlegt habe . « Wenn er so anfing , was würde die Mutter tun ? Wahrscheinlich erschrecken über den feierlichen Ton und schon nach den ersten Worten den Kopf verlieren und nichts von dem verstehen , was später käme . Oder wenn er ihre Hand in der seinigen hielt und sagte : » Gelt , Mutter , ich war dir alleweil ein folgsamer Sohn , und du weißt , daß ich dir dankbar bin , und daran mußt du denken , wenn ich dir etwas gestehe . « Dann würde sie hastig sagen : Ja , ja , und um Gottes willen , ist dir was geschehen ? Und aus allen Worten und Beweisen würde sie nur das eine heraus hören , daß ihre geträumte Welt der Herrlichkeiten versinke . » Aber , wenn nur der Anfang gemacht war ! « dachte Sylvester . Ihre Vorwürfe wollte er gerne hinnehmen , und er würde sie überzeugen , daß sein Glück nicht ihr Unglück machen könne . So ging er in Gedanken verloren über den Nußbacher Marktplatz zum Sternbräu . Er bat den Hausknecht , daß er ihm den Koffer an der Bahn abhole und mit einer Gelegenheit nach Erlbach schicke . » Is scho recht , « sagte der Martin . » Woll ' n Sie net nausfahren ? Der Haberlschneider is herin ; der hätt ' g ' wiß an Platz . « » Dank ' schön ; ich geh ' lieber bei dem Wetter . « Sylvester lüftete den Hut und schritt in den schönen Tag hinein . Er sah nicht rechts und nicht links und nicht auf die Stelle , wo Jakobos Prantl stand . Der sah ihm mit finsterer Miene nach . » Aha ! Grüßt mich auch nimmer ! « sagte er . » No , von mir aus ! « Und doch tat es ihm leid , daß dieser Jüngling achtlos an ihm vorüberging . Denn er hatte eine freundschaftliche Neigung zu ihm gefaßt . Vor Jahren , als der Gymnasiast Mang in seine Werkstätte kam und sich das Maß zu einem Paar Stiefel nehmen ließ . Damals hatte er zum Erstaunen des Lehrlings lateinische Worte mit ihm gewechselt . Er fragte ihn nach der altitudo , wie hoch er die Schäfte haben wolle , und nach der latitudo , wie breit die Absätze sein sollten . Als er merkte , daß der junge Mensch über so viel Gelehrsamkeit staunte , sagte er : » Ego eram discipulus . « Auch ich war ein Schüler . Und er zeigte ihm die erste Seite des Maßbuches , worauf mit griechischen Buchstaben geschrieben stand : Iakobos Prantl , sxoyster . Wenn es schön ist , in den Augen eines andern zu lesen : » Du bist verkannt und gehörst an einen besseren Platz , « so genoß damals Prantl diese bittersüße Freude , und er hielt sie fest bis zum Schlusse . Bis Sylvester mit einer höflichen Verbeugung die Tür öffnete und er ihm nachrief : » Vale , amice ! « Leben Sie wohl , mein Freund ! Seit jenem Tage blieb Prantl dem Erlbacher Gymnasiasten ein wohlgeneigter Gönner . Wenn dieser in die Ferien ging oder aus den Ferien kam , führte ihn sein Weg durch Nußbach , und da niemand durch Nußbach gelangte , ohne dem gelehrten Schuhmacher zu begegnen , so hatte Prantl oft Gelegenheit , Sylvester nach dem Stande der Wissenschaft zu fragen . Und jetzt ging dieser junge Mensch ohne Gruß vorbei und tat , als hätte er sich niemals treffliche Ratschläge von ihm erholt . Natürlich , weil er Geistlicher wurde und den Haß teilte , mit dem alle Kleriker den Nußbacher Volksmann heimsuchten . » Aber mir is wurscht , « sagte Prantl . Er steckte die Hände in die Hosentaschen und schaute über den Marktplatz . Aus dem Amtsgerichte kamen Leute ; etliche Burschen , die sich lärmend unterhielten . Einer sagte : » Dem Weibsbild hon i ' s hing ' sagt . De hat g ' schaugt ! De hat g ' moant , es braucht nix , wia klag ' n. « Es war der Hierangl Xaver mit seinen Freunden . Prantl achtete nicht auf ihn ; er sah einen Bekannten , den Haberlschneider von Erlbach . Der kam auch aus dem Amtsgerichte , und neben ihm ging ein junges Frauenzimmer . Prantl grüßte . » Du , hast net Zeit ? I hab ' was z ' reden mit dir . « Der Haberlschneider sagte zu dem Mädel : » Gehst zu ' n Sternbräu eini , Urschula ; i kimm glei nach . « Und dann fragte er den Schuster . » Was willst ? « » Was is denn mit eurer Markgenossenschaft ? Hamm sie neue Leut ' eing ' schrieben ? « » Net , daß i woaß . Jetzt is koa Zeit für so was . Hat a jeder z ' viel Arbet . « » Ja no , i hab ' aa Arbet ! Und da Schuller ? Is er no net dabei ? « » Na , mit dem is jetzt nix z ' macha . « » Er is do von de Bündler zum Bürgermoasta g ' wählt wor ' n ! « » Dös is er nimmer . Du woaßt , was da geb ' n hat . « » Warum hat er die Sach ' net der Presse übergeben ? « » So was hängt koana an de groß ' Glocken . « » Das is eben . Überhaupts is die Stimmung zu lau . Hast mein ' Artikel g ' lesen ? « » Welchan ? « » Über die politische Gleichgültigkeit des Bauernstandes . Daß darin die