pflegten . Und sie fehlten auch heute nicht . Überhaupt war es ein großes Andrängen , und unter der nun winterlich entlaubten Akazien- und Lindenallee standen in langer Reihe die Wagen , auf denen man herbeigekommen war . Einige fuhren auch auf die zum Teil weit ausgebauten Farmen , mit deren Bewohnern man schon aus Unterhaltungsbedürfnis auf dem besten Fuße stand . Um zehn Uhr begann der Gesang , bei dem Ruth wieder das Beste tat , und dann folgte Gebet und Predigt , die der Alte mit gewohnter Geschicklichkeit nicht bloß dem Tage , sondern auch den Anschauungen seiner gemischten Zuhörerschaft anzupassen wußte . Das Predigen über die Köpfe weg war nicht seine Sache . So ließ er auch heut alles bloß Lehrhafte fallen , hütete sich , vom » geistigen Leibe Christi « zu sprechen , und beschränkte sich darauf , in der schlichten Erzählung von der Geburt des Heilands das schön Menschliche zu betonen . Aus Not und Bedrängnis , aus Armut und Niedrigkeit sei das Heil geboren worden , und der Krippe zu Bethlehem entstamme die Welterlösung . Er verweilte hierbei , sprach aber trotzdem nur kurz , so daß schon um elf Uhr der Gottesdienst mit einem Vers aus dem Weihnachtsliede schließen konnte , bei dessen Verklingen Obadja den Saal als erster verließ . Dann folgte die Gemeinde , zuletzt die Kinder , die diesen Augenblick mit Sehnsucht erwartet hatten und , vom Betsaal in die Halle hinübergeführt , hier mit kaum unterdrückter Aufregung ihre Geschenke vom Weihnachtstische nahmen , um gleich danach unter Vorantritt Krähbiels und Nickels ihren Rückweg in ihre Dörfer anzutreten . Obadja hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen , und eine halbe Stunde später erschien Ruth , um ihm das Frühstück zu bringen , das er um diese Zeit zu nehmen pflegte . Sie setzte das Tablett vor ihn hin und wollte wieder gehen , aber er hielt sie fest . » Du bist so still , Ruth . Hast du mir nichts zu sagen ? « » Nein . Oder doch nur das eine , das du längst weißt , daß ich glücklich bin und dich liebe . « » Und bist du glücklich ? « » Ja . « Sie sagte das mit einem Ton , der jeden Zweifel ausschloß . Und dann küßte sie seine Hand und verließ das Zimmer . In der Halle , darin eben noch alles so laut und lebendig gewesen war , war jetzt alles still , und diese Stille schien noch zu wachsen unter der Dunkelheit , die herrschte . Denn es war ein grauer Tag , ein rechtes Weihnachtswetter . Nichts war sichtbar als der weißgedeckte Tisch , von dem jetzt die Geschenke verschwunden waren , und daneben der Weihnachtsbaum , der wie ein dunkler Schatten in dem allgemeinen Dämmer aufragte . Ruth wollte daran vorüber , fuhr aber zusammen , als ihr Lehnert , den der Baum bis dahin verdeckt hatte , plötzlich entgegentrat . Indessen es währte nicht lang ; im nächsten Augenblick lachte sie wieder : » Lehnert , du hier ? Du schleichst ja wie durch den Forst . « Sie wußte nicht , wie das Wort ihn traf , und setzte scherzhaft und in wiedergewonnener guter Laune hinzu : » Du darfst nicht vorher die goldnen Nüsse zählen ; dazu ist Zeit heut abend , wenn wir den Baum plündern . Und dafür mußt du Sorge tragen , daß Maruschka das Beste kriegt , sonst ist sie traurig und weint . « Lehnert versprach alles und fragte dann , ob der Vater in seinem Zimmer sei . » Willst du zu dem ? « » Ja . « » Und das heut am Weihnachtstag und gleich nach der Predigt ? Ei , das muß etwas Großes sein . « » Ist es auch . Ich will ihn um etwas bitten . Und höre , Ruth , dabei fällt mir ein , du könntest mir Glück dazu wünschen . « » Wenn es etwas Gutes ist . « » Ich glaube , daß es etwas Gutes ist . « » Nun denn von ganzem Herzen . « Sie gab ihm die Hand , und während sie nach links hin und weit um den Tisch herum auf den offenstehenden Flur zuschritt , schritt Lehnert auf Obadjas Zimmer zu , von dessen Tür er den Vorhang zurückschlug . Obadja saß an seinem Arbeitstisch , genau wie damals , als Lehnert zum ersten Male hier eintrat , und ganz wie damals gab er sich und seinem Stuhl eine rasche halbe Wendung und sagte : » Nun , Lehnert . Was bringst du ? Nimm Platz ! « Lehnert setzte sich auch wirklich , schwieg aber befangen . Endlich war er seiner Verlegenheit Herr und begann damit , ihm für die heutige Predigt zu danken , am meisten aber für das , was er gestern abend über den Valerius Herberger gesagt habe . Das hab ihn die ganze Nacht nicht schlafen lassen . Er fühle , daß das das rechte Leben sei : sich , mit Gott im Herzen , vor dem Tode nicht zu fürchten . Und solches Leben zu führen , das sei so recht seine Sehnsucht . Und wenn ihn der Teufel der Eitelkeit und Selbstgerechtigkeit nicht verblende , so möcht er wohl sagen dürfen , er glaube , daß er nicht bloß die Sehnsucht , sondern auch die Kraft dazu habe . » Glaub ' s Lehnert , glaub ' s ... Aber du wolltest mir etwas anderes sagen . « » Ja « , bestätigte Lehnert , » das wollt ich ... « Und doch ( so fuhr er fort ) hab er alles , was er eben über den Herberger und über sich selbst gesagt , erst sagen müssen , denn nur daraus , daß er auch so was wie der Herberger in sich fühle , nur daraus käm ihm der Mut zu dem , was er jetzt sagen wolle . Heraus müss ' es ;