Anderer ermessen kann ... Nächste Woche soll Otto seine Ferien antreten . Er jammert in jedem Briefe , daß der Krieg noch vor und nicht erst nach seiner Offiziersernennung begonnen hat . Er hofft zu Gott , daß der Friede nicht noch vor seinem Austritt aus der Akademie - ausbreche . Das Wort » ausbrechen « wird er vielleicht nicht gebraucht haben , aber jedenfalls entspricht es seiner Auffassung , denn der Frieden erscheint ihm jetzt als eine drohende Kalamität . Nun freilich : so werden sie ja groß gezogen . So lange es Kriege gibt , muß man kriegliebende Soldaten heranziehen ; und so lange es kriegliebende Soldaten gibt , muß es auch Kriege geben ... Ist das ein ewiger , ausgangsloser Cirkel ? Nein , Gott sei Dank ! Denn jene Liebe , trotz aller Schuldrillung , nimmt beständig ab . Wir haben in Henry Thomas Buckle den Nachweis dieser Abnahme gefunden , erinnerst Du Dich ? Aber ich brauche keine gedruckten Nachweise - ein Blick in Dein Herz , Dein edelmenschliches Herz , Friedrich , genügt mir zu dieser Beweisführung ... Weiter mit den Nachrichten : Von unseren in Böhmen begüterten Verwandten und Bekannten erhalten wir allseitig Jammerepisteln . Der Durchmarsch der Truppen - auch wenn sie zum Siege gehen - verwüstet schon das Land und saugt es aus ; wie wenn erst noch der Feind vordringen sollte , wenn sich der Kampf in ihrer Gegend , dort , wo sie ihre Schlösser , ihre Felder besitzen , abspielen sollte ? Alles ist fluchtbereit - die Habseligkeiten gepackt , die Schätze vergraben . Adieu den fröhlichen Reisen in die böhmischen Bäder ; adieu dem friedlichen Aufenthalt auf den Landsitzen ; adieu den glänzenden Herbstjagden und jedenfalls adieu den gewohnten Einkünften von Pachtung und Industrien . Die Ernten werden zertreten , die Fabriken , wenn nicht in Brand geschossen , so doch der Arbeiter beraubt . » Es ist doch ein wahres Unglück , « schreiben sie , » daß wir just im Grenzland leben - und ein zweites Unglück , daß Benedek nicht schon früher und heftiger die Offensive übernahm , um den Krieg in Preußen auszukämpfen . « Vielleicht könnte man es auch ein Unglück nennen , daß die ganze politische Zänkerei nicht von einem Schiedsgericht geschlichtet worden sei , sondern dem Mordgewühle auf böhmischem oder schlesischem Boden ( in Schlesien soll es , glaubwürdigen Reiseberichten zufolge , nämlich auch Menschen und Felder und Fechsungen geben ) anheimgestellt wird . Aber das fällt Niemandem ein ! Mein kleiner Rudolf sitzt zu meinen Füßen , während ich Dir schreibe . Er läßt Dich umarmen und unsern lieben Puxl grüßen . Das geht uns Beiden recht sehr ab , das gute lustige Pintschel - aber andererseits , es hätte seinen Herrn so schwer vermißt und Dir wird es eine Zerstreuung , eine Gesellschaft sein . Grüße ihn von uns Beiden , den Puxel - ich schüttle seine ehrliche Pfote und Rudi küßt seine gute schwarze Schnauze . Und jetzt , für heute leb ' wohl , Du mein Alles ! » Es ist unerhört ! ... Niederlage auf Niederlage ! Zuerst das von Clam-Gallas verbarrikadierte Dorf Podol erstürmt - bei Nacht , bei Mond- und Flammenschein genommen - dann Gitschin erobert ... Das Zündnadelgewehr - das verdammte Zündnadelgewehr mähte die unseren reihenweise nieder . Die beiden großen feindlichen Armeekorps - das vom Kronprinzen und das vom Prinzen Friedrich Karl befehligte - haben sich vereinigt und dringen gegen Münchengrätz vor « ... So klangen die Schreckensnachrichten , welche mein Vater ebenso heftig jammernd vortrug , wie er jubelnd die Siegesnachrichten von Custozza berichtet hatte . Aber noch schwankte seine Zuversicht nicht : » Sie sollen nur kommen , Alle - Alle in unser Böhmen und dort vernichtet werden , bis auf den letzten Mann ... Einen Ausweg , einen Rückzug giebt es dann nicht mehr für sie , wir schließen sie ein , wir umzingeln sie .. Und das entrüstete Landvolk selber wird ihnen den Garaus machen ... Es ist nicht gar so vorteilhaft , als man glauben mag , in Feindesland zu operieren , denn da hat man nicht nur das Heer , sondern die ganze Bevölkerung gegen sich ... Aus den Häusern von Trautenau gossen die Leute aus den Fenstern siedendes Wasser und Öl auf die Menschen - « Ich stieß einen dumpfen Laut des Ekels aus . » Was willst Du ? « sagte mein Vater achselzuckend , » es ist freilich grauenhaft - aber das ist der Krieg . « » Dann behaupte wenigstens nie , daß der Krieg die Menschen veredle ! - Gestehe , daß er sie entmenscht , vertigert , verteufelt : ... Siedendes Öl ! ... Ach ! « ... » Gebotene Selbstverteidigung und gerechte Rache , liebe Martha . Glaubst Du etwa , ihre Zündnadelgeschosse thun den unseren wohl ? ... Wie das wehrlose Schlachtvieh müssen unsere Tapferen dieser mörderischen Waffe unterliegen . Aber wir sind zu zahlreich , zu diszipliniert , zu kampftüchtig , um nicht doch noch über die Schneidergesellen zu siegen . Zu Anfang sind gleich ein paar Fehler begangen worden . Das gebe ich zu . Benedek hätte gleich die preußische Grenze überschreiten sollen ... Es steigen mir Zweifel auf , ob diese Feldherrnwahl eine ganz glückliche war ... Hätte man lieber den Erzherzog Albrecht hinauf geschickt und dem Benedek die Süd-Armee übergeben ... Aber ich will nicht zu früh verzagen - bis jetzt haben ja eigentlich doch nur vorbereitende Gefechte stattgefunden , welche von den Preußen zu großen Siegen aufgebauscht werden - die Entscheidungsschlachten kommen erst . Jetzt konzentrieren wir uns bei Königgrätz ; dort - über hunderttausend Mann stark - erwarten wir den Feind ... dort wird unser nördliches Custozza geschlagen ! « Dort würde auch Friedrich mitkämpfen . Sein letztes , am selben Morgen angelangtes Briefchen trug die Nachricht : » Wir begeben uns nach Königgrätz . « Ich hatte bisher regelmäßig Kunde erhalten . Obwohl er in seinem ersten Briefe mich darauf