' es Chaib ist besoffen ! hehheh ! Usse ! Usse ! Usse ! « Josefine tastete nach der Tür , die Kerze war verbrannt , sie fand sich nicht zurecht - Nebenan winselte die Frauenstimme : » Laß mi doch schlafen ! ' s ischt kalt ! kein Obdach bei der Nacht , o bitt di , noch e halbe Stund ! « Und dann wieder : » Schieb ! Usse ! I will denn emal schlafen , du - « Die Schimpfwörter schienen einander zu ersticken , so dicht folgten sie sich ... Josefine hatte endlich den Türdrücker gefunden , schaudernd zögerte sie noch , dann riß sie die Tür auf ... Ihr gegenüber , in der offenen Tür , stand - Hermann - im Hemd - barfüßig , die Kerze in seiner Hand beleuchtete hell sein blasses , stumpfes Gesicht mit der nassen , hängenden Unterlippe ... Über die knackenden Treppenstufen verlor sich das Gewinsel in der Tiefe des stummen , dunklen Hauses . Er wischte sich den Mund mit dem Handrücken und lallte noch : » Chaib ! Saumensch ! Verfluchtes . « Die Mutter wich zurück , sah und wollte nicht sehen , hörte und glaubte nicht ... Gespensterfurcht lähmte ihr die Hände , die Zunge . Aber als er sich umdrehte , in die Tür zurücktreten wollte , stürzte sie sich plötzlich vor und schrie in der Raserei ihres Schmerzes : » Selber verflucht , schamloser Hund ! « Er zuckte wie getroffen , ließ den Leuchter klirrend fallen , warf seine Tür zu , verriegelte . Sie rüttelte , sie drohte , er gab keine Antwort , er machte nicht auf . Nun stellt er sich tot , dachte sie , der Feigling ! Eben noch hatte er den Mut der Brutalität ! Grausam , feig , gemein - ein schädlicher Wurm ! Und das ist mein Geschenk an die Menschheit ! Sie trug einen Stuhl heraus vor seine Tür und saß dort . Er soll mir nicht entkommen , dachte sie . Hätte ich eine Waffe gehabt , ich hätte ihn niedergeschossen . Und warum auch nicht ? Das ist mein Geschenk an die Menschheit ! Nun schlief sie nicht wieder ein , nun saß sie mit groß offenen Augen und wartete auf den Tag . Er wird nicht so bald aufwachen , aber ich lasse den Schlosser kommen , er soll mir Rede stehen . Ich werde nicht mehr schimpfen - ich habe geschimpft wie er , ich habe mich gemein gemacht . Hätte ich einen Revolver gehabt , ich hätte ihn erschossen ! Er spie auf sein Spielzeug , als er ein kleiner Bub war . Spie darauf und zertrat es , wenn es ihm genug gedient hatte . Dies ist mein Geschenk an die Menschheit ! Es ist gut , daß ich keine Waffe habe . Ich muß noch leben für Rösli . Ich hatte Pläne - große Pläne - Entwürfe - Hoffnungen - ich wollte etwas Gutes hinterlassen , etwas Nützliches - dem Leben dienen - Ihre Gedanken verwirrten sich , kreisten wild umeinander , kehrten mit tötender Schärfe zu dem einen Punkt zurück : Was ist alles , das ich bestenfalls tun könnte gegen dieses Geschenk an die Menschheit ! Hier ist das Wirkliche , das Schreckliche , Unentrinnbare ! das Unaufwägbare ! Als sie Schritte auf der Treppe unten hörte , ging ein Dröhnen durch ihren Kopf : Sie werden heraufkommen , werden mich hier sehen , sie , die alles wissen , unsere ganze Schande . Mit tiefgebeugtem Nacken , des Schlages gewärtig , saß sie eine ganze lange Zeit . Aber die Tritte verhallten wieder , und unsäglich traurig schien der halb verzehrte Mond über die schmutzigen , leeren , sich heraufwindenden Stufen . Ach , daß es nicht wahr wäre , dieses Letzte , Abscheulichste ! Daß ihr Sohn jetzt da heraufkäme mit dem elastischen Schritt seiner zwanzig Jahre , über diese leeren Stufen heraufspränge , die Augen glänzend vom langen , feurigen , begeisterten Gespräch mit den jungen Kameraden , sorglos pfeifend , unter dem triefenden Hut , voll schönen , unklaren Überschwangs , wie der junge Zwicky nach Hause zu kommen pflegte , die Arme reckend : Hah , jetzt muß es dann anders werden ! jetzt probieren wir ' s emal , wir , die Jungen . Ach , käm er selbst , den Hut schief , selbstgefällig kichernd , mit Kotillonorden behängt , mit dem Sträußchen im Knopfloch - es wäre gut , es wäre alles gut ! Nur nicht so ! nur nicht dieses ! Und sie sah ihn heraufkommen , rot vor Scham und Stolz und Leidenschaft , mit der Zitternden , Scheuen , die halb Lächeln , halb Traum ist , die eine Augenblicksliebe ihm in den Arm geworfen , und die sich vergessen hat , Werkzeuge der Natur sie alle beide , der blinden , nicht bösen , nicht guten , gleichgültig schaffenden Natur ... Gut selbst dieses ! Alles gut ! Nur nicht so ! Nur dieses Letzte nicht ! Sie konnte nicht länger warten . Sie schlug wieder an die Tür . » Hermann ! öffne ! ich bin da ! « Nichts regte sich , kein Laut kam . Sie beugte sich zum Schlüsselloch , horchte an der Türritze : kein Atemzug war zu hören . Ein Grab , dachte sie , schlimmer als ein Grab , viel schlimmer ! Und sie begann zu weinen , heiße , mühsame , versprengte Tränen . Mein Geschenk an das Leben Gift , meine Gabe an die Menschheit diese fressende Pest ! Sie starrte in den gelben Mond hinter dem nassen Treppenfenster . Moral insanity ! dies ist moral insanity ! Wir haben wenigstens auch dafür einen Namen ! Vielleicht wäre es besser als alles andere , das ich tun kann , wenn ich ihn tötete . Ich würde es tun , wenn ich ihn liebte , aber - ach , ich liebe ihn nicht